Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1871)
- Date
- 1871-12-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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S65 Der SflcimeT reihte an diese Worte eine Charakterschilderung des Heimgegangenen isr. Mitbürgers. Das ist ein c&n rn’p! Ehre aber auch dem huinanen Geistlichen, der so vorurtheilssrei die hohen Verdienste eines isr. Mitbürgers anerkennt. Köln. Die preußische Regierung scheint nunmehr sich um Juden und Judenthum mehr zu kümmern. Davon gibt nachstehende in der „Kölner Ztg." stehende Annonce Zeugniß: „Die Lieferung des pro 1872 für die jüdischen Gefangenen der hiesigen Männersirasanstalt erforderlichen 360 Kilo koscheres Fett und 2OO Kilo koscheres Rindsieisch soll im Wege der Submission an den Wenigstsordernden verdungen werden. Lieferungslustige werden demnach eingeladen, ihre schriftlichen versiegelten Submissionen unter der Adresse der Unterzeichneten Dicection einzureichen. Köln, 26. November 1871. Der Director v. Götzen. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie Wien. Das Leopoldstädter Communal - Real- und Obergymnasium ist nunmehr vollständig, indem mit Beginn des Schuljahres die achte und letzte Elaste in's Leben ttat. Die Direction dieser von 126 katholischen, 10 protestantischen und 346 isracl. Schülern besuchten Anstalt faßt nunmehr die abzuhaltenden Maturitätsprüfungen in's Auge imb hat detzhalb auch ihre Anträge an den Gemeinderath erstattet. Vor Allem befaßte sie sich mit der Frage wegen der Religionslehre, ob dieselbe als Maturitätsgegenstand zugelasten werden solle oder rächt. Sie verneint es entschieden, indem dadurch den in der großen Minderheit befindlichen katholischen Schülern faktisch ein Unrecht geschehe, wenn sie einen Gegenstand mehr hätten als ihre isr. Collegen; sie weift ferner auf die Umstände hin, die sich ergeben würden, wenn confessionslose Schüler zur Maturitätsprüfung sich melden würden rc. Hingegen tritt sie auf das Wärmste für Aufnahme der Naturwissenschaften als Maturitätsgegenstand ein, was von den größten wissenschaftlichen Capacitäten ichon lange befürwortet wurde. Diese Frage wird demnächst von der Mittelschul-Deputation des Gemeinderaths zur Entscheidung gebracht werden. Wien. „Ich will mich Ihnen,, meine Damen, nicht aufdrängen!" Diese Worte, von leisem Lächeln begleitet, sprach vor Kurzem einer der Gewaltigsten der! Gewaltigen auf Erden zu zwei Damen, von denen die eine Gräfin, die andere Fürstin ist. Der Gewaltige ist Niemand Anderer als Rothschild, die beiden Damen kamen als — Bettlerinnen. Selbstverständlich bettelten die Tannen für Andere und zwar für ein in Ischl zu erbauendes Spital. Solches Betteln ist ganz löblich und Rothschild zögerte auch nicht im Geringsten, nach der Feder zu greifen, um auf den Subscriptionsbogen seinen Namen sammt einer bedeutenden Summe zu setzen. Gerade da er die Feder in die Tinte tauchen wollte, fährt ihm ein Einfall durch den Kopf. „Sie verzeihen wohl meine Frage," Hub er an, „ist das Spital.interconfessionell, d. h. können auch Kranke darin ausgenommen werden, welche nicht katholisch sind?' Die Damen wurden verlegen. Doch was blieb weiter übrig, als zu gestehen — in der That dürsten nur katholische Kranke in das Spital anfgenommen werden. Dann, meine Damen, antwortete der Geldfürst und legte die Feder ans den Tisch — dann, meine Damen, will ich mich Ihnen nicht anfdrängen und lächelte fein. Die Damen verstanden dieses Lächeln auch ohne Commentar und — empfahlen sich. Frankreich. Marseille. Die Wittwe des Hingerichteten Gaston Cremieux hat ein Schreiben »an das Journal „l'Egalite" gerichtet, um der Marseiller Demokratie ihren Dank für die dem Andenken des Verstorbenen dargebrachten Beweise der Sympathie auszudrücken. Madame Noemi Cremieux, geborene Molina, ist noch nicht 25 Jahre alt und ungewöhnlich schön. Ihre Züge, obschon durch beu Schmerz etwas verändert , haben die Regelmäßigkeit des jüdischen Typus beibehalten. Wir geben hier den Wortlaut des Briefes, welcher die Runde durch die aesammte französische Presse macht: Herr Chef-Redakteur! Von Ihrer Denkungsweise und Ihrer loyalen Freundschaft, überzeugt, wage ich es, Sie zu bitten, bei der trefflichen Bevölkerung von Marseille, welche so viel Herz und edle Menschlichkeilsgefühle gezeigt hat, der Dollmetsch einer Wittwe und dreier Waisen sein zu wollen. Könnte ich zu der Menge sprechen, welche sich am Samstag vor der Wohnstube der trauernden Ueberlebenden und Sonntags vor der letzten Ruhestätte des Opfers versammelt hatte, so würde ich ihr sagen: Im Namen Desjenigen, der nicht mehr ist, — im Namen seiner drei kleinen Kinder, unterdrücke ich für einen Augenblick meinen unermeßlichen Schmerz, um Ihnen für di. rührenden Beweise von Sympathie zu danken, welche sie mir so reichlich zu Theil werden ließen. Könnte etwas meine Verzweiflung lindern, so würben diese Tröstungen es vermögen, aber welche Linderung ist in einer so fürchterlichen Lage möglich! Und doch bin ich stolz darauf, mir sagen zu können, ich bin die Wittwe Gaston Cremieux', Gastons, der starb, wie Republikaner zu sterben wissen, und