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Der Israelit · 1871-12-27 · Heft 52 (27.12.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 52 (27.12.1871)
Date
1871-12-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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962 Doch, sei ruhig, seine Leidenszeit ist bald vorüber; sobald er zu mir kömmt, soll ihm geholfen werden." In diesem Augenblicke sammelten sich viele Menschen um einen Constabler und einen Mann in ärmlicher, abgeschabter Kleidung. „Sie gehen hausiren," hörte man den Schutzmann rufen, „zeigen Sie Ihr Patent!" „„Ich habe den ganzen Feldzug mitgemacht,"" rief der Andere, „„und hatte kein Geld, ein Patent zu lösen." " „Folgen Sie mir, Sie sind Arrestant!" sagte der Schutzmann. „Halt!" rief Agnes dem Kutscher zu, und ehe der Onkel noch wußte, was vorging, war sie aus dem Wagen gesprungen und bahnte sich einen Weg durch die anwachsende Menschenmenge. „Constabler," ries sie, „der Herr ist mein Bruder! Arretiren Sie ihn nicht, ich cavire für jede Summe." „„Agnes!"" ries der Arrestant. „Alfred, lieber Bruder," sagte die junge Dame, „komm mit mir, dort im Wagen ist der Onkel." Alfted Dannenberg, denn er war es, wollte der jungen Dame an den Wagen folgen. Allein der Schutzmann litt es nicht. „Mein Fräulein," sagte er, „das jeht man nich so! Der Herr Bruder muß erst mit mir auf den Molkenmarkt; da können Sie dann die Caution für seine Freilassung erlegen." Unterdeß war auch Herr Bärwald herbeigekommen. „Steige ein, lieber Neffe," sagte er, sich rasch in die Situation findend. „Wir fahren zusammen nach dem Molkenmarkte." „Uu ich?" fragte der Schutzmann. „Ich sott hinterherjeloffen kommen. Ne! Js nich; ich lasse meinen Arrestanten nich los." „Hier, guter Freund, „sagte Herr Bärwald, ihm einen Thaler in die Hand drückend. „Nehmen Sie sich eine Droschke und fahren Sie ebenfalls nach dem Molkenmarkt," Als die drei in die Equipage eingestiegen waren, sagte Agnes: „Alfted, lieber Alfted, wie glücklich bin ich, Ihnen fast in derselben Weise nützlich sein zu können, wie Sie es einst mir gewesen. Dieser Herr hier ist mein Onkel, der Bruder meines seligen Vaters; erwirb für Sie sorgen, wie Sie einst durch Frau Honigmann sü.r mich gesorgt haben." Bald hielt der Wagen am Molkenmarkt; die Angelegenheit war schnell beendet, und der Arrestant wurde sofort auf die von Herrn Bärwald erlegte Caution hin entlassen. Wenige Tage nachher war bei Frau Geheimrath Berncastel große Kaffee-Visite. „Haben Sie schon jehert, Frau Jeheimräthin," fragte Frau Commisfionsräthin Buttermilch, „die wunderbare Jeschichte von unserer ehemalijen Musiklehrerin, Fräulein Bärwald?"! „ „Was Sie sägen! eine wunderbare Geschichte, erzählen Sie doch!"" „Ein Onkel aus Ostindien, ein Millionär, hat sie zu feiner Universalerbin einjesetzt." „„Ach, nicht möglich!"" „Das Scheenste kommt erst noch; sie ist Braut, rathen Sie einmal mit wem!" „„Das kann ich nicht rächen!"" „„Denken Sie Sich, aus das Comptoir meines Mannes unter den Linden kömmt dieser Tage ein schabijer Mensch, sagt, er sei ein entlassener Landwehrmann und will Stahlfedern verkarsten. Mein Mann will ihm ein Vierjroschenstick schenken; er aber wird jrob und sagt, er wolle kein Almosen; er habe fier's Vaterland jekämpft in 26 Schlachten, habe das eiserne Kretz und so weiter. Mein Mann aber läßt sich nichts jefallen; er ruft einen Conftabulär, und der will den Zudringlichen arretiren. Da fährt die Bärwald mit ihrem Joldonkel in scheener Equipage vorbei; sie springt zuck. Wagen heraus, sagt, der Landwehrmann sei ihr Bruder, und dann fahren sie alle, der Constabulör in einer Droschke hintennach, nach dem Molkenmartt." „,,Jä, das ist jä ein ganzer Roman!"" „Und nun, denken Sie, herrathet das Mädchen diesen Menschen, nnd der etablirt sich hier, und der Joldonkel jibt ihm hnndetttansend Thaler zum Etablkssemem!" „„Was Sie sägen, diese Clavierßpielerin! das mutz ich doch meinem Männe erzählen! Aber, lassen Sie nicht kalt werden, meine Damen! Frau Professor Caspärius, essen Sie nicht ein belegtes Butterbrödchen? hier sind mit Käse, hier mit Rinderbraten und hier mit ganz vorzüglichem Schweinebraten!"" Doch lassen wir die würdigen Damen ihren Neid und ihren Aerger mit Essen und Trmken bekämpfen und kehren wir zu den Helden unserer Geschichte zurück. Die Frau Commissionsrathin hat die Wahrheit gesagt; Alfted hat sich in Gemeinschaft mit dem jungen Honigmann etablirt und Onkel Bärwald hat als stiller Therlhaber das Geld dazu hergegeben. Kurz vor dem jüdischen Neujahrsfeste hat Alfred Dannenberg das jung« Mädchen heimaesührt, das er einst, ohne es zu kennen brüderlich beschützt hatte nnd dem er jetzt sein ganzem Glück verdankt. „Wirf Dein Brod nur über das Was ser, nach vielen Tagen wirft Du es wiederfinden." Hierzu eine Beilage nebst Titelblatt u. Inhaltsverzeichnis Verantwortliche Redactton: vr. Leh-mann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckern in Mainz. « s J l r ( e l t ü b d CI d ü a Q <& i <§ dc ft d< ft m ru lo ¥ m

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