Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1871)
- Date
- 1871-12-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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•61 „Lieber Onkel," sagte sie, „ich kann mich dem Vergnügen nicht hingeben, während mein Vaterland gegen den übermächtigen, herausfordernden Nachbar den Verzweiflungskamps kämpft, während Deutschlands beste Jugend in mörderischen Schlachten zum Tode geführt wird." „„Sieh, sieh,"" sagte der Onkel, „„welch eine Patriotin Du bist! Ich glaube aber, „der arme Alfred" hat den größten Theil dieses Patriotismus verschuldet; wenn er nicht mit in den Krieg hätte müssen, so würdest Du wohl schwerlich so viel an die deutschen Vaterlandsvertheidiger denken!" " Agnes wurde roth. „Ja," sagte sie nach einer Pause, „ich gestehe es zu, ich nehme den herzlichsten Antheil an dem braven, jungen Manne, der sich meiner so warm und uneigennützig angenommen!" Bald darauf kamen die ersten Nachrichten von den deutschen Siegen bei Weißenburg, Wörth und Spichern; aber bei Agnes kam die Freude nicht recht ans ob der Sorge um das Geschick des jungen Mannes, den sie vor allen Andern werth hielt. Sie bat den Onkel, er möge die Kölnische Zeitung bestellen, und als diese kam, ftudirte sie mit Bangen und Zagen die Verlustlisten, und war ganz glücklich, wenn sie in den langen Reihen der Todten, Vermißten und Verwundeten den Namen Alfred Dannenberg nicht fand. Als dann aber im Herbste die in den englischen Zeitungen noch übertriebenen Nachrichten von den zahlreichen Erkrankungen an Ruhr und Typhus kamen, da wäre es Agnes fast lieber gewesen, sie hätte den Namen des Freundes unter den Leichtverwundeten gefunden. Der Onkel hatte nunmehr seine Gesundheit vollständig wieder erlangt; er behauptete, daß lediglich die sorgfältige Pflege seiner Nichte ihm die Genesung verschafft habe; er war voller Liebe und Aufmerksamkeit gegen sie und suchte jedem ihrer Wünsche zuvorzukommen. dt iebte nunmehr streng nach dem jüdischen Gesetze; anfangs hatte er das seiner Nichte zu Gefallen gethan; später aber fand er selbst die größte Genugthuung darin. Er fühlte sich wieder in seine Jugend versetzt, da er im Hause seiner fronrmen Eltern die größte Lust darin gefunden, den Geboten Gottes nachzuleben. Damit erwachte aber auch die Sehnsucht nach der Heimath. „Sowie es Friede und die Jahreszeit günstig ist," sagte er zu Agnes, „so reisen wir nach Deutschland. Zuerst direct nach Stt., zum Grabe meiner seligen Eltern und dann nach Berlin, um dort der guten Frau Honigmann persönlich unsern Dank für all das Gute abzuftatten, das sie Dir erwiesen hat." Und der schreckliche Winter 70—71 ging vorüber, und es kam der Waffenstillstand, und der Friede erschien zugleich mit der schönen Jahreszeit; aber mit dem Frühjahr war Herr Bärwald wieder leidend geworden, und die Reise verzögerte sich bis zum Hochsommer. Als diese endlich angetreten wurde, hielten sich die Reisenden in Berlin nicht auf, sondern fuhren direct nach Str. Das ganze Städtchen war auf den Beinen, um den weitgewanderten, als Millionär zurückgekehrten Landsmann und dessen Nichte zu sehen, die in so trüben Verhältnissen die Vaterstadt verlaffen hatte und nun als vornehme Dame zurückkehrte. Herr Bärwald betete auf den Gräbern seiner Lieben, machte zum Andenken an dieselben eine wohlthätige Stiftung mit bedeutendem Capital und beschenkte die Armen reichlich. Dann kehrte er mit Agnes nach Berlin zurück. Mit welcher Freude Frau Honigmann die geliebte Pflegetochter, deren Schicksal sich so günstig gestaltet hatte, empfing, läßt sich nicht beschreiben. Herr Bärwald dankte ihr auf's Herzlichste und bot ihr seine reichen Mittel an, wenn sie oder die Ihrigen Etwas bedürfen sollten. „Ich danke Ihnen," sagte die gute Frau, „ich bedarf, Gott sei Dank, nichts. Wir haben unser Auskommen durch Gottes, des Allmächtigen, Hilfe. Aber ein Anderer könnte es wohl brauchen, daß Sie ihm unter die Arme greifen. Alfred Dannenberg ist vom Militär entlasten, nachdem er den ganzen Feldzug mitgemacht hat und zum Sergeanten avancirt ist. Der arme Mensch besitzt nichts, gar nichts. Er läuft jetzt hier in Berlin herum und hat lange eine Stelle gesucht, ohne eiu> solche finden zu können. Jetzt geht er mit Couverts, Papier, Stahlfedern und dergleichen hausiren, um nur sein Leben zu fristen." Agnes traten die Thränen in die Augen. „Geben Sie mir feine Adresse," sagte Herr Bärwald, „ich will ihn aufsuchen und will sehen, was ich für ihn thun kann." „„Seine Adresse kenne ich nicht; aber er wird wohl dieser Tage wieder zu uns kommen; da will ich ihn zu Ihnen schicken. Sie wohnen?"" „Mernhardt's Hotel, unter den Linden." Als Agnes und ihr Onkel in der eleganten Equipage, die dieser für die Zeit seines Aufenthaltes in Berlin gemiethet hatte, nach ihrem Hotel zurückfuhren, ließ Agnes ihren Thränen freien Lauf. „Weine nicht," sagte der Onkel, „fteue Dich lieber, daß Dein Freund gesund aus dem schrecklichen und mörderischen Kriege zurückgekehrt ist." „„Ach, geliebter Onkel, nachdem der arme Alfred soviel gelitten, so vielen Gefahren ausgesetzt war, so viele Strapatzen erduldet hat, muß er jetzt mit der bittersten Armuth kämpfen!"" „Ja, das ist einmal das Loos der Soldaten. Soll der Kaiser etwa jedem einzelnen Krieger eine Dotation von tausend Thalern aussetzen? Da würden die fünf Milliarden Kriegscontribution gerade darauf gehen