Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1871)
- Date
- 1871-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447549--09967-2465688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
946 «r während seines Wanderlebens gemacht, hatten sein .Herz mit Mißtrauen gegen alle Menschen erfüllt. Er tarnte sich des Gedankens nicht entschlagen, daß dieses junge Mädchen, das so gut und unschuldig schien, «ur deßhalb ihn pflege, weil cs darauf rechne, sein Vermögen zu erben. Er hatte deßhalb schon früher feine Habe bedeutend geringer dargestellr als sie in -er T§at war; jetzt beschloß er, Agnes auf die Probe zu stellen. Schon oft, wenn Agnes ihrem Onkel auf dem Clamere vorgespielt, hatlc dieser cs bedauert, daß die geschickte Virtuosin sich nicht öffentlich Horen lasse und hlttte ihr die glänzendsten Erfolge prophezeit. Aber Agnes war durchaus nicht zu bewegen, öffentlich auszutreten. Als eines Tages Herr Bärwald beim Frühstückslische seine Briefe öffnete, sank er plötzlich mit lautem Aufschrei in seinen Lehnsessel zurück. „Was ist Ihnen, lieber Onkel?" fragte Agnes LesorgL Mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes reichte er ihr einen soeben von ihm geöffneten Brief, in welchem Agnes die Anzeige las, daß das Bankhaus David, Capulet & Co. in Folge der kriegerischen Ereignisse und des Sturzes französischer, deutscher und hol- LmdLscher Häuser, mit denen es in Verbindung gestanden, sich gezwungen sehe, seine Zahlungen einzustellen. ,Mei diesen Banquiers," sagte der Onkel seufzend, „habe ich mein ganzes Vermögen stehen gehabt; ich bin ruinirt." „Bester Onkel," sagte die Nichte tröstend, „lassen Sie es sich nicht zu sehr schmerzen." „Du hast gut reden; Du weißt nicht, was es heißt, die Früchte jahrelanger Mühen, entsetzlicher Qualen und Anstrengungen so plötzlich einzubüßen! Nun muß ich meine schöne Wohnung ausgeben, mein Modrlar verkaufen und am Hungertuche nagen!" „O, wenn ich Ihnen helfen könnte!" „Das kannst Du vielleicht. Wenn Du Dich entschließen möchtest, Eonzerle zu geben — Du würdest genug gewinnen, um uns beide anständig zu ernähren. Ich habe zahlreiche Bekannte und gute Verbindungen. Die halbe City*) würde kommen, Dich zu hören." „O, lieber Onkel, wenn ich Ihnen damit Helsen kann — ich bin zu allem bereit." Herr Bärwald, der jetzt vollständig wieder genesen war, machte sich bald an die Aufgabe, ein Concert zu arrangiren. Ein eleganter Saal wurde gemiethet, *) Der Theil von London, in welchem sich Handel und Geschäft conccntriren. Billets wurden gedruckt und alle Vorbereitungen wurden getroffen. Täglich kam Herr Bärwald mit freudigen Nachrichten. Das Entree war aus fünf Schillinge (1 Thaler 20 Sgr.) normirt, nnd in kurzer Zeit waren 4M Billets verkauft. „Wie viele werden noch an der Kasse bezahlen!" sagte Herr Bärwald, „ich rechne auf eine reine Einnahme von IM Pfund Sterling!" An dem zum Concerte bestimmten Abende fuhr Agnes mit ihrem Onkel nach dem Locale, wo sie spielen sollte. Der Saal war wundervoll erleuchtet und reich mit Blumen und tropischen Gewächsen decorirt. „Wird Niemand außer mir Etwas vertragend" fragte Agnes. „Niemand," antwortete der Onkel. „Wir hätten ja sonst die Einnahme mit Andern thcilen müssen, und ich kann Nichts davon entbehren." „„Aber wird es für das Publicum nicht zu eintönig sein, wenn ich allein den ganzen Abend ansfüllen soll?"" , O nein, im Gegentheil, das Publikum, das Dich erwartet, will nur Dich hören" Agnes ging in ein Ncbenzinrmer, um dort die zum Beginne festgesetzte Stunde abzuwarten. Mit dem Glockenschlage sieben führte sie der Onkel in den Saal. Allein, was war das"? da standen wohl Hunderte von. Stühlen, aber sie waren alle unbesetzt. Der ganze unheure Saal war leer. Agnes fühlte sich einer Ohnmacht nahe. „Warum kömmt Niemand, Onkel'?" fragte sie mit gepreßter Stimme. .,„Weil ich allein,"" sagte dieser triumphirend, „alle Billets an mich gekauft habe. New, mein liebes Kind, Du sollst wider Derne Neigung, Dich nicht öffentlich hören (affen, nich töffentlich anstreten. Ich wollteDich nur auf die Probe stellen, ob Du im Stande sein würdest, mir ein derartiges Opfer zu bringen. Wisse, ich bin nicht ruinirt. Bei der Fallitmasse von David, Capulet & Cie. bin ich nur mit 500 Pfund betheiligt. Das aber macht mir gar nichts aus, denn ich bin Millionär, und Du, mein geliebtes Kind, Du sollst einst meine einzige Erbin sein. So, jetzt spiele aber einmal, wie wenn ein zahlreiches, feines, auserlesenes Publicum anwesend wäre. Ich werde dich fürstlich dafür belohnen." Bald darauf rauschten die Klänge des Claviers durch den leei'en Saal, und der einzige Zuhörer klatschte nach jeder Piece so stark er nur konnte nnd rief aus vollem Halse: „Bravo!" (Schluß folgt.) Hierzu eine Beilage. Bcrrmlwvrrliche Aedaction: L>,. Led ma nn. — BcrMg tct Le Aonx'lchcn Hosduchhandlung. I. Gottsteden's Buchdrucker« ln Mainz.