Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1871)
- Date
- 1871-12-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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945 England. i London. Der verstorbene Emanuel Mocatta hat an hiesige größtentheils jüdische Wohlthättgkeitsanlstalten 5500 Pfd. Sterl. (66000 fl.) vermacht. (Jew. Chr.) Agnes. ix. Bei der sorgsamen Pflege, welche die treue Nichte oem Kranken angedeihen ließ, erholte derselbe sich zusehends. Schon nach wenigen Wochen war Herr Varwald so weit hergestellt, daß er ausfahren durfte; N ließ durch William eine elegante Equipage miechen md fuhr mit seiner Nichte nach Hyde-Park. Das ist ne Zusammenkunft der vornehmen Welt, wahrend der ieason (sprich: Sziesen). Wahrend in andern großen Städten, in Paris, Wien, Berlin rc. die Hauptjahreszeit der Winter ist — den Sommer bringt die bornehme Welt auf dem Lande und in den Bädern u — ist es in London die erste Hälfte des Sommers, velche die elegante und reiche Gesellschaft der Hauptkabt vereint, und diese Sommermonate nennt man vorzugsweise soason. Während dieser Zeit flnden sich kte berühmtesten Künstler und Künstlerinnen: Sanier, Musiker, Schauspieler rc. in London ein, um der vornehmen Welt gegen hohes Salair Vergnügen zu kereiten. Täglich gibt sich Alles, was sich zur „Gerllschaft" rechnet, wenn es das Wetter nur irgend Irlau&t, im Hyde-Park ein rendez-vous. Dies ist in schöner Park, der eine ungeheure Wiese einschließt, in der Seite desselben ist ein langer Fahrweg, aus lern sich &quipage — einfache Cabs (Droschken) werken nicht zugelassen — an Equipage reiht. Diese Dagen fahren nur die eine Seite hinauf, um von der Drdcrn wieder zurückzufahren; auf diese Weise fahren ie Wagen aneinander vorüber, die Insassen derselben bepffen sich, die Damen tragen ihre schönen Toiletten zur Rchau, die reichen Lords zeigen ihre eleganten Equipen, ihre prachtvollen Pferde; manchmal reiten auch ierren neben den Wagen her, in denen sie Bekannte rfunden. Das ist die berühmte Hr-de-Park-Promenade - echt englischer Geschmack und langweilig im Höchen Grade. Auch Agnes staunte über diese sonderbare Sitte und bat ihren Onkel, dem Kutscher Befehl zu geben, einen anderen Weg einzuschlagen. Gerade als diesem Befehle Folge gegeben wurde, sprengte eia Reiter heran. „Agnes!" rief er, und das junge Mädchen erkannte sofort den Violin-Virtuosen Aloys Tempelhoff. „Fraulein Barwald," rief er, dicht an den Wagen heranreitend, „Sie hier? Gestatten Sie mir, bafr ich Sie besuche!" „Kennst Du den Herrn?" fragte Herr Bärwald. „Ich heiße Tempelhoff, mein Herr," antwortete der Künstler statt der Gefragten, „und hatte in Berlin das Glück, das Fraulein kennen zu lernen." „Ah," sagte Herr Bärwald, „Sie sind der berühmte Tempelhoff, der große Künstler, von deffea Leistungen alle Welt entzückt ist? Ich bin der Onkel dieser jungen Dame. Es wird mir Freude machen, Sie bei mir zu sehen. Ich wohne . . . ." „Lieber Onkel," fiel ihm Agnes in's Wort, „ich trage kein Verlangen, die Bekanntschaft des Herrn za erneuern." „Sie haben," rief Tempelhoff, „von meiner Derheirathung und dem Glaubenswechsel gehört! so wissen Sie denn, daß ich von meiner Frau geschieden ruck in jedem Augenblick bereit bin, zum Zudenthume zrrrückzutreten." „Lieber Onkel," sagte Agnes, sich stolz in die Kffsen des Wagens zurücklehnend, „sagen Sie gütigst d«a Herrn, daß seine Angelegenheiten durchaus kein Interesse für mich haben und daß ich nicht wünsche, ihm wieder zu begegnen." Tempelhoff wartete nicht, bis Herr Bärwald diese Worte wiederholte, sondern sprengte ohne Gruß von dannen. „ Kebe Nichte," sagte, während der Kutscher weitcrfuhr, Herr Bärwald, „ich bewundere Dich. Du kannst ja so vornehm abweisen, wie wenn Du eine Prinzessin wärst! Wo hast Du denn diese „Vornehmheit" erlernt?" „Ja, lieber Onkel, ich habe mich nicht umsonst in Hofzirkeln betvegt." Sie erzählte dann von ihrer Bekanntschaft mit Tempelhoff und von allem, was sich für sie daran geknüpft hatte. Gestärkt und gekrastigt kam der Onkel nach Hause. Da aber erwarteten die Hcimkehrenden böse Nachrichten; der deutsch-französische Conflikt war ausgebrochen. „Ach," ries Agnes, „wenn es Krieg gibt, so mutz der arme Alfred, dessen Dienstzeit gerade abgelaufen, mit in den Krieg ziehen'." „Wer ist der arme Alfred?" fragte der OnkÄ. Agnes erzählte ihm von dem edlen jungen Manne, der sie zweimal gerettet hatte. — Herr Bür::a!d f:i:rc Nickte von Tag zu Tag lieber. Allein gar viele trübe Ersahrunge.. dre