Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1871)
- Date
- 1871-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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943 Zudenheit theilt sich nunmehr in eine congreßliche und I in eine orthodoxe. Wenn also die orthodoxen Israeliten in Pefth sich von dem hingeworfenen Köder eines -althergebrachten Gottesdienstes und eines gesetzestreuen Predigers in demselben verlocken lassen, so werden sie dadurch selbstverständlich in's congrcßliche Lager Hineingetrieben. Daher gibt es in Pest eine kleine aber thatkräftige und für Gott begeisterte Partei, die unbeirrt die Trennung von der Hauptgemeinde anstrebt und mit der großen orthodoxen Partei im Lande eins sein will. So liegen gegenwärtig die Verhältnisse, und die Wahl eines gesetzestreuen Rabbinen ist von Seiten des Pesther isr. Gemeindevorstandes noch nicht getroffen. Sie ist auch eine sehr schwierige; denn der zu Erwählende soll ganz widersprechende Eigenschaften in sich vereinigen; er soll gesetzestreu sein und soll sich dazu hergeben, mit den Herren Kohn und Kaiserling ein Collegium zu bilden; er soll vor Allem friedfertig sein und soll zu Allem schweigen, wenn irgendwie ein Wort den Frieden der Gemeinde stören könnte. Die meisten Chancen für die zu treffende Wahl hat Herr Rabbiner Pollak in Jnowraclaw (Provinz Posen), ein geborener Ungar; derselbe hat in Pefth wiederholt gepredigt und großen Beifall gefunden. Wir müssen jedoch gestehen, daß wir es aufrichtig bedauern, daß Herr P. sich um eine derartige Stellung beworben hat. Herr Pollak ist ein Jugendfreund des Herausgebers dieser Blätter; derselbe lebte und wirkte stets nach den Grundsätzen unserer heiligen Religion. Nachdem er in Prag seine Studien vollendet hatte, wurde er Rabbiner in Janowitz in Böhmen, dann in Kremsier in Mähren und wirkt jetzt seit eincmJahrzehnt segensreich in Jnowraclaw. Als er dorthin kam, besuchten viele jüdische Kinder die Schule der protestantischen Mission, wo sie Schulutensilien und Unterricht frei erhielten und für eine künftige Bekehrung vorbereitet wurden. Dem Bemühen des Herrn Rabbinen Pollak ist es gelungen, diesen Mißstand zu beseitigen und die Missionsschule zu sprengen. Wir bedauern, daß Herr P. seinen segensreichen Wirkungskreis verlassen und sich in eine jedenfalls schiefe Stellung begeben will. Zu unserer größten Betrübniß lasen wir unlängst in einem Pesther Blatte einen Artikel, der uns mit der Ehre und dem Charakter des Herrn P. nicht vereinbar schien; in einer Gerneinde-Vorstands-Sitzung nämlich, sei darauf hingerviesen worden, daß Herr P. ein Fanatiker sei, der die Erklärung der 133 Rabbinen gegen die Augsburger Synode mit unterzeichnet habe; darauf sei Herr P. interpellirt worden und er habe geantwortet, er habe sich damals zu jener Erklärung ,ch i n r e i ß e n" lassen, er bereue es sehr und würde Derartiges nie wieder thun. Unsere geehrten Leser können sich leicht denken, mit welcher Betrübniß uns eine so schmachvolle Aeußerung eines Freundes erfüllen mußte; wir bezweifelten aber die Wahrheit des Mitgetheilten', zumal wir am Besten wissen mußten, daß auf Herrn Pollak beim Erlaß jener Erklärung nicht der geringste Einfluß war geübt worden. Es freut uns nun, mittheilen zu können, daß das erwähnte ungarische Blatt ungenau berichtet war. Herr Rabbiner Pollak hat keine derartige Aeußerung gethan; er hat vielmehr, wie uns von competenter Seite mitgetheilt wird, in seinem Antwortschreiben nachgewiesen, daß jene zunächst gegen die Schandthat des Eisenacher Heß und dann gegen die Augsburger Synode gerichtete Erklärung durchaus nothwendig war, um die Reinheit und Nothwendigkeit der jüdischen Ehe, der jüdischen Familie zu erhalten. Wir wiederholen es: wir bedauern, daß Herr Rabbiner Pollak sich in eine schiefe Stellung beheben will; allein wir sind überzeugt, daß er niemals seinen Prinzipien untreu werden oder seinem bisherigen Leben und Wirken ein Dementi geben wird, daß er vielmehr nur deßhalb die sich ihm in Pesth darbietende Stelle annehme» will, um dort so viel Gutes als möglich zu wirken. Ob ihm dies in schiefer Stellung möglich sein wird, das ist eine andere Frage. Stuttgart, 9. Dez. Die Kammer der Abgeordneten hat den voil der Regierung wie bisher exigitten Beitrag zu der israelitischen Central-Kirchenkasse mit jährlichen fl. 9600 für die Etatsperiode 1870 - 7S wieder genehmigt. — Die israelitischen Volksschnllehrer haben sich der Petition ihrer evang und tathol. College» um Erhöhung des Gehalts, Verbesserung ihrer Stellung und ihres Bildungsmodus angeschlossen. An der Audienz bei dem Kultusminister nahm auch ein israelitischer Volksschnllehrer Antheil — Auch die israel. Lehrerborsänger und Vorsänger werden, da ihre Verhältnisse einer besonderen Beleuchtung bedürfen, eine Eingabe an das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens, dem Minister v. Geßler, in einer Audienz überreichen. — In einer größeren Wählerversammlung ist der Oberkirchenvorsteher A. Levi zum Stadrath in Vorschlag gebracht' worden; er hat Aussicht, zu siegen, da er schon bisher in: Bürgerausschutz der Residenz mit Auszeichnung wirkte. — Der Verwaltungsrath des württembergischen Landesvereins hat an die sammtlichen Oberkirchenbehörden die Bitte gerichtet, in Erinnerung an die für die württembergischen Truppen ebenso rühmals opfervollen Schlachttage des 30. November und 2. Deccmber v. I. und in Verbindung mit einer entsprechenden kirchlichen Feier die Ersamnilnng von Kirchenopferrr für die Invaliden und die hilfsbedürftigen Hinterbliebenen der Gefallenen zu veranstalten. Sämmtliche Oberkirchenbehörden find dieser Bitte bereitwilligst ent-