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Der Israelit · 1871-12-13 · Heft 50 (13.12.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 50 (13.12.1871)
Date
1871-12-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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930 „„So hören Sie, Mister William; ich esse nur lolche Speisen, die von Juden nach dem Gesetze Moses bereitet sind."" „Ach, ich weiß," entgegnete der bibelfeste Engländer, „und ihr sollt nicht essen das Kameel und das Kaninchen und den Hasen und das Schwein! Nun, Miß, Kameele und Kaninchen werden hier in London überhaupt nicht gegessen; Hasen liefert die jetzige Jahreszeit nicht, und daß Sie kein Schweinefleisch bekommen, dafür lassen Sie mich sorgen." Agnes lächelte. ' „ „Ja, guter William" sagte sie, „ „damit ist es nicht abgemacht. Die Thicre müssen nach mosaischer Vorschrift geschlachtet, dem Fleisch muh das Blut ent- ' zogen und noch hundert andere Dinge müssen bei der Bereitung der Speisen beobachtet werden. Aber lassen Sie mir durch Betty eine Tasse Thee kochen und bringen Sie mir Brod und Butler, ich werde für heute genug davon haben."" „Und Schinken und Eier und Kuchen?" „ „Nein, nichts von allem Denr, nur Thee imb Brod und Butter." " Bald war. der einfache Imbiß bereit. Während - Agnes es sich wohlschmecken ließ, kam vom Onkel die Botschaft, daß er sie am Abend nicht mehr zu sprechen wünsche, da er fürchte. sich auf di/ Nacht aufzuregen. Auch Agnes war sehr nriioc; sie hatte die Nacht zuvor" im Eisenbahnwagen nur wenig geschlafen. Am andern Morgen begab sie sich an das Bett des Onkels. „Da bist Du ja. mein liebes Kind." sagte dieser, ihr die Hände entgegenstreckend. „Wie hast Tu geschlafen?" „„Sehr gut. lieber Onkel, und Sie?"" „Besser als sonst! Schon das Bewußtsein, eine Blutsverwandte in meiner Nähe zu haben und nicht ganz ftemden Leuten überlassen zu sein, hat mir wohlgethan. Nun richte es Dir so bequem wie möglich bei mir ein. und wenn Du ein Stündchen Zeit hast. so komme zu mir und zerstreue eilt wenig Deinen kranken Onkel durch Dein liebenswürdiges Geplauder." „ „Nein, lieber Onkel, ich werde, wenn Sie es erlauben, meine ganze Zeit Ihnen widmen. Es soll meine höchste Aufgabe sein. dazu bcizntragen, daß Sie durch sorgsame Pflege recht bald wieder hergesteltt werden."" „Gott segne Dich. mein Kind. Aber, wenn Du etwa glaubst. daß ich Dir große Schätze hiltterlassen werde, . . „Reden Sie nicht so. lieber Onkel. Und wenn Sie ganz arm wären. so würde ich mich glücklich schätzen, den einzigen Bruders meines unvergeßlichen Vaters pflegen zu können."" „Du bist ein gutes Kind! Nun, meine Mittel sind derart, daß ich nicht darauf zu achten habe, ob mein Haushalt etwas mehr oder weniger kostet. Wenn Du also andere Einrichtungen wünschest, so sage es nur ungenirt." .. „Die wünsche ich allerdings, lieber Onkel; ich bin Jüdin und xicht nur dem Namen nach!"" „Herr Bärwald richtete sich im Bette auf und sah Agnes durchdringend an. „Ahsagte er. „William hat mir schon erzählt, daß Du gestern nichts als Butter und Brod gegessen! Und Du kömmst von Berlin? Gibt es in Berlin noch Leute, welche die jüdischen Speisegesetze halten?" „„Gewiß, lieber Onkel — und ich, ich bin die Tochter von Rabbi Boruch Bärwald."" „Wohl Dir, daß Du in den Fußtapfen der Eltern fortwandelst! ich habe das ans meinen Streifzügerr lange verlernt. Uebrigens ist cs nicht mehr als billig, daß §ich Dir gestatte. Deinen Grundsätzen gemäß zu leben. Da, nimm diesen Schlüssel und öffne damit jenen Schrein. Gleich vorn wirst Du eine Banknote von 50 Pfund finden. Damit magst Du die nöthigen Ausgaben bestreiten. Fahre heute Mittag in die Restauration von Goldstcin, Bloomfieldftreet, London Wall, und esse "dort; Frau Goldstern wird Dir, wenn Du sie darum bittest, nrit Rath und That zur Seite stehen; fie wird Dir eine jüdische Fleischbank empfehlen und Dir beim Engagemenr einer jüdischen Köchin behilflich sein." Und so geschah eS; schon nach wenigen Tagen war die Haushaltung Mister Bärwald's vollständig dem jüdischen Religionsgesetze errtsprecherrd eingerichtet! Betty, die Köchin, erhielt volle Entschädigung für Kost und Logis und den Lohn für das kommeilde Halbjahr; statt ihrer regierte Matchen, ein deutsches Mädchen, das Frau Honiginann sofort ans telegraphische Bitte hin nach London gesandt hatte, in Mister Bärwald's Küche; alles Geschirr, das nicht zu „kaschern" war, wurde verschenkt und neues dafür herbeigeschafft. Bis zum kommenden Sonntag speiste Agnes noch in Golbfteins Restauration. Bon da an aß sie mit dem Onkel zusammen in dessen Hause. Sie Pflegte ihn auf's Sorgfältigste, sorgte für die ihm am meisten zuträglichen Speisen, las ihm vor, und als fie erfuhr, daß der Onkel d e Musik sehr liebe, und als der Arzt das Hören derselben für den Kranken sehr zuträglich fand, da ließ sie einen Erard'schen Flügel herbeitchaffen und spielte für den einzigen Zuhörer mit derselben Meisterschaft, durch die fie einst in den Hofconcerten zu Berlin die vornehmsten Herrschaften entzückt hatte. (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage Verantwortliche Redaction: Dr. Lebnuann. — Verlag der Le Roux'sctzen Hofbuchhandlung. I. Gottsyeben's Buchdruckcrei in Mainz.

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