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Der Israelit · 1871-12-13 · Heft 50 (13.12.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 50 (13.12.1871)
Date
1871-12-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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929 trägt nur 36 kr. per Jahr. Die Aufgabe desselben ist, Len Missionären im ganzen Königreich England, sobald sie für die Verbreitung des Ehristenthums Propaganda machen, entgegenzutreten. Jeden Sonntag Abend wird vom Vorstand eine Sitzung gehalten. Alle Vorlesungen und Veröffentlichungen der Missionare, die gegen die Juden und das Judenthum gerichtet sind, sollen widerlegt werden. Die Aufgabe der Gesellschaft ist rein defensiver Natur und verfolgt keineswegs die Bekehrung der Christen zum Judenthum. (Jew. Chr.) Feuilleton. Agnes. VIII. Agnes wurde in ein Zimmer geführt, dessen Vorhänge niedergelassen waren, so daß darin ein Halbdunfei herrschte, welches den an die Helle gewöhnten Blick nicht sofort die Gegenstände erkennen ließ. Im Hintergründe des geräumigen Zimmers stand ein Himmelbett, aus welchem eine schwache Stimme rief: „Bist Du da, geliebte Nichte?" Agnes eilte an das Bett und sie erschrak ob der abgezehrten Züge des Mannes, den sie wohl für ihren Onkel halten mußte. Weineitd streckte sie ihm die Hand entgegen. „Agnes," rief der Kranke, „ja, Du bist es, meine theure Nichte, meine einzige Verwandte, die ich noch auf Erden besitze! So sah Deine Mutter aus, als sie die Braut meines Bruders war und ich die Heimath verließ. Gottes Willkommen, geliebte Nichte! Nicht wahr, Du bleibst jetzt bei mir und verlassest Deinen kranken Onkel nicht mehr, bis es Gott gefällt, mich zu sich zu rufen?" Agnes war keines Wortes mächtig; laut schluchzend küßte sie des Onkels abgezehrte Hand. „Weine nicht, liebes Kind," sagte dieser; „ich weiß, Deine Thränen gelten wohl weniger mir als der Erinnerung an Vater und Mutter, die Dich so früh verlassen haben! Nun, wenn Gott mir Leben und Gesundheit schenkt, so sollst Du mir eine liebe Tochter und ich will Dir ein sorgsamer Vater sein. Aber vor allen Dingen mußt Du Dich jetzt von den Anstrengungen der Reise erholen, mußt Dich unllleiden und Etwas essen." Er setzte bei diesen Worten eine kleine Schelle, die vor seinem Bette stand, in Bewegung, und der Mann, welcher Agnes vom Bahnhofe abgeholt hatte, erschien. „William," sagte Herr Bärwald, „weisen Sie Miß Bärwald das Zimmer an, das ich für sie bestimmt habe und besorgen Sie ein Dinner'* *) für dieselbe/" Agrres folgte dem Diener, der sie die Treppe hinauf führte. Es war ein reizendes kleines Zimmer, in das Agnes trat. Es lag nach vom und hatte die Aussicht auf einen köstlichen Park, in dem Tausende von Vögeln zwitscherten. Das ist ja so schön in London, daß es inmitten der ungeheuren Weltstadt so viele Gärten und Parkanlagen gibt, die es manchmal vergessen machen, daß man sich im Herzen des Weltverkehrs befindet. — Das Zimmer war einfach, aber schön ausgestattet; der Koffer des jungen Mädchens stand schon da. „Sehen Sie, Miß Bärwald," sagte William auf einen Kleiderschrank deutend, „dieses Ding hat Mister Bärwald nach feinen eigenen Angaben für Sie arbeiten lassen. Hier in England kennt man dergleichen nicht; da legt man die Kleider in große Kommoden. Aber, sagte Mister Bärwald, eine deutsche Lady kann den Kleiderschrank nicht entbehren, und deßhalb beauftragte er mich, ein solches Ding für Sie zu kaufen. Ich bin dann in ganz London umhergelaufen und konnte nichts Derartiges' finden. Da hat Mister Bärwald einen Schreiner au sein Bett kommen und dieses Ding für Sie anfertigen lassen." „„Wie aufmerksam von dem lieben Onkel!"" „O, Sie können Sich nicht denken, Miß Barwald, mit welcher Sehnsucht mein Herr Ihrer Ankunft entgegensah! Täglich sprach er von Ihnen und bedauerte nur, daß Sie bei ihm traurige Tage werden verbringen müssen. Doch ich verplaudere die Zeit, und Sie werden Hunger haben. Ich werde Ihnen aus dem nächsten Boarding - Haus-) ein Dinner bringen lassen. Skgerr Sie mir nur, welches Ihre Lieblingsspeisen find." „„Wenn ich nur zu essen bekomme, guter William; was, ist mir gleichgiltig; ich bin nicht so verwöhnt. Aber befindet sich denn eine jüdische Restauration hier in der Nähe V " „Eine jüdische Restauration, was ist das?" „„Aber, lieber William, wissen Sie denn nicht, daß Ihr Herr Jude ist, daß ich eine Jüdin bin?"" „Gewiß weiß ich das! Mein Herr geht nicht in die Kirche, sondern in die Synagoge, wenn er überhaupt ausgehcn kann/" „„Und die Speisen Ihres Herrn?"" „Werden von Betty, unserer Köchin, bereitet! Ach, er ißt so wenig, der arme Herr!" „„Und ist Betty kerne Jüdin?"" „Nicht doch, sie gehört der englischen Hochkirche an, wie auch ich/" *) Mittagessen. *) Kosthaus, Restauration.

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