Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1871)
- Date
- 1871-12-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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914 e eingeführt habe und die Gläubiger des Landes gen wolle; in seiner Motion, die jedoch nur von einem Senator unterstützt ist, fordert er den Senat „In Anbetracht, daß durch eine Circularnote, Welche die Juden als Schiedsrichter für zulässig erklärt, zur Genüge bewiesen wird, wie wenig die Regierung eie Constitution respektirt, welche anarchische Tendenzen sie verfolgt, und wie antinational ihre Gesinnungen sind: „Erklärt der Senat, daß er in dem gegenwärtigen Kabinet kein Vertrauen mehr hat." Der Präsident will die Sitzung aufheben, der Premierminister besieht jedoch auf Fortsetzung derselben. Bei einer Consultation: von wie vielen Stimmen die Motion des Herrn Desliu unterstützt wird, ergibt sich rntr eine Stimme, und zwar die oes Herrn Senators Lungeano. Herr Batzkoreano beantragt, daß die Motion als nicht oorgebracht betrachtet werde, ebenso erklärt Graf Rysetti die Motion für illegal, da sie nicht von zehn Senatoren unterstützt gewesen sei; schließlich beantragt Herr Greciano, daß die Motion des Herrn Desliu im Moniteur nicht publicirt werde, ein Antrag, der trotz Gegenrede des Premierministers angenommen wird. Der Premierminister beantwortet nun die Interpellation des Herrn Desliu und sagt: Man hört fortwährend gegen die Regierung eifern, dies Geschrei geht jedoch nicht von anständigen Menschen, sondern nur von Spitzbuben aus. Jeder Beamte, den man mit der Hand in fremder Tasche ertappt hat, ist der Justiz übergeben worden. Diese sind es, welche Lärm schlagen, keine andern. Die Antwort des Ministers Eostafor haben wir bereits oben im Auszuge mitgetheilt. Frankreich. Paris. Die jüdeschen Wohtthätigkeits-Anstalten in Paris haben den vergangenen Oktober von verschiedenen wohlthatigen Israeliten die Summe von 41,950 Fr. erhalten. Paris, 30. Nov. Unsere einem Pesther Blatte entnommenen Nachricht, daß Gaston Cremieux zu lebenslänglicher Gefangnißstrafe begnadigt worden sei, hat sich leider nicht bewahrt. Der Telegraph bringt heute die Nachricht, daß Gaston Cremieux heute Vormittag in Marseille füstlirt worden ist. Derselbe bewahrte bis zum letzten Augenblicke eine muchige Haltung. Paris, 30. Nov. Die eben eingetroffene Nachricht von der Hinrichtung Gaston Cremieux' in Marseille hat womöglich noch einen schmerzlicheren Eindruck hervorgebracht, als die Versailler Hinrichtungen, well sie yoch ungerechter ist. Cremieux war Advokat, wie sein alter Onkel, (?) der frühere Justizminister. Ihm war somit keine Rebellion gegen die Militärdisciplin vorzuwerfen. Er hat auch keine Geißeln erschießen lassen. Im Gegencheil, er bot den Marseiller Geißeln die Mittel zur Flucht. Er war allerdings das Haupt der radikal - republikanischen Emeute gewesen, die Marseille in Folge des Pariser Aufstandes begann, und die bei Weitem nicht so gefährlich war, als die der Pariser Commune. Da sein Tod einmal von den unbarmherzigen Schergen der gegenwärtigen Gewalthaber beschlossen war, so ist es abermals eine Genugthung, zu sehen, daß der junge Mann, der eine Frau von 22 Jahren und drei kleine Kinder hinterlaßt, auf so muchige Weise in den Tod ging. Heute Morgen um zwei Uhr wurde er benachrichtigt, der fatale Moment sei gekommen. Er antwortete: „Ich werde zeigen, wie man stirbt." Nachdem er seine Papiere geordnet, stieg er in einen Wagen, welcher ihn aufs Fort St. Nicolas brachte. Dort angelangt, bat er, ihm einige Augenblicke zu bewilligen, um ein Gedicht zu beendigen, und ersuchte dann den Rabbiner Herrn Vidal, Herrn Esquiros zu bitten, ein von ihm angefangenes Theaterstück zu beendigen. Um sieben Uhr holte ein Lastwagen den Verurtheilten ab und führte ihn auf die Platform des Pharo. Nach Verlesung des Urtheils bat Herr Gaston Cremieux das Executionspeloton, aufs Herz zu zielen, da er nicht wünschte, entstellt zu werden, well seine Familie den Körper reclamiren würde. Nach einer Unterredung von einigen Minuten mit de« Rabbiner, den er umarmte, näherte er sich dem mit Ringen versehenen Pfahle, um ihn im Falle von Schwäche anbinden zu können. Diese Vorsicht war unnöthig, seine Energie hatte ihn nicht verlassen. Cremieux zog Rock, Ueberrock und Gilet aus, legte seine Cravate ab, öffnete sein Hemd, und aufrecht, die Augen, seinem Verlangen gemäß, nicht verbunden, kommandirte er: „Feuer! Es lebe die Republik!" Dies letzte Wort wurde nicht völlig ausgesprochen, denn er fiel wie vom Blitz getroffen. Die Aerzte constatirten den Tod und der Gnadenstoß wurde für überflüssig befunden. Ungefähr 3000 Mann waren ausgerückt und eine ziemlich große Anzahl Zuschauer wohnten der Execution bei. Der Rabbiner blieb bei dem Leichnam während des Vorbeimarsches der Truppen; gestützt gegen den Posten las er unter Thränen die Bibel. Die Familie Cremieux und Molina, zu Wagen angekommen, begleiteten den Leichnahm auf den israelitischen Friedhof. Und warum hat sich das ganze Gift der gnadenlosen Commission wohl über ihn ergossen, dem man