Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1871)
- Date
- 1871-12-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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909 net werden können. Dasselbe wird ein Prachtgebaude mit den besten und bequemsten Einrichtungen für die Patienten. In demselben wird so viel Raum sein, daß 150 Kranke Aufnahme finden können. (Jew. Mess.) Sf e * i U« t p «. -g»«s. m Alfred Dannenberg konnte nicht länger bleiben; er muhte sein Quartier aufsuchen; am andern Tage kam er wieder; er muhte gleich Abschied nehmen, denn schon an demselben Nachmittage setzte das Regiment seine Reise nach Kolberg fort. Agnes konnte ihn nicht empfangen; sie war krank und lag zu Bette. Der herbeigerufene Arzt hatte zwar erklärt, daß ihr Unwohlsein ein nur vorübergehendes sein, — eine natürliche Folge der Angst, der Aufregung und des Schreckens, — nichtsdestoweniger mußte man für heute wenigstens jede Aufregung vermeiden, und dehhalb sagte ihr Frau Honigmann gar nichts von dem Besuche Alfreds. Dieser reiste ab, ohne das von ihm zum zweiten Male so erfolgreich beschützte Mädchen wieder gesehen zu haben. Agnes erholte sich langsanr, und Frau Honignkanu mußte viele Einladungen zu Concerten und Abendunterhaltungen, bei denen Agnes Mitwirken sollte, ablehnend bescheiden. Als das junge Mädchen ganz wieder hergestetlt war, erklärte es entschieden, nie wieder in dieser Weise thätig sein zu wollen. „Lieber will ich," sagte sie, „mich als Hausmädchen vermiethen und die niedrigsten Arbeiten verrichten, als noch einmal solch eine Scene, wie an jenem Abend, erleben. Ueberhaupt ist die Stellung einer jungen Künstlerin in jenen vornehmen Kreisen eine zu exponirte. Viele Herren halten eine Künstlerin für vogelfrei und meinen, sich allerlei erlauben zu dürfen. Nein, nein, ein iolches Leben verttägt sich nicht mit meinen religiösen und sittlichen Grundsätzen" „„Aber, wovon leben?"" fragte Frau Honigmann. „Fürs Erste," entgegnete Agnes, „habe ich noch meine kleinen Ersparnisse, die eine Zeit lang ausreichen werden; unterdeß will ich suchen, als Stickerin Beschäftigung zu erhalten." „„Und wollen Sie nicht lieber wieder Musikunterricht ertheilen?"" „Nein, unter keiner Bedingung. Ich habe zu trübe Erfahrungen gemacht." Frau Honigmann schwieg; aber noch am selben Tage verschaffte sie ihrer Pflegckefohlenen Arbeit für ein großes Weißwaarengeschäft. Agnes arbeitete denn auch fleißig; aber ttotz der augestreugleften Thätigkett war der Verdienst nur ein spärlicher; der Sommer kam heran und ging wieder vorüber; Agnes arbeitete «nauSgefetzt und stets zur Zufriedenheit ihrer Arbeitgeber; aber der Verdienst reichte nicht hin, ihre, wenn auch nur geringen Bedürfnisse zu befriedigen, und die während ihrer Künstlerlaufbahn gemachten Ersparniffe waren bald aufgezehrt. Während der langen Winterabende strengte das junge Mädchen ihre Augen zu sehr au, so daß sie, als es wieder Frühjabr wurde, es aufgeben mußte, sich als Stickerin zu ernähren. „Ich werde eine Stelle als Gouvcuaute anuehmen," sagte Agnes zu Frau Honigmamr. Diese hatte nichts dagegen einzuwenden. Annonce« wurde« an verschiedene Zeitungen geschickt, und es tiefen in der That zahlreiche Offerten ein. Während die beiden Damen damit beschäftigt waren, diese zu prüfen und eine paffende Stelle für Agnes Hu suchen, brachte der Briefträger wiederum eine Anzahl Briefe; Agnes bettachtete die Adressen derselbe«. „Aus meinem Heimathorte, aus Str.!" rief sie, während sie einen Brief in die Hand «ahm und die anderen auf den Tisch legte. „Wer kann fcena in Stt. eine Gouvernante brauchen?" Neugierig öffnete sie das Schreiben; es tag noch ein anderes darin; beide waren in jüdisch-deutscher Schrift geschrieben „Ein Brief von unserm Rabbiner," sagte Agnes, „was kann er wollen?" Und sie las den Brief laut vor. „Mein liebes Kind," schrieb der Rabbiner, „ich übersende Dir hiermit einen an mich gerichteten Brief Deines so lange verschollen gewesenen Onkels. Du wirst aus demselben ersehen, was er von Dir wünscht. Ueberlege Dir die Sache reiflich und fasse dann Deinen Entschluß. „Dein väterlicher Freund JT. N.“ „(Bie haben noch einen Onkel, Agnes?" ftagte Frau Honigmann. „„Ja; ein Bruder meines Vaters, Nochum heißt er. ging vor vielen Jahren nach England und von da nach Ostindien. Wir haben von damals an, daß er übers Meer zog, nichts von ihm gehört."" „Lesen Sie seinen Brief. Was kann er von Ihnen wollen?" Und Agnes las: „Mein lieber Herr Rabbiner, mein alter Freund l Sie werden erstaunt sein, nach so vielen Jahren wieder