Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1871)
- Date
- 1871-12-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447547--09929-2465648- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
910 einmal Etwas oon mtv zu hören. Ich bin fünfzehn Jahre in Ostindien gewesen und wollte meinen Freunde» in der Heiukath nicht früher Nachricht von mir geben, bis ich als reicher Mann zu ihnen zurückkehren würde; allein der Mensch denkt und Gott lenkt. Das tropische Klima war mir nicht zuträglich, und ich mußte Europa wieder aufsuchen, ehe ich die Reichthümer erlangen konnte, nach denen ich gestrebt habe. In London angekommen, suhle ich mich zu schwach, um die Reise in die Heimath sortzusetzen. Zudem habe ich gehört, daß mein Bruder und seine Frau leider nicht mehr am Leben sind; ich habe also weiter keine Verwandte aus der Welt als deren einzige Tochter, deren Adresse ich Nicht kenne. Ich bitte Sie nun um den Freundschaftsdienst, meiner Nichte Kunde von meiner Rückkehr nach London zu geben. Sollte sie noch nicht vecheirathet feilt, so wäre es mir lieb und angenehm, wenn sie zu mir käme, um ihren altert, kranken Onkel, den einzigen Bruder ihres seligen Vaters, zu pflegen; zwar kann ich ihr keine Schätze in Aussicht stellen; aber so viel besitze ich doch, um ihr eine anständige und sorgenfreie Existenz zu sichern. Einen Wechsel von 10 Pfund Sterling, nnr die Reisekosten zu bestreiten, lege ich bei. Und nun, alter Freund, leben Sic wohl und erfreuen Sie mich bald mit einigen Zeilen. Vielleicht gibt mir der allgütige Gott die Gnade, daß ich »och so weit hergestellt werde, um die alte Heimath, die alten Freunde, die Gräber meiner tbcuren Eltern auffuchcn zu können, dann sollen Sie mehr hören von Ihrem Freunde Nochum Bärwald. London, Portlandstreet, 79, 25. Mai 1870. Agnes waren beim Lesen des Briefes die Thränen in die Augen getreten. „Was werden Sie thun?" fragte Frau Honigmann. „Ich werde denk Ruse des einzigen Bruders meines seligen Vaters folgen."" „Wenn aber dieser Onkel ein griesgrämiger Mensch, wie es alte, kranke Junggesellen zu sein pflegen, wenn er Ihnen das Leben in seinem Hause unerträglich »rachen wird T' „ „So genügt mir das Bewußtsein, daß ich meine Pflicht thue, daß ich den einzigen Bruder meines Vaters pflege und ihm nützlich bin. Uebrigcns, liebe Frau Honigmann, ist der Brief recht gemüthlich geschrieben und läßt einen gutherzigen, sanften, wenn auch leidenden Mann erwarten."" Frau Honigmann hatte keine Einwendungen mehr, und die Vorbereitungen zur Abreise wurden getroffen. Agnes schrieb ihrem Onkel, daß sie entschlossen sei, zu ihm zu reisen und daß sie Mittwoch, den 8. Juni, Nachmittags halb sechs Uhr, in London einzutreffen gedenke; der Onkel möge so gut sein, sie am Bahnhöfe abholen zu lassen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten; da es in London für deil von Dover kommenden Bahnzug zwei Bahnhöfe gibt, einen in der Nahe der City: Chatring cross, und einen am Westende der Stadt, Victoria streot, so schrieb ihr der Onkel, sie solle Billet für den letzter» Bahnhof lösen; er würde Jeinanden, zur bestimmten Zeit dorthin senden, um seine geliebte Nichte in Empfang zu nehmen. Als Agnes Berlin verließ, wurde ihr der Abschiede von Frau Honigmann sehr fchlver. Lange weinte sie am Halse ihrer" mütterlichen Freundin, bis endlich der Schaffner darauf drang, daß Agnes einsteige. Der gellende Pfiff der Lokomotive erscholl, und dahin fuhr sie, einer ungewiffen Zukunft entgegen, aber unerschütterliches Gottvertrauen im Herzen. Die wechselnden Scenen der Reise zerstreuten bald das gedrückte Gemüth der jungen Reisenden. Mit , Windeseile durchflog der Courierzng die weiten Länderstrecken. Wie gern hätte Agnes, die noch keine andere Reise als die von Str. nach Berlin gemacht, sich in all den großen und berühmter! Städten, in all den schönen Gegenden ausgehalten, die der Courierzng pasfirte; aber vorwärts ging es, unaufhaltsam vorwärts nach Cöln, nach Aachen, nach Verviers, nach Antwerpen, durch Nordfrankreich bis nach Calais, an das Ufer des Meeres. Das Meer! Agnes hätte hochaufjauchzen nrögen ob des entzückenden Anblicks. Nur allzurasch! trug das Dampfboot sie hinüber an das englische Ufer, und als sie die ungeheure Treppe erstiegen, die zu den! weißen Kreidefelsen der englischen Küste emporführt, da! harrte ihrer schon der Courierzng, der sie in das HerzI von England, in die Mitte der großen Weltstadt Lon-i don trug. Der Zug hielt und „Charring cross!“ rief der! Schaffner. Eine ungeheure Menschenmenge entströmte! den Wagen, die sich jedoch bald wieder in Bewegung! setzten. Kaum war der Zug in Viotor-ia street arme-! kommen, so hörte Agnes mit lauter Stimme: „Mif Bärwald!" rufen. Auf ihr „Hier!" erschien ein Mam und bat sie, ihm zu folgen; er sei beauftragt, sie ihrem! Onkel zuzuführen. Als Agnes dann ihr Gepäck im Empfang genommen und dem Steuerbeamten die Vc» sichernng gegeben, daß sie weder Cigarren noch Köl^ nisches Wasser bei sich führe, fuhr sie klopfenden Herzens mit ihrem Begleiter nach der Portiandstreet. (Forts, folgt:) Hier;» zwei Beilagen. Verantwortliche Redactioa: vr. Leb-mann. — Verist der Le Rouxhchen Hofbuchhandlung. I. GottsSeben's Buchdruckerei in Mainz.