Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1871)
- Date
- 1871-12-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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905 Kohl wieder aufzuwärmen. Mit Wehmuch blicken die Matadore dieser Blätter auf die entschwundenen Tage der Vergangenheit, in denen die Juden als rechtlos und vaterlandslos allen Unbilden ihrer Feinde ausgesetzt waren. Aber, Gott sei Dank, jene Zeiten sind vorüber, unwiderbringlich vorüber, und den Anstrengungen wahnbethörter Menschen wird es nicht gelingen, die Menschheit zn neuen Verbrechen gegen die Israeliten zu treiben. Ihr in den Augen aller Vernünftigen und Gebildeten gebrandmarktes Treiben fällt zu ihrem Verderben auf ihre eigenen Häupter zurück. Kerr Wachtet und der Worein zur ßolomstrrmg Falästina's. Mainz, 26. Nov. Herr Wachtel - nicht der berühmte Opernsänger, sondern ein sächsischer Gerichtsreferendar dieses Namens, der unlängst als Emissär des Gemeindebundes in Deutschland umherreiste — Herr Wachtel hat einen Protest gegen die Gründung eines Vereins zur Colonisirung Palästinas durch Juden erlaffen. Stiebet auseinander ihr Männer, die ihr zusammengetteten, höret auf mit eurem Beginnen — Herr Wachtel verbietet es euch. Gehet hin und saget reumüthig: „Heren Se, horchen Se, mein kutrster Herr Wachtel, ei tja, wir haben's nicht kewußt, daß Sie es nicht leiden werden — verzeihen Se, daß wir's k'wagt, ohne allerhöchste Bewilligung des Kenigl. Sächsischen Kerichtsreferendarins Herrn Wachtel einen Verein zu gründen." Wir würden von diesem albernen Protest des Herr Wachtel keine Notiz nehmen, wenn in demselben nicht ein Rischuß entfaltet wäre, das alle Begriffe übersteigt. Zunächst wollen wir jedoch über den projectirten Colonisationsverein eine Erötterung folgen lassen. Unsere geehrten Leser wissen, daß auch wir uns lange Zeit mit diesem Projekte getragen und daß wir uns lebhaft für das Zustandekommen deffelben interessirt haben. Wir haben noch im vorigen Sommer versucht — im Einverständnisse mit hervorragenden Männern — mit der „Alliance Jsr. Univ." in Verbindung zu treten, um die von dieser in Jaffa gegründete Ackerbauschule zu fördern. Leider ist die „Alliance" nicht auf unsere Vorschläge, dem von uns zu gründenden Vereine die religiöse Ueberwachung — etwas Anderes verlangten wir nickt — zu überlassen, eingegangen. Einem unsererseits selvftständig zu gründenden Colonisationsvereine stellen sich aber derartige sachliche Schwierigkeiten entgegen, daß wir unmöglich für jetzt darauf eingehen können. Wir haben die Sache für wichtig genug gehalten, um bedeutende Männer um ihren Rath anzugehen; wir nennen nur die Herren Rabbinen Nürnberger in Würzburg, Hirsch in Frankfurt a. M., Hildesheimer in Berlin. Herr Rabbiner vr Hildesheimer hat mit dem deutschen Generalconsul in Jerusalem, Freiherrn von Alten, der unlängst in Berlin war, eine Conferenz gehabt und auch mit diesem gewiß urtheilsfähigen Manne das Colonisationsproject besprochen: wir haben ferner mit Rabbi Jakob Saphir aus Jerusalem eine lange Berathung darüber gehabt: das Resultat von allem Dem ist: daß es noch nicht an der Zeit lei, ein solches Project in Angriff zu nehmen. Die Gründe dafür sind wahrhaft überwältigend; wir wollen sie hier kurz anführen: 1) ist die Sicherheit des Landes zwar eine größere als früher; doch ist es noch immer wahrscheinlich, daß wenn die Ernte reis, Räuber kommen und sie nehmen; 2) ist der Ackerbau in Palästina nicht derart, daß er seinen Mann nährt; die Falschen (Bauern) sind fast alle Bettler; das türkische, verkehrte Steuersystem, das die Abgaben in natura fordert und die Ernte nicht früher gestattet, bis die Abschätzung - Commission ihre Arbeiten vollendet hat, ttägt theilweisc die Schuld; 3) wenn diese Falschen, die nicht an Sabbat und Feiertag gebunden sind, weder Terummoth, nochMaatzroth, noch Schemmittah rc. zu beachten haben, durch den Ackerbau so kümmerlich ernährt werden, wie sollen Israeliten durch denselben ihren Unterhalt finden d 4) ist nach Aussage aller Sachverständigen, die wir beftagt haben, das jetzt in Palästina lebende Geschlecht unserer Glaubensgenossen viel zu schwache als daß es dazu geeignet wäre, die Ansttengungen, die der Ackerbau im Winter und Sommer, in Kälte und Hitze, in Nässe und Dürre erfordert, ertragen könnte; 5) wird, und wie wir uns überzeugt haben, mit Recht, behauptet, daß zur Realisirung eines solchen Projectes ganz ungeheure Summen, Millionen, erforderlich seien, um nur einen gedeihlichen Anfang zu erzielen. Wir ftagen: ist es denkbar, daß dazu so große Summen gegeben werdend ferner: wäre es, selbst wenn das Geld dazu disponibel wäre, gerathen, so bedeutende Summen an ein Unternehmen zu hängen, das voraussichtlich nicht reüssiren, nichts leisten, den Erwartungen nicht entsprechen wird? Und nun gar die religiösen Bedenken, die zu beseitigen äußerst schwierig sein werden. Unsere geehrten Leser werden uns nach dem Gesagten ihre Zustimmung nicht versagen, daß wir unter diesen Umständen es nicht für gerathen halten, sie für das Zustandekommen des Colonisationsprojectes zu mleressiren; wir haben gegen die Gründung eines derartigen Vereines nichts einzuwenden; allein, wir wollen die Verantwortlichkeit nicht übernehmen, dazu veranlaßt zu haben, daß viel Geld für Projekte verausgabt werde.