Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1871)
- Date
- 1871-11-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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894 waren schöne neue Häuser: eins der schönsten trug die Aufschrift.' Bötel gami. Vor diesem hielt jetzt der Wagen. Der Kutscher sprang vom Bock und öffnete den Schlag. - „Aber, mein Lieber," rief Agnes erschreckt, „hier bin ich doch nicht zu Hause!" „ „Steigen Sie nur aus, Fräulein," tagte dieser.; „Sie Herden schon sehen, daß Alles recht ist." „Nein, nein," rief Agnes mit steigender Angst, „ich muß nach der Bischofsstraße, da wohne ich." In diesem Augenblicke tr»tcn zwei in Mäntel gehüllte Herren an den We gmschlag, und der Eine sagte: „Bitte. Fräulein, steigen Sie aus; ein guter Freund ermattet Sie hier." Die Sttmme kam Agnes bekannt vor. Ha, das war der Freiherr von Blankenstein, der Kanunerherr des Herzogs von X.! Ein entsetzlicher Verdacht stieg in Agnes auf: §a, so war es; sie war das Ovfer einer schändlichen ntttgue! Man halte ihren Wagen weggeschickt; um sie dierherzubttngen, in die Gewalt des Herzogs. Blitzschnell durchfuhr sie dieser Gedanke; sie zog sich rasch in den Wagen zurück, öffnete das Fenster an der andern Seite und rief, so statt als sie vermochte, um Hilfe. Aber es war spät Abends, und die Stratze war still und leer. — Der Herr, der sie angeredet hatte, stieg in den Wagen, hielt ihr den Mund zu nnd suchte sie herauszuzerren. Agnes rang mit ihm vergeblich; sie wurde aus dem Wagen gezogen. Dann aber gelang es ihr, wiederum nach Hilfe zu rufen. Schon wollten die beiden Männer, die mit aller Kraft Widerstrebende in das Hotel ziehen, als ein Soldat mit gezogenem Seitengewehr herbeistürzte. „Laffen Sie die Dame los?" rief er, „oder ich haue ein!" Während der ein: der zwei Männer Agnes ins Hotel tragen wollte, zog der Andere seinen Säbel, um den Soldaten zu bekämpfen. In diesem Augenblicke erschien ein Schutzmann. „Ha," rief dieser, „was geht da vor"?« Auch aus dem Hotel kamen ans den Lärm die verschlafenen Diener herbei. Sofort ließ der eine, der in Mäntel gehüllten Männer Agnes los und wandte sich mit seinem Genossen zur Flucht. Der Schutzmann verfolgte die Fliehenden. ,Mgnes!" ttes dann, der Soldat, „ich vernahm ihre Sttmme und eilte herbei. Wie kamen Sie in diese Lage?" „Um Gott, Herr Dannenberg, Sie sind es! Sie find zum zweiten Mal mein Retter!" Alfred Dannenberg, denn er war es in der That, befahl einem Diener des Hotels eine Droschke herbeizuholen, nnd fuhr, als diese kam, mit dem einer Ohnmacht nahen, zitternden Mädchen nach der Bischofsstraße. Unterweges erzählte ihm Agnes AlleA was sich ereignet hatte. „Mich hat Gottes wunderbare Fügung herbeigefühtt," sagte Alfted. „Wir sind heute gegen Abendhier angekommen. Mein Major, der krank in Cöln. zurückgeblieben, hat mir auf die Seele gebunden, daß. ich sogleich nach meiner Ankunft in Berln seine alte Mutter aufsuche, ihr seinen Brief überbringe und sie über sein Unwohlsein beruhige. Die alte Frau von Treskow wohnt in der Grnnstraße, und wir kamen im Potsdamer Bahnhof an, am andern Ende Berlins- Nachdem ich mein Quartier genommen, habe ich mich auf den Weg gemacht und meinen Auftrag ausgeführt. Darüber war es spät geworden. Als ich nun zurückgche und in die Blnmenstraße komme, höre ich Jemanden um Hilfe rufen; ich eile rasch herzu und danke Gott, daß er mir die Gelegenheit bot, Ihnen nützlich, zu fein." Der Wagen hielt jetzt vor der Honigmann'schen Wohnung. Frau Honigmann war in der größten Angst um Agnes gewesen; sie eilte herbei, als sie den Wagen Vorfahren hötte. Agnes fiel ihr lautschluchzend in die Arme. „Agnes, mein Kind, was ist passirt?" rief Frau Honigmann geängstigt. Jetzt trat Alfred herzu, der unterdeß den Kutscher bezahlt hatte. Frau Honigmann stieß einen Schrei aus. „Ein Soldat!" rief sie, „in Ihrem Wagen?" „Erschrecken Sie nicht, liebe Frau Honigmann; ich bin's, Alfred Dannenberg. Doch gehen wir hinauf in Ihre Wohnung. Hier auf der Straße können wir doch das Alles nicht eröttern." Sie gingen hinaus. Als Frau Honigmann die Erzählung dieser Abenteuer vernommen, war sie ganz entsetzt ob der Gefahr, die ihrer Pflegebefohlenen gedroht hatte; andrerseits konnte sie Gott nicht genug preiten ob der wunderbaren Rettung. „Aber diese Schlechtigkeit," ttes sie, „diese Raubritter, die ein junges, unschuldiges Mädchen entführen wollen! Morgen müssen wir uns beklagen. Diese Schändlichen müssen ins Zuchthaus. Morgen muß mein Mann zum Bundeskanzler gehn und ihm die ganze Geschichte erzählen." „Lassen Sie das ja sein," sagte Alfted, „Sie richten doch nichts aus und bringen das Fräulein nur in, unnützes Gerede' Sie kennen doch das Sprichwort von i den großen und d.n kleinen Dieben! Nein, ich war sehr ftoh, daß 'der Schutzmann nicht zurückkehrte und wirs so aller polizeilichen Scheerereien enthoben sind." (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage -Verantwortliche Redaction: vr. Lebmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottslcben's Buchdruckerei in Mainz.