Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1871)
- Date
- 1871-11-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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893 Amer i k a. Dketv-Bork. Dr. Browne, der neuerwählte "Prediger von WansvUe (Indiana) predigte am verflossenen Laubhüttenfest und sprach folgende geistreiche!! Worte, welche die Juden von Evansville animitten: „Wir haben keine Laubhütten, keine Lulovim, keine Ehrogim, alle Eeremonien haben wir über Bord geworfen. Weder in Europa noch in Amerika ist eine Gemeinde zu finden, welche einen bessern religiösen Geist Hat als. wir." Glücklicher Dr. Browne! Glückliche Juden von Evansville! Glücklicher Staat Indiana, der eine solche Gemeinde mit solch einem Prediger wie Dr. Browne hat! (Jew. Mess.) Chicago. Wie der „Hebr. Leader* mlttheitt, hat sich die traurige Nachricht, daß im hiesigen jüdischen Hospitale mehrere Patienten den Tod durch die Flammen gefunden haben, nicht bewährt, vielmehr ist es glücklicherweise gelungen, alle Kranken zu retten. J e ii il l e t p *. Agnes. v. Als Agnes eines Abends in der Abendunterhaltung des Fürsten von H. mitgewirkt hatte, fand sie beim Austritt aus dem Palaste desselben die Droschke nicht vor, die sie abholen sollte. Dagegen trat ein anderer Kutscher heran, faßte grüßend an feinen Hut und fragte: „Fräulein Bärwald?" und als dann Agnes bejahend nickte, sagte er: „Die von Ihnen bestellte Droschke hat eine andere dringende Fahrt zu machen; mein Kamerad hat mich gebeten, Sie statt ferner nach Hause zu fahren. Steigen Sie gefälligst ein!" Agnes stieg ein und hüllte sich — es war ein kalter Winterabend — in ihren Mantel. Sie lehnte sich müde in die Kissen des Wagens zurück und schloß die Augen; aber sie schlief nicht. In Gedanken ließ sie ihr ganzes Leben an sich vorüber ziehen. Sie dachte an die Tage der Kindheit, da sie, die einzige Tochter, der Liebling gewesen von Vater und Mutter. Ihr Vater, einst der reichste und angesehenste Mann" in ihrem Heimathsstädtchen, hatte keine Mühe, keine Kosten gescheut, sein talentvolles Töchterchen unterrichten und bilden zu lasten. Eine Gouvernante wurde im Haufe gehalten, die besten Lehrer, die im Städtchen zu haben waren, mußten durch Privatunterricht nachhelfen. So war die Kindheit dahingezogen in laittzr - Freude und Wonne; denn das jLernen war ihr mir " ein Vergnügen gewesen, und auch an Erholungen mch Zerstreuungen hatte es der Vater nicht fehlen lasten. Wie schön, wie gemüthlich waren doch die Freitag-Abende während des Winters im elterlichen Hause gewesen ünd die Sabbatnachmittage im Sommer! Wie freudig waren die Feste gefeiert worden! Wie oft hatten Fremde das gastliche Elternhaus besucht! Dann aber kamen trübe Zetten; Unfälle im Geschäfte raubten dem Vater seist ' Vermögen und der Kummer darüber zerrüttete seinf Gesundheit. Und nun gar die" erste Zeit ihres Aufenthaltes in Berlin, da sie den Vater sterben sah und mit der Mutter ins tiefste Elend geriech! Lebhaft erinnerte sie sich des Nachmittags, da Atfted Dannenberg sie aus den Händen der Polizei befreit hatte. Wo mochte er jetzt sein, der gute Junge? Er hatte unlängst der Familie Honigmann geschrieben, daß sein Regiment verlegt würdö. Dann'würde er Berlin passiren und den dort zu erhoffenden Rasttag dazu benützen, seine Freunde . zu besuchen. Agnes hatte in der Zeitung gelesen, daK das Regiment gestern Cöln verlassen habe. „Vielleicht ist er schon hier," dachte sie, „und wartet zu Hause auf mich. Wie würde ich mich freuen, ihn wieder zu sehen!" . Dann sagte sie halblaut vor sich hin: „Wie lang- ' sam der Kutscher heute Abend fährt! Ich müßte doch längst zu Hause sein!" Sie ließ das Fenster nieder und sah zum Wagen hinaus; zu ihrem Erstaunen erschien ihr der Stadt- : theil, in dem sie sich befand, ganz fremd. „Kutscher," rief sie hinaus, „wohin fahren Sie ' denn? Ich wohne in der Vischofsfftaße." „Ganz recht, Fräulein," sagte dieser, „wir sind gleich da." Beruhigt lehnte sich Agnes wieder zurück. „Er wird einen andern Weg genommen haben," dachte sie. Und wieder zogen die Bilder der Vergangenheit an ihrem geistigen Auge vorüber, wie Gott sie so wunderbar geführt, wie Er die verlastene Waise gute Menschen hat finden laffen, gerade so wie es die sterbende Mutter ihr verheißen hatte. Ach, die sterbende Mutket! Ihr Auge wurde naß. „Eine Mutter zu verlieren," dachte sie, „ist doch das Schmerzlichste für eine Tochter. Es ist so verwachsen das Mutterherz mit jeder Lebensfaser der Tochter, und dieses Herz steht plötzlich still, und man meint, es sei das eigene Leben untergrüben! Wie man so Etwas nur zu ertragen vermag! Freilich habe ich eine zweite Mutter in der lieben Frau Honigmann gefunden. Wie sie nur auf mich warten mag, da der Kutscher so lange macht und ich nicht zur rechten Zeit zurückkehre! Ich müßte doch jetzt längst zu Hause feint" Sie sah zum Fenster hinaus; der Wägen bog jetzt in eine große, breite Straße ein; an beiden Setten.