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Der Israelit · 1871-11-22 · Heft 47 (22.11.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 47 (22.11.1871)
Date
1871-11-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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874 „Mein Fräulein," sagte der Freiherr, „ich habe die Ehre, mich Ihnen als Kammerherr Seiner Hoheit, des Herzogs von vorzustellen. Ich komme im allerhöchsten Aufträge. Seine Hoheit haben am gestrigen Abend Ihr wundervolles Spiel in der soiree des Grafen von B. zu bewundern Gelegenheit gehabt. Seine Hoheit wünschen. Sie für Allerhöchstdeffen Hof zu gewinnen. Ich bin beauftragt, die Angelegenheit mit Ihnen zu ordnen. Ich setze voraus, daß Sie die Gelegenheit gern benutzen, eine glänzende Stellung zu erringen. Sie dürfen uns jegliche Bedingung stellen; ich bin beauftragt, Sie um jeden^Preis für unfern Hof zu acqueriren." Bei diesen Worten lächelte der Freiherr in ganz eigenthümticher Weise. Agnes sah ihn befremdet an. „Welch ein Glück!" rief Frau Honigmann; „Agnes, Sie werden doch mit beiden Händen zugreifen! Herr Baron, lassen Sie mich für meine junge Freundin sprechen. Sie nimmt an, sie nimmt gern an! Zweitausend Thaler jährlichen Gehalt, das, denke ich, wäre nicht zu viel verlangt." Der Baron lächelte wieder wie vorhin. „Madame," sagte er, „ich acceptire im Namen meines gnädigsten Herrn und genehmige gern die gemachte Forderung." „Verzeihen Sie, Herr Baron," sagte Agnes jetzt, „wenn ich meine Einwilligung nicht so rasch gebe. Gestatten Die mir, das gütige Anerbieten Seiner Hoheit, des Herzogs, einer sorgfältigen Ueberlegung zu unterziehen. Ich lebe hier in angenehmen, mir liebgewordenen Verhältnissen, die so rasch ohne Weiteres aufzugeben ich mich nicht entschließen kann. Ich werde meinen Entschluß Ihnen schriftlich mitzutheilen die Ehre haben." „„Aber Agnes, mein Kind," rief Frau Honigmann, „„wozu diese Bedenken!"" „Erlauben Sie, mein Fräulein," sagte der Baron, „daß ich mich den Bitten dieser verehrten Frau anschließe und Sie ersuche, mir zu gestatten, meinem gnädigen Herrn, dem Herzoge, sofort die Freudenbotschaft Ihrer definitiven Einwilligung zu überbringen. Sie würden mich damit sehr verbinden und dem Herzoge eine große Freude bereiten." „„Ich muß bei meinem Worte beharren, Herr Baron!"" sagte Agnes stolz, „„schriftlich werde ich Ihnen meinen Entschluß mittheilen."" Bei diesen Worten erhob sie sich, und der Baron durfte, wollte er nicht unartig erscheinen, nicht länger verweilen. „Agnes," rief Frau Honigmann, „was fällt Ihnen ein? Was reden Sie von liebgewordenen Verhältnissen? Der Winter ist bald vorüber; dann haben die , Cvncerlc ein Ende, und Sie können dann wieder Unterricht erlheilen. Die Honorare der vornehmen Welt sind nicht so glänzend, wie die der reichen Börsenleute; es ist fast Alles, was Sie erworben haben, für Ihre Toilette draufgegangen, die stets gewählt und neu sein muß, wenn Sie in jenen hohen Kreisen erscheinen. Was wollen Sie im nächsten Sommer beginnend Und nun kommt solch ein Anerbieten — und Sie greifen nicht zu d" „„Sorgen Sie nicht, liebe Frau .Honigmann, der gute Gott, der mir bis hierher geholfen, wird auch weiter helfen. Und was das Anerbieten des Herzogs betrifft — ach, liebe Frau Honigmann, wenn Sie ihn gestern Abend gesehen hätten,.wenn Sie gehört hätten, mit welchem Ausdruck die vornehmen Herren in der soü-66 des Grafen von B. darüber sich leise unterhielten, daß Seine Hoheit so Plötzlich ein leidenschaftlicher Musikfreund geworden! Wissen Sie, meine liebe, mütterliche Freundin, thun Sie mir erneu Gefallen — Sie haben schon so viel für mich gethan — fahren Sie zum Kapellmeister Blumenstein und tragen Sie ihm die Sache vor; seinem Urtheile, seinem Rathe will ich mich gerne fügen."" „Und wollen Sie nicht gleich mitfahren und selbst hören, was Blumenstein sagt t‘ „„Nein, die Erörterung dieser Angelegenheit würde mich in Verlegenheit bringen."" Als Frau Honigmann von ihrer Fahrt zurückkehrte, umarnrte sie Agnes und sagte i „Sie sind ebenso klug wie tugendhaft. Wie war ich doch so verblendet! Blumenstein hat mir die Augen geöffnet." Noch an demselben Tage schrieb Agnes dein Kammerherrn des Herzogs eine ablehnende Antwort. Wenn von da an und weiter Agnes in Abendunterhaltungen muficirte, bei welchen der Herzog von X. anwesend war, so ignorirte dieser sie ebenso vollständig, wie er früher bemüht geweserr war, sich ihr zu nähern. Agnes war sehr froh darob, denn das Benehmen des Herzogs hatte angefangen, sie zu geniren und ihr die Mitwirkung bei den musikalischen Unterhaltungen der Hofkreise zu verleiden. Sie glaubte, der Herzog sei von einer vorübergehenden Laune wieder abgekommen und würde sich nach ihrer Ablehnung seines Anerbietens nicht werter rrrn sie kümrnern. Das jurrge Mädchen hatte noch viel zu wenig Erfahrung und Weltkenntniß, um zu fürchten, daß oftmals unter einer scheinbar kalten Oberfläche ein Vulcan schlummere, dessen Eruption sehr gefährlich werden kann. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lcbmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandluna. Z. Gottsleden's Buchdrucker« in Mainz.

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