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Der Israelit · 1871-11-15 · Heft 46 (15.11.1871) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 46 (15.11.1871)
Date
1871-11-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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864 Wir bedauern nur, daß wir auch an dieser Abteilung, das auszusetzen haben, was wir an der ersten aussetzen mußten: der theilweise kleine Druck und das Fehlen der Autornamcn bei den Überschriften der verschiedenen Leseftücke. M. Elsässer. Erster Unterricht in der israelitischen Religion. Dritte Ausgabe. Mannheim 1871. (Bensheimer.) 8°. 120 S. Wenn man wahrnimmt, welch eine Fluth von jüdischen Religionsbüchern den Büchermarkt überschwemmt, so könnte man leicht zu dein Glauben verleitet werden, als hätte die Religiosität noch niemals unter unseren Glaubensgenossen in größerem Flor gestanden als jetzt, als sei massenhafte Arbeit nöthig, dem religiösen Bedürfnisse zn genügen, und doch zeigt uns jeder Moment -es praktischen Lebens, beweist uns jeder Augenblick des gesellschaftlichen Verkehrs das gerade Gegentheil von dem eben Gesagten, daß wir zu dem nicht unberechtigten Schlüsse gelangen, daß die Religiösität unter den Juden gerade im umgekehrten Verhältnisse zu der Masse der Religionsbüchcr stehe: je mehr Religionsbücher, desto weniger Religiösität. Die Erklärung für diese abnorm scheinende Thatsache ist aber höchst einfach. Als der Jude noch sein höchstes Lebensglück darin fand, ein guter Jude zu sein und sein ganzes Leben dem Religionsgesetz unterordnete, da setzte er auch seinen höchsten Stolz darin, ein gediegener Kenner des Religionsgesetzes zu werden, daß er desto besser sein Leben nach demselben ordnen und führen könne; da wurde jede freie Minute dem Thorastudium gewidmet, und wurden mit der größten Gewissenhaftigkeit die Kinder zu demselben angehalten. Praktisches Leben im Hause und Unterricht waren die beiden wichtigen Faktoren der Kindererziehung; man schöpfte die Kenntniß des Gesetzes nicht aus einem nothdürfttgen Compendium, sondern aus der stets ftischsprudelnden Quelle der heiligen Schrift und des Talmud. Es ist das mit der Zeit anders geworden; Religion ist nicht niehr das das ganze Leben durchdringende und bedingende Heilsmittel geblieben, sie ist zu einem Etwas geworden, dem man auch einen Raum im Leben gönnt, da man doch nicht ganz ohne Religion sein könne, ein Etwas, das man in gewissen ernsten und wichtigen Momenten mtb an besondern Tagen des Jahres nicht ganz entbehren möchte. Um also diesem Minimum des Religionsbedarfs zu genügen, müssen Mittel und Wege gefunden werden, in möglichst kurzer Zeit dasjenige zu lehreu, was in den eben gekennzeichneten Kreisen jüdische Religion genannt wird. Daher die Masse jener Religionsbüchcr, die nicht, gewichtigen Umständen Rechnung tragend, den ganzen Stoff des mündlichen und schriftlichen Gesetzes vortragen, um wenigstens da zu helfen, wo nun einmal die Verhältnisse so liegen, daß für die Schulkinder Nlcht die dem Unterricht im Hebräischen gebührende Zeit gefunden werden kann; sondern der Bequemlichkeit Jener entgegenkommen, die sich wohl nicht außerhalb der Religion stellen, aber so wenig wie möglich von derselben genirt sein wollen. Da wird nun recht viel Moraltheologie 1 zum Besten gegeben, das specifisch Jüdische aber nur in höchst homöopathischen Dosen oder so verclausnlirt und so vorsichtig Jedem mundgerecht zubereitet, daß es mit Keinem verdorben werde, am allerwenigsten mit denen, die nicht incommodirt sein wollen. Daß in diese Kategorie der Religionsbücher auch das vorliegende gehört, wollen wir mit einigen Belegstellen beweisen: Seite 34: „Warum heißt die Zukunft Israels und der Menschheit auch die Zeit des Messias? Die Zukunft Israels und der Menschheit heißt auch die Zeit des Messias, weil in einzelnen Stellen der heil. Schrift von einem Könige oder Gesalbten, n'-o Messias, die Rede ist, welcher die Erlösung Israels und der Menschheit herbeiführen werde." Man muß erstaunen über den diplomatischen Kunstgriff, mit welchem hier die Messiaslehre behandelt ist. Es wird Niemand dem Herrn Elsässer den Vorwurf machen können, daß in seinem Buche von einem Messias nicht die Rede sei, ja, wenn man will, wird sogar ein persönlicher Messias gelehrt; aber daß dieser Messias ein Nachkomme David's sein wird, davon ist nicht die Rede; irgend ein König oder Gesalbter wird die Erlösung Israels oder der Menschheit herbeiführen; diese Messiastehre kann auch der größte Messiasleugner unterschreiben. ohne ineonfequent zu erscheinen, es ist eben eine Phrase, bei der man sich Alles denken kann. Man kann auch Herrn Elsässer nicht den Vorwurf machen, daß er die Tradition ignorire, er spricht sogar von den ’J’DJ mtrüb no^n, „die, von Moses anfangend (?), von Geschlecht zu Geschlecht sich fortpflanzten" (S. 39). Wenn er aber nun mit dieser höchst allgemein gehaltenen Redensart die Einen zu befriedigen versucht hat, so hat er sich schon vorher mit den Ändern abgcfunden, so daß wir nicht im Zweifel fein können, wie die eben angeführten Worte aufzufasien sind. Ueber die Tradition lesen wir nämlich schon drei Seiten vorher Folgendes: „Auch manche Gebote und Verbote in der Bibel sind nicht vollkommen deutlich ausgedrückt; sie sollten durch die lebendige Anschauung erkannt, durch die unmittelbare Hebung erfaßt, durch die mündliche Erklärung verdeutlicht und vervollständigt werden. Sogar sehr wichtige Gesetze sind in der Bibel nur ganz allgemein gehalten, und mußte stets die Anwendung auf besondere Fälle der Erklärung der Gesetzeslehrer überlassen bleiben." (S. 3'6.) Wie reservirt sich da der Verfasser, um 'nur nicht heraussagen zu müssen, daß die näheren Bestimmungen einzelner Gesetze, deren Umrisse nur im Pentateuch niedergelegt sind, von Gott besonders dem Mose am Sinai

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