Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1871)
- Date
- 1871-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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854 „Sie mögen mich so nennen, Sie mögen mir die Thüre weisen; aber vorher will ich Ihnen doch meine Meinung sagen, nicht etwa, um meinem Herzen Luft zu machen, sondern um Ihnen ein wenig Ihre Handlungsweise zu Herzen zu führen. Sie engagiren ein junges Mädchen, mit deren Unterricht Sic mehr als zufrieden sind . . . „Und habe ich es nicht glänzend houorirt?" „ „Warum aber haben Sie es auf so nichtige Gründe hin verabschiedet?"" „Szteht mir nicht die freie Wähl meiner Diener zu? Kann ich sie nicht engagiren und fortschicken nach meinem Beliebend" „„Wohl! aber Sie dürfen nicht den Schein auf fie laden, wie wenn sie etwas begangen hätte, das Sie aus Delicatesse verschweigen müßten; Sie durften nicht den Klatschschweftern zu böswilligem Gerede Anlaß geben. Ja, noch mehr, da Sie selbst fühlten, wie unrecht Ihr Herr Gemahl gehandelt, so hätten Sie ihur energisch entgegentreten müssen."" „Ich, meinem Gemäht entgcgentreten um einer Clävierlehrcrin willen?" „ „Ja freilich, gnädige Frau, wenn es sich um Ihre Wohnung, Ihr Ameublement, Ihre Toilette oder um eine Badereise gehandelt hätte, da hätten Sie Energie genug gehabt, Ihren Willen durchzusctzen; aber wenn es sich um die Existenz einer armen Waise handelt, da ist der Gegenstand nicht wichtig genug, sich dieserhalb zu echauffiren. Und was hat das junge Mädchen verbrochen? Es hält treu an der Religion der Väter. Es hat kein Wort des Einwandes gegen Ihre Lebensweise gesprochen; aber sein Beispiel war stark genug, um auf die jungen, unverdorbenen Herzen Ihrer Töchter zu wirken." " „Das ist es aber eben! Leute von solch antiker Frömmigkeit müssen den modernen Familien ferne bleiben!" „„Gnädige Frau, Sie nannten vorhin Fräulein Bärwald eine Fanatikerin. Meiner Meinung nach ist in diesem Falle der Fanatismus ans Ihrer Seite."" „Brechen wir ab. Frau Honigmann; was geschehen ist, ist geschehen und läßt sich nicht mehr ändern. Wenn ich Sie recht verßtehe, so verlangen Sie von mir eine Unterstützung für die arme Waise. Die soll ihr werden; ich will mit meinem Männe reden. Sie sollen uns nicht unbillig finden." „„Nein, Frau Geheimräthin, Sie haben mich nicht recht verstanden. Fräulein Bärwald verlangt weder ein | Almosen, noch bedarf sie dessen. Ihr Talent wird sie j schon ernähren." " z „Was wollen Sie denn?" „„Ich verlange weiter nichts, als daß Sie zur Rechtfertigung meiner Agnes in Ihren Gesellschatts- I kreisen den Sachverhalt so darstellen, wie Sie ihn mir gegenüber dargestellt haben."" I „Nein, das thue ich nicht; ich kann meinen Mann nicht so blämiren." ' „„Ich habe nicht die Macht. Sie zu zwingen. Aber einst wird kommen der Tag. an welchem Sie Ihre unbillige, ungerechte Handlungsweise bereuen werden. Leben Sie wohl, Frau Geheimräthin."" „Aeber, Frau Honigmänn, seien Sie nicht böse! Ich kann jä wahrhaftig nicht dafür. Haben Sie keine Sammlung für irgend ein Aermes, ich gebe jä gern dazu." „„Nein, gnädige Frau, ich habe heilte nichts Derartiges." " „„Aeber, wenn Sie wieder haben, so gehen Sie mir nicht vorbei. Ich bitte Sie därunl." „'„Glauben Sie nicht, Frau Geheimräthin, daß man mit Geld Alles erkaufen kann?'" „Jä, Sic haben wohl Recht; ich wäre auch gern religiös, wcnn's mein Männ nur erlaubte. Mein Väter war ein sehr frommer Mann." ,,„Wenn das Ihr Ernst wäre, so könnten Sie es wohl für Sich und Ihre Kinder durchsetzen. Ihr Herr Gemahl ist kein Tyrann!"" „Nein, das ist er nicht. Aellein, wissen Sie, es ist auch sehr unbequem, fromm zu sein. Auf Reisen, in den Bädern, in der Schweiz und in Italien — was soll män dä anfangen?" „„Und zu Hause?"" „Nun, man kann doch nicht inwnsequent sein? Und dann, in den Gesellschaften! Nein, es verträgt sich nicht mit unserer Lebensstellung!" „„Freilich, weil Gott Sic mit irdischen Gütern gesegnet hat, müssen Sie Sein vergessen!" " ,Jä, glauben Sie denn wirklich, daß Gott uns den süperben Schweinebräten verboten hat und den köstlichen, gespickten Häsen?" „„Ja, Frau' Geheimräthin, das glaube ich, und Sie, Sic glauben es auch. Trotz Ihrer Reden sind Sie voll Reue über Ihre Handlungsweise. Leben Sie wohl?" " — Frau Honigmänn ging. Gedankenvoll saß die Frau Geheimräthin in ihrem glänzenden Boudoir, das mit den kostspieligsten Dingen geschmückt war. „Ja," sagte sie nach langem Sinnen, „sie hät nicht Unrecht, diese Frau Honigmänn. Sie hat mir richtig den Appetit zum Frühstück verdorben. Jä, män sollte jede Berührung mit diesen Frommen vermeiden." (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I> Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.