Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1871)
- Date
- 1871-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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853 Aorte, die Frau Honigmann soeben gesprochen, zu erregen, wurde in diesem Augenblicke für Agnes ein Brief;ebracht. Die Frau Geheimrath Berncastel übersandte ,11 demselben einen Hundertthalerschein als Honorar für -rtheilten Unterricht und für die Leistungen am gestrigen Abend. Im Uebrigen, schrieb sie, ersuche sie, im Aufträge ihres Mannes, Fräulein Bärwald, ihren Kindern keinen Unterricht mehr zu ertheilen. — Agnes glaubte diesen Verlust um so leichter verschmerzen zu können, da sie bisher mehr Anerbietungen gehabt, als sie hatte befriedigen können. Aber mit einem Schlage schien sich die Situation geändert zu haben. Wohin die junge Künstlerin in der Folge kam, wurde sie kalt empfangen, ein: Unterrichtsstunde nach der andern wurde ihr gekünoigt; man schien sie, wie aus Verabredung, aus den .v eilen der haute finance, in deren Häusern sie bis jetzt fast ausschließlich unterrichtet hatte, verbannen zu wollen. Nicht allein der materielle Verlust, der bei den Vermögensverhältnissen des jungen Mädchens allerdings sehr in Betracht kam, war es, der Agnes tief schmerzte, sondern weit mehr schnitt ihr die auffallende, plötzliche Zurücksetzung nach so vielfacher, überschwenglicher Huldigung, ins Herz. Das junge Mädchen wurde krank vor Gram und Aufregung. Frau Honigmann suchte dem Dinge auf den Grund zu kommen. Sie begab sich zu der Dame, die zuletzt ihren Schützling verabschiedet hatte, und fragte geradezu nach dem Grunde dieser auffallenden Matzregel. „Ja, sehen Sie, meine jute Frau Honigmann," sagte Frau Commissionsrath Buttermilch, „da war ich festem bei Jehc'unraths zum Thee. Die Rede kam aus Fräulein Bärwald, und Frau Professor Casparius fragte, warum sie nicht mehr im Hause unterrichte. Frau Jeheimrath wollte nicht recht mit der Sprache heraus und antwortete ausweichend. Es sei eine eijenthümliche Jeschichte, die sie nicht Jedermann erzählen könne. Nun habe ich schon was munkeln sehört von Fräulein Bärwald und dem Kinstler Tempelhoff. Wer weiß, was da vorjejangen! Kann ich einem solchen Mädchen den Unterricht meiner Töchter anvertrauen 1 Sagen Sie selbst, meine jute Frau Honigmann!" „„Aber ich versichere Ihnen, Frau Commissionsr«th . . . „SBarum haben sie denn Jeheimraths wegjeschickld Sie waren doch sonst so zufrieden mit ihr! Es mutz feinen juten Jrund haben!" „ „Ich werde das erfahren, ich fahre sofort in die Linkstraße/'" Und sie that, wie sie gesprochen. „Jae, was bringen Sie denn Gutes, meine liebe Frau Honigmann rief Frau Geheimrath Berncastel dieser entgegen, als sie in das Boudoir der gnädigen Frau geführt wurde. „„Frau Gcheimrath, Sie haben vor einigen Wochen Fräulein Bärwald im Aufträge ihres Herrn Gemahls verabschiedet, ohne einen Grund dafür anzugebett. Es hat das zu allerlei Gerede Anlaß gegeben."" „Was Sie sägen!" „„Man hat Sie, gnädige Frau, gefragt, und Sie haben ausweichend geantwortet. Es sind allerlei Gerüchte verbreitet, die den Ruf dieses ebenso tugendhaften wie talentvollen Mädchens zu untergraben geeignet sind." " „Aeber, meine Liebe, ich weiß von all dem nichts." „„Wollten Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, warum Sie Fräulein Bärwald den Unterricht Ihrer Fräulein Töchter entzogen haben" „Jä, wärum denn nicht % Sehen Sie, meine Beste, Fräulein Bärwaid ist noch so antik fromm ich will nicht dävon reden, daß sie meinen Schweinebraten verschmäht hat, sie ißt nicht einmal die besten Compötter, die ich ihr oft angeboten habe. Mein Gott, was kann an Com-'öttern Verbotenes sein? Nun, ich will dävon nicht reden; mir war das Alles recht. Mein seliger Väter war auch ein sehr frommer Männ. Allein gleich häbe ich der Närrin gesagt, sie soll nicht versuchen, meine Töchter zu bekehren, sonst käme sie meinem Männe schön an. Und nun ist doch etwas Achuliches vorgekommeu. Denken Sie sich, eines schönen Sonnabends kommen meine Aemäliä und meine Paula aufs Contor zu meinem Männe und machen ihm Vorwürfe, daß er den Säbbät nicht feiert; Fräulein Bärwäld ßpiele nicht einmal Clävier am Säbbät, und er ßtehe da und schreibe und rauche nM siegele. Mein Männ wär zornig im höchsten Gräde. Er käm zu mir, ganz wüthend, und verlangte, daß ich augenblicklich die Fänätlkerin aus dem Häufe jäge. „Aeber, lieber Berncastel, sägte ich, das Fräulein hat doch die Mädchen nicht ausgehetzt!" — „Einerlei," sägte er, „böses Beißpiel verdirbt gute Sitten.' Kurz ich batte Mühe, ihn zu beruhigen. Dä käm denn bald darauf die Geschichte mit Tempelhoff. Nun wär es aus. „Das Mädchen," sägte mein Männ, „kömmt mir nicht mehr ins Haus; am Ende nehmen sich meine Töchter ein Beißpiel an ihr und verlangen auch, daß ich mir „Zizißßpinner" zu Schwiegersöhnen aussuche." „„Aber, Frau Geheiniräthin, warum haben Sie nicht, da sie gefragt wurden, geradeheraus gesagt, warum Sie Fräulein Bärwald verabschiedetend"" „Wo denken Sie hind Durfte ich wohl meinen Männ so blämiren d Hätte nicht alle Welt ihm Unrecht gegeben?" „ „Und da haben Sie es vorgezogen, durch allerlei zweideutige Redensarten den Ruf eines edlen, tugendhaften Mädchens zu untergraben, einer Waise, die keinen Annehmer hat! O, Frau Geheimrathin, nicht für alle Ihre Reichthümer und Titel möchte ich eine solche That begangen haben!" " „Meine liebe Frau Honigmann, Sie sind unverschämt!"