Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1871)
- Date
- 1871-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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850 Berlin, 7. Nov. Unsere Hauptstadt hat in den verflossenen Wochen leider einige Männer von Ruf und Bedeutung verloren. .Des verewigten Zedncr haben Sie schon erwähnt; auch Herr Commerzienrath Flata u, der Begründer des Hopsenbaucs in der Mark Brandenburg und der Provinz Posen, ist dahmgefchieden. Am 26. v. M. verstarb der Geheime Commcr- Zienrath Alexander Mendelssohn, der letzte direete Nachkomme des berühmten Philosophen, der aus einem jüdischen Friedhose beerdigt wurde. Der Verstorbene war dem Namen nach noch Jude; seine Kinder aber hat er gleich nach deren Geburt taufen lassen, damit ihnen „der Conslict erspart bleibe" (ipsissima verba). Wohlthätig war der Verstorbene im höchsten Grade; and) fyattc er noch eine gewisse Anhänglichkeit für das Judenthum. Als ihm im Jahre 1852 der Titel eines Geh. Commerzienraths verliehen werden sollte, weigerte er sich, denselben anzunehmen, „so lange noch ein Jude in Preußen nicht einmal das Amt eines Nachtwächters erlangen könne". Erst aus den besonder» Wunsch des Königs Friedrich Wilhelm IV. nahm er den Titel an, obgleich ein Jude in Preußen noch immer nicht Nachtwächter werden durste; jetzt, da ein Jude in Preußen ..sogar' Kreisrichter nüt 600 Thaler jährlichem Gehalt werden kann, können seine Kinder und Enkel als Juden jene Stellung nicht erlangen — denn sie sind getauft. Es ist der Name ..Mendelssohn", der uns bei dieser Gelegenheit mit besonderer Wehmuth erfüllt. Der alte „Moses", der als Philosoph und Bibelübersetzer so hochgefeierte, war ein streng gesetzestreuer Jude. Als er einst mit Lessing eine Zusammenkunft in Hannover hatte, aß Lessing ihm zu Liebe mit ihur zusammen bei der Frau des dortigen Synagogendieners. Die Frau! stellte den beiden Freunden eine Flasche Wein hm. - Schon am dritten Tage bat Lessing die Wirthin, statt j der ganzen Flasche Wein für Beide, lieber zwei halbe > Flaschen, für Jeden eine, aus den Tisch zu stellen, da i er bemerkt habe, daß Moses den Wein nicht mehr j trinke, sobald er (Lesfing) sich cingeschenkt habe. — Was sollen wir mehr bewundern, die Gesetzestreuc des Kn Philosophen, oder die Toleranz des berühmten, j des Regenerators der deutschen Literatur? Und dennoch! Schon Dorothea Mendelssohn, des Philosophen Tochter, verließ ihren Gatten, um sich taufen zu lassen und Friedrich Schlegel zu heirathen, und nun ist des Philosophen letzter jüdischer Enkel gestorben; die sämmtlichen, zahlreichen Nachkommen des Mannes, den man als Regenerator, als Verjünger des Judenthums so hoch gefeiert hat, sind vom Judeuthumc abgefallen! Es liegt eine eigenthümliche Logik in diesen traurigen Thatfachen!. Festhalten, fefthalten! das muß die Parole der Juden sein, die da wollen, daß sich erfülle an ihnen des Propheten Wort: „Und ich — dieses ist mein Bund mit ihnen, hat Gott gesprochen: mein Geist, der auf dir ruht, und meine Worte, die ich gelegt habe in deinen Mund, sie sollen nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deines Samens und aus dem Munde des Samens deines Samens, hat Gott gesprochen, von nun an bis in Ewigkeit." Hannover, Ende October. Der in weiten Kreisen rühmlichst bekannte Königl. Fittanzagent, Herr K o s m a n n B e h r e n d von hier, feierte unlängst seinen 70. Geburtstag, wozu ihm von allen Seiten die herzlichsten Glückwünsche gebracht wurden. Wie die „Jüd. Presse" mittheilt, haben dem Jubilar bei dieser Gelegenheit drei Rabbinen den Morenu-Titel verliehen; Herr Rabbiner ür, Hildesheimer in Berlin, Herr Rabbiner Fromm in Bad Homburg, und Herr Landrabbiner vr. Mayer in Hannover. Herr B. besitzt nicht allein bedeutendes talmudifches Wissen, sondern er widmet auch einen großen Theil seiner Zeit dem Studium des Talmuds. Seinen reichen Mitteln entsprechend, hat er den festlichen Tag durch große Spenden an hiesige und auswärtige Arme ausgezeichnet. Möge cs ihm vergönnt sein, noch eine lange Reihe vvn Jahren viel Gutes zu wirken! Memels Ende October. Bor wenigen Tagen hat der hiesige Talmudvercin in seinem Beth Hamidrasch seinen jährlichen bna 0”D gefeiert, ein Fest, wie es in Deutschland wohl nicht zum zweiten Male Vorkommen dürste, und darum wohl werth ist, daß man darüber in diesen Blättern berichte. Der Verein ist durch den berühmten Talmudgelehrten, Rabbi Jisroel Lipkin, gewöhnlich Rabbi Jisroel Sa la nt er genannt, vor einigen Jahren in's Leben gerufen und erfreut sich einer sehr eifrigen Betheitigung. Die wenigen Paragraphen seiner □’O'ipn (Statuten) haben folgende Grundbestimmungen: Am Sonntage nach n’t?N'Q ros? wird alljährlich das ganze d"p an die activen Mitglieder, so daß auf jeden eine nuos kommt, vertheilt und binnen Jahresfrist haben allesammt ihren Tractat zu beendigen. Viermal im Jahr ist Generalversammlung und hat dabei ein Jeder Auskunft zu geben, wie weit er bereits getaugt. 3K3 Vö ist der letzte Termin, an welchem ein Jeder bis zum dvd gelangt sein muß, oder er hat für jedes noch rcftivcubc Blatt zwei Groschen zu zahlen, welches Geld die ständigen Insassen des tmon rra erhalten, um für ihn die rooo zu Ende zu lernen. Die sehr begründete Cholerasurcht war die Veranlassung, daß das Fest in diesem Jahre etwas später gefeiert wurde, denn wenn auch durch Gottes Beistand die schreckliche Seuche nicht aufgekommeu, so hat sie doch auch hier ihre Opfer gefordert. Nachdem die Krankheit aber ganz und gar erloschen, wurde das Fest um so freudiger begangen. Diesmal ging es hoch her, d. h. was so bei uns hoch hergehen heißt. Wir essen und