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Der Israelit · 1871-11-15 · Heft 46 (15.11.1871) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 46 (15.11.1871)
Date
1871-11-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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849 betrachteten; jedoch hielten sie fest und treu an ihper Endung— der Sendung Israels, für ihr^n Gott, für ihren Glauben, ftir ihre Nationalität zu leben, zu.leiden und zu sterben. Hunderte von Jahren lebten in Spanien und Portugal die Marannen oder sogenannten Neuchristen *), welche gezwungen waren, vor den Augen der Welt ihre Religion zu verleugnen, die aber nichtsdestoweniger im Herzen Juden blieben und heimlich alle Pflichten unserer heiligen Religion beobachteten. In den jetzigen Zeiten sehen wir zu unserem Bedauern gerade das Gegentheil geschehen. Wie bereits obenerwähnt, findet man viele Juden, die nur dem Namen nach dem Judenthume angehören, die aber wirklich viel weniger als G' )ensgenossen betrachtet werden können, als viele Berenner anderer Consessionen, die an eine göttliche Vorsehung glauben und die unserer heiligen Religion entstammenden Gebote der Sittlichkeit und Menschenliebe ausüben. Jetzt, da Israel ungehindert beinahe überall seinen Religionspstichten nachleben kann; jetzt, da die andersgläubigen Mitbürger, anstatt unserer Religion feindselig zu sein, für diese Rel gion Achtung hegen, jetzt sind viele Juden selbst gleichgiltig in Bezug auf ihren Glauben, und nachlässig in der Erhaltung von Gottes Geboten. Alle Israeliten sollten stolz darauf sein, der uralten Religion zn huldigen, welche der Adelsbrief Israels ist. Ist n!cht unsere ganze Geschichte, die Tradition unseres Volkes, ein ewiges Zeugniß von Gottes Allmacht und Seiner Gnadet Ach, die crast'este Gleichgiltigkeit nagt an den Herzen so Vieler und läßt langsam bas Gefühl ersterben für das, was uns am Theuersten sein sollte. Diese Gleichgiltigkeit in Bezug auf seine Religion und Nationalität ist es, die den Juden, er mag in der menschlichen Gesellschaft auf einer noch so hohen Stufe stehen, tiefer sinken läßt, als er je in den Zeiten der Unterdrückung gesunken war. Diese Gleichgiltigkeit ist die Ursache, daß Mancher seine Sendung als Israelit nicht begreift, und sich seiner Bestimmung nicht bewußt wird. Diese Gleichgiltigkeit für unsere Religion, ftir unsere Nationalität, für uns selbst, zu beseitigen, sei der Zweck eines jeden wohldenkenden Israeliten. ._ (Schluß folgt.) Diese damaligen Neuchristen hatten wirklich mehr Ansprüche aus den Namen Juden als die jetzigen Modernen oder Neu- Israeliten , die aus Bequemlichkeit oder Eigennutz die Grundlage unserer Thora verkennen und an deren Stelle dem Götzen des Zeitgeistes huldigen. Zeitungsnachrichten und Gorrefpaw denzeu. Deutschland. " Berlin, 24. Oct. Eine pikante Erinnerung an das Jahr 1848 wird in demokratischen Blättern aufgefrischt. Man war nämlich damals einen Augenblick lange nahe daran, einen Juden zum Cultusmini st er zu ernennen. Ein Königsberger Correspondenr des „N. Elb. Anz.'- schreibt diesem Blatte hierüber: „Es war in den unruhigen Tagen von 1848, als König Friedrich Wilhelm IV. sagte: „Lieber .Hansemann, stellen Sie mir doch rasch eine neue Ministerliste zusammen." Minister.Hansemann that, wie ihm befohlen, aber sehr eilig und zerstteut hatte er darunter auch den zweiten Vicepräsidenten der Nationalversammlung, Vr med. Ko sch, als dazu sehr geeignet erscheinenden „Cultusminifter" namentlich aufgeführt. Eben im Begriff, damit zum Könige zu gehen, zeigt er die Lifte zuvor noch feinem Secretär Hugo v. Hascnkamp in dem Augenblick, als dieser zu ihm in's Zimmer tritt, mit den Worten: „Lieber Hasenkamp, Sie sind ja aus Königsberg, kennen Sie Dr. Kosch von dort näher? Ich habe ihn für das Cultusministerium bestimmt, seinen Namen hier auf die soeben fertig gemachte neue Minifterliste gesetzt, die ich dem Könige schleunigst zur Genehmigung vorlcgen soll." Hafenkamp bemerke lächelnd darauf: „Mit Di*. Kosch aus Königsberg werden Ew. Excellevz wohl schwerlich durchdringen, denn der ist Jude und dürfte sich wohl nicht gut zum Cultusminifter eignen." „Jude!" rief Herr Minister Hasemann entsetzt, „um Gotteswillen — streichen wir ihn oitigsinae!" Und die junge Minifterliste wurde — beschnitten. So hörten wir diese Tragicomödie vor 22 Jahren aus dem Munde des Herrn v. Hasenkamp, der mit Hansemann von Köln nach Berlin, als Redacteur der „Hart. Ztg." von Berlin nach Königsberg, und 1850 dafür, daß er den Namen eines Corrcspondenten zur Aufklärung in der Sefelogeschen Attentats-Angelegenheit nicht nermen wollte, auf 4 Wochen in's Gefängniß kam, wo er uns jene Episode lachend mittheilte, dann für die Schleswig- Holsteiner kämpfte, verwundet wurde, einige Jahre daraus starb/' Bekanntlich soll Fürst Bismarck zur Zeit der Frankfurter Friedensunterhandlungen an der Tafel des Oberbürgermeisters Herrn Mumm u. A. geäußert haben: „Das Schlimme an einem Cultusminifter ist, daß er nie vergißt, welcher Confession er angehört und daher immer Partei bleiben wird. Mir wäre deßhalb ein Jude als Cultusminifter am Liebsten." (Fr. I.)

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