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Der Israelit · 1871-11-15 · Heft 46 (15.11.1871) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 46 (15.11.1871)
Date
1871-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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843 ich mit ihm," war Gottes Wort, und von Mund zu Mund ist die Thorah auch zu uns gekommenvon Mund zu Mund müssen wir sie unseren Kindern und Kindeskindern überliefern, und keine weltliche Macht wird an unsere Religion die Hand legen können. Sie ftcht fester als Denkmale von Eisen und Granit. Nach Taufenden von Jahren von Jammer und Elend ist Israel lebendig, stark, jung, kräftig, gesund. Danken wir Gott dafür. Danken wir Gott, daß wir unsere Sendung erfüllen können, besser und mit weniger Gefahr, als unsere Vorfahren dazu im Stande waren. Danken wir Gott '— die Zeiten, in denen wir um unseres Glaubens willen gehaßt und verfolgt wurden, nahen ihrem Ende. Selbst da, wo das Licht der Civilisation noch nicht genug durchgedrungcn ist, und die Juden noch oft verfolgt werden, kann jetzt der Einfluß mancher Glaubensgenossen aus anderen Ländern das Nebel abwehrcn oder lindern. Die Zeit ist nahe, in welcher die sich immer mehr verbreitende Civilisation über die ganze Erde ihre segensreichen Folgen verbreiten wird. Aller Haß und jede Verfolgung gegen Andersgläubige werden verschwinden. Wir dürfen hoffen, daß nicht bloß bald überall die Juden geduldet und mit den Bekennern anderer Confessionen gleichgestellt werden, sondern daß wir auch wegen unsererreligiösen Gesinnungen, wegen unseres Festhaltens am heiligen Gesetze Gottes die Achtung und Liebe unserer Mitbürger in dem Grade gewinnen, als wir vorher deßwegen gehaßt wurden. Dadurch wird unsere Arbeit — unsere Sendung — leicht werden. Doch um wie viel größer ist demzufolge die Verantwortlichkeit, welche auf jedem Israeliten ruht! denn Jeder ist berufen, zur Sendung beizutragen. Wir neunen hier das Wort Verantwortlichkeit. Man verstehe uns aber recht. Obschon das Individuum Gott und der Welt lediglich Rechenschaft schuldig ist für seine eigenen Handlungen, und der eine Mensch ebensowenig verantwortlich oder strafbar sein kann für die Sünde Anderer, wie er Ansprüche hat auf den Lohn der Wohlthaten, die nicht von ihm ausgeübt, so bleibt doch nichtsdestoweniger eine besondere Verantwortlichkeit jedem einzelnen Israeliten. Die Worte unserer Rabbinen, nr bD 7irv, „Alle Israeliten bürgen für einander," lehren uns das. Wird nicht der Fehler oder die Uebertretung des einzelnen Israeliten noch immer dem ganzen Judenthum zugerechnet, in der Weise, wie einst Haman alle Juden auszurotten suchte, wegen einer Beleidigung, die ihm, nach seiner Auffassung, von einem Juden war angethan worden? Geschieht solches nicht noch oft? '" Wenn zu einer oder anderer Zeit von Nichtisraeliten ein Verstoß gegen die Gesetze des Landes stattgefundeu hat, so hört man bloß sagen: „die rpenschliche Gesellschaft ist beleidigt". Man nennt den Beruf, den Namen des Uebelthäters, ohne daß es Jemandem einfällt, seine Confession dabei zu erwähnen. Geschieht aber so Etwas unglücklicherweise von einem Israeliten — dann wird gleich dem Namen des Frevlers das Wort „Jude" beigefügt. Doch auch, wenn ein Jude sich auf eine oder andere Weise auszeichnct, und die Rede von Wohlthaten ist, welche als die wahren Kennzeichen des Charakters angemerkt werden — auch in diesem Falle wird oft gesagt: dieser oder jene ausgezeichnete Mann ist Jude. Alsdann ist diese Benennung der schönste Ehrentitel, womit seine edlen Thaten gefeiert werden können. Jeder Israelit ist es deßhalb sich selbst und seinen Glaubensbrüdcrn schuldig, sich selbst derart zu betragen, daß der Name Jude immerfort in ehrenvoller Weise erwähnt werde. Dadurch wird er auch am Besten an seiner Bestimmung, an der Sendung Israels, Mitarbeiten. Heil uns Israeliten, wenn wir vor Allem diesen, erhabenen Zweck uns vor Augen hielten! In vielen Ländern sieht man jetzt Juden die ansehnlichster: Posten bekleiden. Sowohl in der politischen Welt als auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, in den Wissenschaften und Künsten, in der Journalistik und in der Literatur werden jüdische Coryphäen gefunden. Umsomehr ist es aber zu bedauern, daß Viele, die durch ihre Verdienste oder durch ihre Geistesgaben bedeutende Steller: in der menschlichen Gesellschaft einnehmen, sich dabei ihrer Religion öfters ganz und gar entledigen. Früher konnte kein Jude zu einem Amte komme», ohne sich taufen zu lassen. Die Einzelnen, welche aus Habgier, Eigennutz oder aus Ehrsucht ihr Seelenheil verkauften, wurden noch immer „getaufte Juden" genannt , und auf solche Renegaten wurde oft' mit den Fingern gedeutet. Jetzt, da rücht mehr das Verlassen oder das Vertauschen der Religion zur Erlangung einer Ehrenstelle oder eines Amtes gefordert wird, vernachlässigen Viele, aus eigenem Antriebe, die Gesetze Gottes, und mit Recht sind aus solche die Worte anwendbar: nx nroan Dm. Ach, aus unserer eigenen Mitte droht uns eine Gefahr, die schrecklicher, als je eine dagewesen. Diese Gefahr besteht in der Gleichgiltigkeit, welche die Juden, im Allgemeinen, in Bezug auf ihre Nationalität und ihre Religion hegen. Wenn in den Zeiten der Inquisition unsere Vorfahren für ihre Religion ihr Leben zun: Opfer gaben, da herrschte noch Einheit und Friede unter denselben, und die Bruderliebe machte das israelitische Volk stark und unüberwindlich. Sie ertrugen geduldig alles Leid^ welches 'sie als die rechtmäßige Strafe ihrer Sünden.

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