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Der Israelit · 1871-11-08 · Heft 45 (8.11.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 45 (8.11.1871)
Date
1871-11-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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830 Den ersten, Theil des Abends Mten musitalische Anterhaltungen aus; die jungen Töchter des Hauses zeigten, was sie gelernt hatten, und sie sowohl als ihre Lehrerin ernteten reiches Lob; dann trug Agnes einige schwierige Musikstücke mit solcher Präcision vor, daß selbst bedeutende Künstler und Kenner ihren Beifall nicht zurückhielten. Den Glanzpunkt des Abends bildete der Vortrag des berühmten Violinvirtuosen Alois Tempelhoff. Er spielte sonst nie in Privatcirkeln und wachte nur hier dem Geheimen-Commerzienrath Bern caftel zu Liebe eine Ausnahme; denn diesem war er vielea Dank schuldig, als Tempelhoff noch^inng und unbedeutend war, hatte sich der Banquier Berncastel feiner angenommen, ihn unterstützt und gefördert. Teuchelhoff war ein schöner, junger Mann, und sein Spiel war meisterhaft, Auf Agnes machte es einen überwältigenden Eindruck. Als alle Welt den berühmten Künstler mit Complimenten und Danksagungen überschüttete, hielt sich Agnes bescheiden im Hintergründe. Da ttat Tempelhoff auf sie zu und sagte: , Nun, mein Fräulein, darf ich nicht auf ein Wort des Beifalls aus Ihrem schönen Munde hoffend" „ „Ich habe keine Worte," " stammelte Agnes, „ „um den Eindruck zu schildern, den Ihr wundervolles Spiel auf mich gemacht hat!" " „Sie machen mich ganz stolz, mein Fränlein; das günstige Urtheil einer so bedeutenden Künstlerin gilt mir unendlich viel." . „„Sie beschämen mich; ich bin nur ein unbedeutendes Mädchen, eine Anfängerin."" „Und doch hat mir mein Freund Blumenftein ganz begeistert von Ihren Phantasien auf dem Clavier gesprochen." „Ja," sagte die Geheimräthin, „ich häbe auch schon davon gehört. Szpielen Sie uns doch eine solche Phäntäfie." Agnes lieg sich nicht lange bitten. Noch unter dem Eindrücke, den das hinreißende Spiel Tempelhoffs auf sie gemacht hatte, begann sie all Das in Töne zu kleiden, was sie über Musik gedacht und empfunden hatte; sie strömte gleichsam in diesen Melodien ihre ganze Seele aus. und als sie endete, war alle Welt enttückt, am Meisten Tempelhoff; er wich den ganzen Tag nicht mehr von ihrer Seite; er aß bei Tafel nichts, weil sie nicht aß, er — wnft ein leidenschafticher Tänzer — tanzte nicht, weil sie nicht tanzte. Als am andern Vormittage um 11 Uhr Agnes pünttlich in Berncastelschen Hause erschien, um den gewohnten Unterricht zu ertheilen, wurde Sie zur Frau Geheimräthin beschießen. „Ach, Fräulein Bärwäld," sagte diese, „ich häbe Sie heute nicht erwärtet. Lasten wir heute die Sztunde. Die Kinder sind auch noch zu angegriffen von gestern; kommen Sie, setzen Sie Sich zu mir aufs Känäpee 'r wir wollen ein bischen mit einander plaudern. Wie hät Ihnen Herr Tempelhoff gefallen Y* Agnes wurde roth. „„Herr Tempelhoff,"" sagte sie, „„ist ein ausgezeichneter Künstler, ein sehr geistreicher, schöner, liebenswürdiger« Mann."" „Sieh, sich, wie begeistert! Ich glaube gär, Sie sind in ihn verliebt; nun, es ist man gut, daß diese Liebe gegenseitig ist." „„Gnädige Frau!"" „Sie brauchen nicht verlegen zu werden, liebes Kind' Als sie gestern Aebend fortgegangen wären, hat Herr Tempelhoff mich gebeten, sie zu fragen, ob Sie seine Frau werden wollen. Er ist ein berühmter Künstler, ein solider, chäräctervoller junger Mann und hät sich bereits ein schönes Vermögen erworben. Nun, Fräulein, was sägen Sie dazu?" „^Jch bin so überrascht, gnädige Frau, daß ich keine Worte finden kann."" „Sie breuchen sich gar nicht zu besinnen; Sie können sich gratuliren, Sie machen ein großes Glück. Nun, sägen Sie ja!" „ „Sie werden gestatten, gnädige Frau, daß ich mich erst mit meiner mütterlichen Freundin, Frau Honigmann, berathe, ehe ich mich entscheide!"" „Jä, die wollen Sie frägen! Ach, gut, daß Sie mich erinnern. Herr Tempelhoff ßtellt noch eine Bedingung, die sich eigentlich von selbst verßteht. Er verlangt, daß Sie von den veralteten religiösen Vorurtheilen lassen sollen; die würden ihn in seiner Künstlerlaufbähn geniren." „„Aber, gnädige Frau, Herr Tempelhoff hat doch gestern Abend nichts bei Ihnen gegessen!"" „Ja? dä hat er wahrscheinlich keinen Appetit gehabt oder er hat sich lieber mit Ihnen unterhalten. Sonst schmeckt es ihm ganz köstlich bei uns. „Gnädige Frau," sagt er oft, „nirgends in der Welt ist ist der Schweinebraten so süperb wie bei Ihnen." „„Unter diesen Umständen, gnädige Frau, bitte ich Sie, Herrn Tempelhoff zu sagen, daß ich auf die Ehre und das Glück, seine Gattin zu werden, verzichte."" „Jä? Sie sind närrisch, liebe Kleine! Besinnen Sie sich zweimal, ehe Sie solch einen Bescheid erthei-. len. Nie wieder wird Ihnen solch ein Glück geboten; ßtoßen Sie es nicht von sich." „„Mein Entschluß ist fest und unwiderruflich."" (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.

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