Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1871)
- Date
- 1871-11-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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829 in vornehm nachlässiger Haltung auf einer Ottomane. Als ihr Fräulein Bärwald vorgeführt wurde, sagte sie, ohne sich zu erheben: „Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie so früh kommen. Ich hübe von ihrem Talente gehört; ich will Ihnen den Unterricht meiner zwei Töchter anvertranen. Nehmen Sie sich einen Sztuhl. Wollen Sie vielleicht ein wenig mit mir frühstücken? Ich werde ganz süperben Schweinenbräten und ganz ausgezeichnete Compötter austragen lassen." „„Ich danke ergebenst, gnädige Frau, ich habe bereits gefrühstückt." " „Ach. Sie wollen gewlß keinen Schweinenbräten essen! Halten Sie noch diese alten Gesetze?" ....Ich bin Jüdin, gnädige Frau."" „Ach, das bin ich ja auch; ich bin aus Hannover; mein Väter war ein frommer Mann und ich wär als Kind auch sehr fromm; über mein Mann ist xin großer Goi1) und was wollte ich machen? Lo'chen, sagte er nach der Hochzeit — ich heiße nämlich Laura oder Lore und meine Freunde nennen mich Lo'chen — Lo'chen, Du mußt Dich nach mir richten, und ich habe mich nach ihm gerichtet. — Nun, wie Sie wollerr. Ich werde Ihnen jetzt meine Töchter, Aemäliä und Paula, vorftellen. Die gnädige Frau zog an der Glockenschnur und die sofort herbeicilende Kammerfrau erhielt den Auftrag, die beiden Töchter herbeiznrusen. „Aenuae," fügte sie bmzu, „laß auch das Frühstück bringen. Fraulein Bärwald entschuldigt — ich habe franst nppotit." Bald darauf erschienen die jungen Töchter des Hauses. „Kinder," sagte die Mutter, „Fräulein Bärwald, eine ausgezeichnete Künstlerin, wird die Güte hüben, Euch in der Musik zu unterrichten. Dies ist meine Aemäliä. Fräulein; sie ist vierzehn Jahre alt; sie ßpielt schon recht gut Clävier; Paula.über, mein zehnjähriger Wildfäng, will nichts lernen. Seien Sie nur recht ßtrenge gegen das Szträßenmädchen." Dabei küßte sie das Kind zärtlich. „Ich habe nur diese zwei Kinder; sie sollen Alles lernen; namentlich Musik; ich selbst habe nicht Musik lernen dürfen; mein seliger Väter hats uicht erlaubt. O, wenn der wüßte, daß ich Schweinebräten esse! Wollen Sie wirklich nicht mitefsen, Fräulein? Diese prachtvollen Eompötter, die dürfen Sic doch essen. „„Aber Mama,"" sagte Amalie, „„Compötter!"" „Naseweises Kind, ich weiß recht gut, daß es nicht Compötter heißt, über in Hännover sägt mau so und in Hännover ßpricht man bekanntlich das beßte Deutsch." Als Agnes sich beharrlich weigerte, an dem Frühstück Theil zu nehmen, sagte Frau Berncaftel: 1) irreligiös. „So ßpielen Sie uns unterdeß Etwas: gute Musik befördert mir inimer den Appetit." Und Agnes trat an das im Nebenzimmer befindliche Clavier; die Flügetthüren wurden geöffnet, und die Berncaftel'scheu Damen ließen es fich beim Ertönen der Mozart'schen Weisen ganz vorzüglich schmecken. «Sie ßprelen ganz ausgezeichnet, Fräulein Bärwald/ sagte die Commerzienräthin, sich mit der Serviette den von Fett glänzenden Mund trockrend, «ich neue mich außerordentlich, für meine Töchter eine solche Lehrerin gewonnen zu haben. Sie sollen Ihnen jeden Tag eine Sztunde geben. Vormittags von 11 bis 12. Paßt cs Ihnen da?" „„Ich stehe ganz zu ihrer Disposition; aber am Sonnabend ertheile ich keinen Unterricht?"" „Wie. Sie wollen am Sonnäbend nicht Clävier spielen? Was Sie sägen! Aeber, Sie sind gär zu ftvmm. Nun, das wird sich schon geben, noch dazu hier in Berlin!" „ „Ich hoffe, immerwährend meinen Grundsätzen treu zu bleiben!" „Jä? Nun, ich hübe nichts dagegen. Aeber hüten Sie Sich, meine Töchter fromm machen zu wollen. Da kämen Sie bei meinem Mann schön an!" Agnes verabschiedete sich und begann am andern Tage den Unterricht. Noch von vielen Seiten wurden ihr Ancrbietnngen gernacht, nrehr als sie annehmen konnte, und da die Stunden sehr glänzend honorirt wurden, so konnte Agnes nicht allein der Frau Honigmann ihre Auslagen zurückerstatten, sondern sie konnte auch für dir Zukunft ein bescheidenes Sümmchen erübrigen. So verging der Sommer; als die Abende wieder länger;u werden begannen, gab Frau Berncaftel em großes Fest, zu dem sie auch Agnes einlud. „„Ich danke herzlich für Ihre Freundlichkeit,"" sagte diese, „„allein ich muh Ihre gütige Einladung ablchnen."" „„Wie, Sie wollen nicht in unsere soiree kommen? Sie brauchen ja nicht mitzneffen, was sie nicht effen wollen." „„Es ist nicht deßhalb, gnädige Frau; aber ich befinde mich noch im Trauerjahre nm meine selige Mutter." " „Aber, Sie machen doch sonst Musik?" „„Ich habe deßhalb bei Herrn Rabbiner Rosenstein, ailgcsragl, und der hat gesagt, daß es zum Zwecke des Broderwerbs mir erlaubt sei."" „Was Sie sägen! Nun, so können Sie. auch zu« Zwecke des Erwerbs zu meiner soiröe kommen. Sie sollen heute Abend bei uns szpieleu und wir werden Sie dafür honoriren." Es war eine glänzende Gesellschaft, die sich indem, Berncastelschen Palais zusammensand; namentlich waren:; sehr viele Künstler, Schriftsteller und Gelehrte von Ruf! zugegen.