Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1871)
- Date
- 1871-11-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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825 Men. Wenn die Kinder bis zum 13. Jahre hebr. leien lernen, oder es gar zu einem ro*n piDE> bringen, fo will das schon viel sagen. Dem Lehrer ist in solchen Fällen kaum ein Vorwurf zu machen; denn bei aller Tüchtigkeit wird er kaum mehr zu leisten im Stande sein, und bei aller Liebe für die heilige Sache muß seine Spannkraft erlahmen, wenn er, von Ort zu Ort wandernd, in jeder Stunde so zu sagen wieder von vorn anzufangen sich gezwungen sieht. Und doch liegt es oft in den Verhältnissen, daß eine Gemeinde nicht im Stande ist. einen eigenen Lehrer anzuftellen. Wenn wir sagen; „es liege dies in den Verhältnissen," so bemerken wir ausdrücklich, daß wir nur im Sinne der Gemeinden sprechen. Für uns gibt es gar, gar «ichts, das solche Praxis rechtfertigen kann. Denn was vermag nicht der gute Wille, die feurige Ueberzeugung und die jüdische Opferwilligkeit und Opferfreu- -igkeit, wenn es sich um Jugendbildung, Jugenderziehung handelt, wenn es sich handelt um das heiligste Gut der Väter, die ihr Gut und Blut für Thora und Tradition eingesetzt! Unsere Ahnen wußten uni jener ewigen Schätze willen zu sterben, und wir - wir — wir haben es verlernt, dafür zu leben! — Woher kommt es also, daß unsere Jugend so wenig von ihrer Vergangenheit weiß, und in Folge dessen dem alten Erbgut den Lücken wendet i Weil viele Gemeinden nicht von der rechten Hingabe für die heilige Sache erfaßt sind, nicht die Kraft besitzen, die Mittel Lu votiren, um Lehrer anzuftellen, jede Gemeinde einen Lehrer für sich. Wir geben zwar zu, daß in ganz kleinen Gemeinden, und zumal wenn sie arm sind, die Aufgabe eine schwierige ist,— aber es muß doch möglich werden, wenn die Männer cs sich angelegen sein lassen. „Eine Gemeinde ist niemals arm," ist ein alter jüdischer Canon; einmüthig zusammen stehen und zusammen handeln und es muß gelingen. Ist es dann einer Gemeinde wirklich nicht möglich, die Mittel Lu erschwingen, nun, dann werden andere Helsen. Das jüdische Herz fühlt und — gibt. Vielleicht regen diese Zeilen eine Besserung an; vielleicht bildet sich ein Verein, der die schöne Aufgabe zu lösen übernimmt, unbemittelte Gemeinden zu unterstützen, daß sie Lehrer anstellen können. Wir werden n*'« unsere schwache Kraft dafür einsetzen, ein solches „Erlösungswcrk" anzubahnen, und wir hoffen zu Gott, daß dies die Billigung aller Jehndim, und vor allem derer unserer Provinz finden werde. Für jetzt wollen wir nur daraus aufmerksam gemacht haben. Wenn uns unser Gedächtniß nicht täuscht, so hörten wir einmal von einem, in den Provinzen Starkenberg und Ober-Hessen bestehenden Verein zur Verbesserung des Zustandes der Israeliten, defien Tendenz und Wirksamkeit daraus gerichtet ist, Kinder armer Israeliten Handwerke erlernen zu lassen, und unbemittelte Knaben, die sich dem Lehrerfache widmen wollen, zu unterstützen. Wir werden uns erkundigen. ob das eine schöne Mähr oder Wahrheit war, und im bejahenden Falle die Aufmerksamkeit des Vereins auf unser Projekt lenken. Besseres könnte der Verein jetzt nichts schaffen, als Mittel zu reichen, um tüchtige Religionslehrer anzuftellen und sie auch gut zu Honoraren. Wir hörten zwar auch, daß der Gemeindetag sich mit dieser Frage zu beschäftigen gedentt. Vielleicht — — vielleicht thut er etwas dafür, er würde sich gewiß die Anerkennung aller Gebildeten und den Dank aller Gesinmmgstüchtigen erwerben. Wir wollen abwarten. Noch eine Erscheinung wollen wir kurz berühren. Wir kennen Gemeinden, die zwar eigene Lehrer besitzen; aber was nir Lehrer! i Kinder, ja Kinder sind es von 15 bis 16 Jahren, die kaum so viel gelernt haben, daß sie ordentlich lesen und einen Vers übersetzen können, und solchen Knaben vertraut man den Unterricht von 20 oder mehr Kindern an! Wir wissen wahrhaftig nicht, worüber wir da staunen sollen, über die Gemeinde, die mit dem Thenersten — ihren Kindern — spielt, oder über den „Herrn Lehrer", der den — Much hat, den Lehrer zu - spielen! Wir schreiben hier nicht, um zu tadeln — aber sollte man im Angesicht solcher Handlungsweise nicht ein Bischen in den Harnisch kommen? Doch genug ftir heute. Vielleicht fängt man jetzt an, darüber nachzudenken und an Abstellung zu denken, wir erwarten das, und jetzt um so mehr, da wir ri";'3 seit kurzer Zeit einen Haltpunkt haben, der gewiß daftir Sorge tragen wird — daß es besser gehe. Straßburg. Privamachrichten zufolge wurde an dem hiesigen neu gegründeten Lyceum ein Israelit als Lehrer der Mathematik angestellt. Auch an den Lehrerseminarien zu Metz, Straßburg und Colmar sollen Israeliten als Lehrer placirt werden. Ocsterreichisch-Ungarnische Monarchie. T8ien. Zur Bestätigung meiner letzthin ausgesprochenen Ansicht, daß sich Gottlob in der als Phaakenstadt verschrienen Residenz ein regeres religiöses Leben bekundet und zugleich als Pendant zu meinem vorigen Berichte will ich die erfreuliche Thatsache regiftriren, daß man am vergangenen r,2'r ‘m Gelegenheit hatte, in Wien und der nächsten Nähe sechs gottesdienftUche Vorträge in der alten rwm Manier zu hören. Hr. Nab. Dr. M. Güdemann sprach in der Synagoge der schonen La<erngaffe (Stadt) vor einem sehr zahlreichen Auditorium, da auch viele Mitglieder der Schiffschule anwesend waren, was bei den Predigten im Tempel nicht der Fall ist, fast eine Stunde ununterbrochen und verfehlte nicht seine belehrende, erbauende und zur ny.wn besonders anregende Rede als p '-an einen tiefen Eindruck ans die Zuhörer zu machen. Fast gleichzeitig hielt Herr Rabbiner Sal. W. Freund im Bethause unter