Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1871)
- Date
- 1871-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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«erkbar zu machen, und die beste Aussicht auf Gehaltserhöhung hatte, mutzte er seine Carriöre unterbrechen, um drei Jahre lang Soldat zu sein; denn zum ein- Mrigen, sogenannten Freiwilligendienste fehlten ihm «icht allein die nöthigen Schulzeugnisse, sondern auch -ie erforderlichen Mittel. Schon vierzehn Tage nachher, kam er, um Abschied zu nehmen. Agnes dankte ihm noch einmal auf Herzlichste. „Ihnen habe ich," sagte sie, „nächst Gott am Meisten für die günstige Gestaltung meines Geschickes zu danke». Hätten Sie sich an jenem Abende nicht meiner angenommen — wer weitz, was aus mir geworden wäre? Me werde ich Ihren Edelmuth vergessen. Gott segne Sie'!" — Betrübten Herzens ging Alfred von dannen. Ach, auch er wird, das suhlt er, das schöne, geist- und tugendreiche Mädchen nicht vergessen, das ihn so innig seiner Dankbarkeit versichert. „Sie wird Carnöre machen," sagte er sich, „sie wird Aufsehen in Berlin erregen; sie wird vielleicht eine große Dame werden. Und ich! Ich werde unterdetz der devote Untergebene meines Corporals sein müssen, werde in der Kaserne schlafen und Commißbrod essen, werde drei Jahre lang exerciren und schießen lernen, um dann ungeschickter und ungelenker ins Geschäft einzutteten als jetzt! Doch, wie Gott will." "— Am andern Tage fuhr er mtt einem Militärzüge nach Eöln ad, wo das Regiment in Garnison lag, dem er als Rekrut war zugetheilt worden. Nach wenigen Monaten erklärte der Mufiklehrer die Ausbildung seiner Schülerin Agnes Bärwald für vollendet. Frau Honigmann fuhr jetzt wieder mit ihrer Schutzbefohlenen zu Capellmeister Blumenstein. Dieser war ganz erstaunt über die bedeutenden Fortschritte, welche das junge Mädchen gemacht hatte und ganz hingerissen von ihrem seelenvollen Spiel. „Darf ich Sie nunmehr bitten, Herr Capellmeister," sagte Frau Honigmann, daß Sie Fräulein Bärwald ein empfehlendes Zeugnitz ertheilen d" „Nein," entgegnete der berühmte Musiker, „ich gedenke die junge Dame in ganz anderer Weise in die Welt einzuführen. Ich werde Ihnen behilflich sein, ein Concert zu veranstalten, und wenn man Sie gehört und die Zeitungen über Ihre Leistungen berichtet haben werden, dann werden Sie bald eine gesuchte Lehren» fein. Aber wir müssen uns damit beeilen, denn der Winter geht schon zu Ende und die 8»isov morte wird bald da sein." Der edle Mann hielt Wort. Nicht ohne große Mühe gelang es ihm, ein Concert zu Stande zu bringen; aber sein Bemühen war von Erfolg gekrönt. In einem eleganten Saale harrte eines Abends eine auserlesene Gesellschaft, größtentheils aus Musikkennern bestehend, der jungen Dame, welche der berühmte Blumenstein so warm empfohlen hatte. Frau Honigmann, die sich im Saale befand, wurde fast krank vor Unruhe und Erwartung. Endlich ttat die junge Künstlerin auf, geführt von dem Capellmeister. Ihre Erscheinung machte auf das Publikum den günstigsten Eindruck: allein Agnes war einer Ohnmacht nahe. „Muth, Muth!" flüsterte Blumenstein ihr zu und geleitete sie ans Clavier. Schon bei den ersten Tönen verlor sich jede Befangenheit. Bald hatte sich das junge Mädchen in ihre Aufgabe vertieft; sie spielte einige schwierigen Sachen von Bethoven, und die sorgfältige und präeise Durchführung erMte die Kenner mit Bewunderung. „Brav, brav!" riefen einzelne Stimmen, als Agnes das Spiel beendete. Hierauf ttug Blumenstein einige Piecen auf seinem Lieblingsinstrumente, dem Cello vor, während AMes die Begleitung spielte. Der Künstler erntete reichen Beifall, und Agnes wohlverdientes Lob. Es folgte ein Clavierauszug von Chopin, der die Zuhörer erwärmte. Schon wurde der Beifall reichlicher. Den Schluß bildete eine eigene Phantasie der Mgen Künstlerin; sie schien all das Leid und ast den Kummer, den sie in ihrem jungen Leben bereits so reichlich erfahren, in Tönen darzustellen. Manchen Hörern standen die Thränen in den Augen. Dann wurde die Musik fteudiger; man hörte die günstigere Wendung des Geschickes der Spielenden heraus; aber der Jubel in den Tönen hielt nicht lange an; wehmuthsvoll schien das junge Mädchen ihr Allein- und Berlasfensein zu bettauern; dann wurde die Mnsik langsam, feierlich, erhaben — es war gleichsam ein Emporschweben zu höheren Regionen, eine verttauensvolle Hingebung an Gott. Als Agnes geendet hatte, herrschte eine Minute lang die tiefste Stille; denn jeder Hörer suhlte sich tief im Innersten ergriffen. Dann aber brach ein rauschender Beifall los. Alles stürzte vor, um die junge Künstlerin zu beglückwünschen. „Ein neuer Stern am musikalischen Himmel!" hörte man rufen. „Ein Genie, ein wahrhaftes Genie!" rief ein Anderer. „Seit Franz Lißt ist so etwas nicht gehört worden!" ließ sich ein Dritter vernehmen. Frau Honigmann aber umarmte weinend die Waise, deren Zukunft sie nun gesichert sah. (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz.