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Der Israelit · 1871-11-01 · Heft 44 (1.11.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 44 (1.11.1871)
Date
1871-11-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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813 ihn mit derartigen Bagatellen künftig verschonen! An den Polizeimeister aber berichtete derselbe Beamte das unwahre Factum, es wäre eine einfache Schlägerei gewesen,-an der Juden und Katholiken gleiche Schuld hätten. Dies von oben wie von unten gegebene schlechte Beispiel —sagte der Gewährsmann— fand alsbald Nachahmung, denn Böses muß Böses wieder erzeugen. Den Tag darauf, bei Gelegenheit eines jüdischen Begräbnisses in Warschau, überfielen abermals rohe christliche Gesellen ihre leidtragenden Mitbürger und richteten wiederum ein kleines Blutbad an — nur daß diesmal einige Rädelsführer zur Wache abgeführt wurde, um vielleicht bald wieder — ungestraft entlassen zu werden. Bei dieser ungerechten Wirtschaft der Unter-Beamten kann jedoch der Staat nicht bestehen, und es ist daher Pflicht der Presse, solche Verbrechen an'S Licht zu ziehen, um sie dadurch zur Kenntnißnahme der oberen russischen Behörden zu bringen. Der Korrespondent sagt selbst am Schlüsse seines Briefes, daß der Warschauer Ober-Polizeimeister ein streng gerechter und wahrheitsliebender Mann sei, der ohne Zweifel bei genauer Jnfornlation in der Angelegenheit die verdiente Sühne der beregten Schandthüten beim Statthalter, Fürsten v. Lory, jum abschreckenden Erempel für die Folgezeit energisch beantragen und sofort auswirken werde. Möge ihn das feste- Vertrauen zur Gerechtigkeitsliebe seiner Staats-Regierung nicht täuschen. Feuilleton. Agnes. ii. Die Wittwe Bärwald hatte nicht lange mehr zu leiden; sie starb und Agnes stand ganz allein in der Welt. Grenzenlos war der Schmerz der armen Waise, und hätte nicht Frau Honigmann sich ihrer angenommen, ihr Muth eingeflößt und Trost zugesprochen — sie hätte die Größe des Schmerzes wohl kaum ertragen. Als die sieben Trauertage um waren, besuchte Frau Honigmann die Waise, wie sie während dieser Trauerzeit täglich gethan hatte. „Agnes," sagte sie, „Sie müssen sich jetzt aus Ihrer Trauer eniporraffen. Wäre ich reich, so würde ich sagen : Kommen Sie in mein Haus und seien Sie meine Tochter. Aber ich kann nicht so sagen. Wir müssen sehen, in welcher Weise Sie sich Ihren Lebensunterhalt selbst erwerben. Was wissen Sie, was verstehen Sie, was haben Sie gelernt t‘ „ „Mein seliger Vater/"- entzegnete Agnes, „„war noch vor wenigen Jahren sehr wohlhabend, bis Unglücksfälle ihn seines Vermögens beraubten. Ich habe ein? sorgfältige Erzichung genossen und Mancherlei gelernt; in allen weiblichen Arbeiten bin ich erfahren; ich könnte sowohl als Näherin als auch als Stickerin arbeiten."" „Nun, das wäre Etwas. Mein aufrichtig gestanden, gefällt mir das nicht für Sie. Ihre Gesundheit ist angegriffen und die sitzende Lebensweise würde Ihrer Genesung und Kräftigung hinderlich sein." „„Ich glaube, daß ich mich auch zum Unterrichterthcilen eignen würde. Ich verstehe Französisch und und Englisch und besitze Kenntnisse in allen Elementarfächeru; auch spiele ich Clavier. und meine Lehrer meinten, daß ich für Musik ein besonderes Talent besitze."" „Das Letztere wollen wir einmal fcsthalten. Wenn. Sie tüchtig im Clavierspielen find, so wäre das die beste Carnöre für Sie. Gute Clavierlehrerinnen sind hier in Berlin gegenwärtig fchr gesucht, und ich habe Bekannte genug, um Sie zn empfehlen und einzuführen. Nun, wir wollen sehen. Kleiden Sie sich an — ich fahre mit Ihnen zum Kapellmeister Blumenstein; der soll Sie prüfen, und ertheilt er Ihnen ein empfehlendes Zeugniß, so werden Sie bald Schülerinnen in Menge haben." Frau Honigmann und chr Schützling wurden von Herrn Blumenstein aufs Freundlichste empfangen. Er ließ sich von Agnes Etwas Vorspielen. „Das Fräulein hat viel Talent," sagte er, „sie spielt mit Geist — allein es fehlt noch an Uebung mS Fingerfertigkeit. Ein sorgfältiger Unterricht und fleißige Uebung während dreier Monate würden sie zu einer vollendeten Clavierspielerin machen." Agnes erschrak. Woher sollte sie die Mittel für theures Honorar, woher das Geld, um ihr Leben während dreier Monate zu fristen, nehmend Frau Honigmann beruhigte sie beim Nachhausefahren. „Ich schaffe die Mittel herbei," sagte sie. „Sie können sie als ein Darlehen betrachten und später zurückgeben. Sie ziehen zu mir und wohnen und essen und trinken bei. uns. Wenn Sie erst eine renommirte Musiklehrerin sind — und ich zweifle nicht daran, daß Sie es werdet! — Herr Blumenstein hat ein gediegenes Urtheil — dann verdienen Sie in einem Monat mehr als die ganze Lehrzeit kostet " Agnes wollte sich weigern, das großmüthige Anerbieten der edlen Frau anzunehmcn; aber Frau Houigmann duldete keinen Wiederspruch. Als Agnes ihre Uebersiedelung bewerkstelligt hatte, sah sie auch Alfred Dannenberg im Kreise der Familie Honigmann wieder. Er war sehr niedergeschlagen; er hatte die Einberufungsordre erhalten, mußte seine Stelle aufgeben und als Sodat ins Heer treten; gerade jetzt, da er anfing, sich im Geschäfte seines Principals be-

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