Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1871)
- Date
- 1871-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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812 Jscht. In diesen Tagen war in Ischl eine schr vornehme jüdische Hochzeit, indem dort der Sohn des reichen Königswarter die Tochter des Herrn Ritter von ^ringer heirathete. Der Wiener Cantor, Herr Snlzer, wurde hinberufen, und als Lohn seiner Mühe erhielt er eine Villa vor dem Thore im Werthe von 15,000 fl. zum Geschenke. Prag, am 22. October, Die neugeschaffene politische Lage Czechiens absorbirt zwar im Allgemeinen das Interesse und ist die Bewegung im hiesigen jüdischen Gvmeindeleben eine fast unscheinbare. Die Orgelfrage wurde auf unbestimmte Zeit vertagt und die Einführung -es Orgel spreles an Sabbaten und Feierlagen scheiterte an dem festen Willen, mit dem Herr Prof, und Prediger Dr. Kämpf sein Veto aufrecht erhielt. Diese Conseguenz ist um so anerkennungswerther, als der Vorstand für diese Neuerung eintrat und Herr Prof. Dr. Kämpf von dem hier erscheinenden jüd. Wochenblättchen so manche hämische Angriffe und Seitenhicbe ertragen Mußte, die er aber nach Verdienst zu würdigen verstand, indem er dieselben einfach — ignorirte. Die Reorganisation der hiesigen Talmudthoraschule resp. die Erweiterung derselben ist dieser Tage wieder auf Anregung des Vereins „Afike Jehuda" in Fluß gebracht worden und dürfte endlich diese Frage in Bälde eine befriedigende Lösung finden. Der Unterricht im Talmud bietet die größte Schwierigkeit-, während für den nieder» Unterricht noch genügende Lehrkräfte vorvochauden find, ist für den höhcrn Talmudunterncht keine Lehrkraft hier ausfindig zu machen, es dürfte daher derselbe i« den Lehrplan nicht einbezogen werden. Frankreich. Paris. Das Consistoriunr hat einen Bericht über die Situation der Gemeinde von Paris veröffentlicht. Man ist besonders überrascht über den großen Unterschied der Einnahme in den Jahren 1870 und 1871im erstereu Jahre betrugen sie 569,612 Fr. und in den ersten sechs Monaten des letzteren nur 149,013 Fr., und es gereicht dem Consistorium znr Ehre, daß es bei so geringen Mitteln die vielen und außerordentlichen Bedürfnisse der Gemeinde während des Krieges und der Jnsurrection bestteiten konnte. Mau erlaube uns, schreibt der „Univ. Jsr." weiter , noch ein Wort. Der Bericht, indem er von den neuen Tempeln spricht, deren Vollendung man bald entgegensetzen darf, sagt: „Wir haben Dispositionen für die Organisation des Cultus in dem Tempel de la rue de 3a Yictoire treffen müssen." Wir haben schon lange um die Veröffentlichung der Projekte oder der Beschlüsse bezüglich dieser Organisation des Cultus reclamirt. Das Consistorium würde seine Befugnisse schwer verletzen, wenn es der Gemeinde Aenderungen und Reformen rm Cultus aufzwänge, ohne sie zu berathen und ihre freie Einwilligung zu verlangen. Eine Commission wurde zu diesem Zwecke ernannt; wir kennen nicht deren Arbeiten; aber außer den Herren Rabbinen sind in ihrer Mitte Leute, die wenig Garantie bezüglich religiöser Fragen bieten; die Commission hat nicht von der Gemeinde durch eine allgemeine Wahl die Mission und die nöthige Machtvollkommenheit erhalten, um ihre Hand an die heilige Sache zu legen, zu modifiziren den Gottesdienst nnserer Väter. Man darf und kann uns nicht bei der Einweihung der Synagoge antitraditionelle und antiisraeb.tische Reformen als kalt accompli präsentsten und uns zwingen, sie. entweder anzunehmen oder das Haus Gottes zu meiden. Wir werden nicht aufhören, gegen eine solche Uebergehung unserer Gesinnungen und unseres Gewissens zu protesiiren. Die schönen Phrasen der Versöhnung und der Einigkeit sind nicht hoch zu schätzen in Gegenwart von Versuchen und Acten, welche diese zu stören suchen. Paris. Unter der Ueberschrift „Intoleranz und Fanatismus" bringt der „Un. Jsr." Nachstehendes: „Der „Univers" (ein ulttamontanes Blatt) schreibt: Deutschland gibt der Welt ein klägliches Schauspiel, eine Kniperei und eine leidenschaftliche Geldsucht, welche den Frankfurter Juden nicht verleugnen würde. Welche geheime Verwandtschaft gibt es zwischen der deutschen gewaltthätigen, groben, germanischen Race und der so einfachen, schlauen und habsüchtigen israelitischen? Es scheint, daß der berühmte Reichskanzler in seiner dunklen Person die Geschicklichkeit und die Laster der beiden Familien vereinigt!! Rußland. Aus Warschau wird der „Kön. H. Ztg." soeben von kürzlich daselbst durch Katholiken grausam verübten Gewaltthaten gegen die friedliche jüdische Bürgerschaft Mittheilung gemacht, welche bisher noch nicht in die Oeffeutlichkeit gedrungen sind und deren eventuelle Straflosigkeit ähnliche Kravaüe in Polen wie die zu Odessa und Bukarest erzeugen würde. Die Thatsachen sind folgende: Am Abende des Laubhütten-Festes saßen jüdischen Familien ruhig und vergnügt in ihren festlich geschmückten Lauben zu Tische, als plötzlich eine rohe Horde von etwa 50 Christen über sie herfiel, Männer, Frauen und Kinder unbarmherzig schlug, verwundete, mit Füßen trat und dann eiligst davonlief. Und was that der Polizei-Kommissär des betreffenden 9. Cstkels als ihm die Sache gemeldet wurde? Er wies die Klager mit der naiven Bemerkung jähzornig ab: es sei ja noch Niemand von ihnen getödtct worden, sie möchten