Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1871-11-01 · Heft 44 (1.11.1871) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 44 (1.11.1871)
Date
1871-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447499-2447542--09826-2465540
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

808 len auf unsere nampn mm; für Alles wußte er in Bibel, Talmud und Midraschim Analogien zu finden; stets bemüht, sich zu belehren, lieh er das Gewand für seine auf reicher Erfahrung basirten tiefen Ideen von den Worten der heiligen Schrift und wirkte dabei ungemein anregend. Seine Liebe zur Thora, deren Studien er viele Stunden seines so vielbeschäftigten Tages widmete, war beispiellos, seine Hochachtung für den Talmid Chacham grenzenlos, und das war Alles so natürlich, daß man auf den ersten Blick sah, daß das Alles aus dem Innersten seines Herzens quoll. Was sollen wir über seine im wahrsten Sinne des Wortes weltberühmte Wohlthätigkeit sagen? Da heißt es: töo’ '2 inaff! Nicht allein materiell waren die Summen, die er gab, derart, daß sie seinen reichen Mittel mehr als entsprachen, auch die Art, wie er zu geben verstand, war eine so liebevolle, zarte, erhebende, daß sie den Beobachter zur Bewunderung hinriß. Man muß an seinem Tische gegessen, seine Hingebung an die Gutthat der Wohlthätigteit gesehen haben, um das würdigen zu können. Wohlthätig sind viele Leute; sie geben, 'geben reichlich, wenn sie dazu aufgefordert werden. Joseph Hirsch aber ergriff die Initiative, er suchte die Noch und das Elend auf und sorgte dann für die Bannung derselben in ausreichender Weise. Er war die Zuflucht der Wittwen, der Vater der Waisen, der Helfer der Bedrängten; sein Haus war gastfrei wie das unseres Vaters Abrahanl. Und nicht allein den Glaubensgenossen , allen Menscherr, deren Noch er lindern konnte, war er solch ein edler Netter und Helfer. Was Alles hat er nur für die armen Landwehr-Frauen während der beiden jüngsten Kriege gethan, deren Ernährer ausgezogen waren, um für das Vaterland zu kämpfen! Er hat diese in Halberstadt ungemein zahlreich wohnenbcit Familien während der ganzen Kriegsdauer mit Brod und Fleisch versorgt, er hat die Pfänder eingelöst, die diese Armen auf's' Pfandhaus getragen und sie ben Eigenchürnern unentgeltlich zustellen lassen. Was der Dahingeschiedene seiner edlen Gattin, seinen Geschwistern, die er bei dem frühen Tode der Eltern größtencheils erzogen, was er seinen Kindern und seinen übrigen Verwandten und Freunden gewesen, mit welcher unendlichen Liebe und Sorgfalt er sie Alle umsaßt hat, das läßt sich mit Worten nicht ausdrücken. Und doch ist alles Gesagte nur gering und unbedeutend im Vergleich mit dem, was er als Jebudi gethan und geleistet hat. Schon sein mustergiltiges Beispiel war nach allen Seiten hin wohlthuend. Und wie lebte und strebte er für Thora und Mizwoth! Wie glücklich suhlte er sich, wenn er Fernanden zum Thoralernen veranlassen, zur Ausübung von Mizwoth aneifern, von der Übertretung des Verbotenen zurückhalten konnte! Wie sann und grübelte er stets darüber, wie und in welcher Weise er für das allgemeine Beste wirken könne! Mit welcher Liebe hing er am Lande der Väter, welche Verdienste hat er sich um den Bau der Armenhäuser in der heiligen Stadt N"2"aVn erworben! Wie tief wird der Jammer unserer armen Brüder in Palästina sein, wenn sie die Trauerkuudo vernehmen! Was wäre die israel. Gemeinde zu Halberstadt ohue ihn geworden, und nach wie vielen (Seiten hin hat er ihr wohlgethan! Seine Sorgfalt für die Schule und für alle Gemeindeinstitutiouen, die er als langjähriger Vorsteher verwaltete oder doch beaufsichtigte, seine Liebe und thätige Hingabe für alle Gemeindeglieder, für Reich und Arm — das Alles veranlaßt uns zu dem Ausruf rmn ,-ijdi nru ma ,min rua Halberstadt hat seine Krone, seinen Glanz, seinen Ruhm verloren. Ach, dieser Mann ist nicht mehr! Nur 62 Jahre lang war es der Welt, war es Israel, war es seiner Gemeinde, war es seiner Familie vergönnt, ihn zu besitzen Np Njma nPa snsi» 'sei byl Heute Nachmittag 2 Uhr wird das Leichenbegängniß stattsinden. Von "Nah und Fern, aus Nord und Süd, aus Oft und West, sind bereits die Freunde und Verwandten gekommen, um dem so unendlich tief Betrauerten die letzte Ehre zu erweisen. Schon hat sich gleichsam die ganze Stadt in ein Tranergewand gehüllt; auf den Straßen sieht man nur trübe Gesichter, sind die Thranen fließen reichliche bei Inden wie Nichtjnden. II. Halberstadt, 24. October, Abends. Betrübten Herzens kehren wir soeben von einem traurigen Gange zurück. Eiue ungeheure Menschenmenge hatte sich zum Leichenbegängnisse eingefunden. Der Oberbürgermeister, der gesummte Stadtrath, die Staatsanwaltschaft, die Mitglieder des Gerichts m;d des Appellationsgerichts, die gesummte Kaufmannschaft und viele, viele andere Nichtjuden wareil erschienen. Selbstverständlich war die ganze israel. Gemeinde vertreten, und eine große Menge auswärtiger Israeliten' waren von Berlin, Hamburg, Altona, Brandenburg, Magdeburg, Cölu, Mainz, Carlsruhe, Fürth rc. :c. herheigeeilt. Viele, Viele wären noch gekommen, wenn sie davon gewußt hätten. Zuerst wurden eiue Reihe von Trauerreden an der Bahre des Heimgegangenen tut Trauerhause gehalten; es sprachen nacheinander Herr Rabbinatsassessor Lange, der intirnste Freund des Verewigten, die beiden Brüder des Letzter»: Herr Gustav und Herr Siegmnnd Hirsch: ein Schwtegersohn desselben: Herr vr. Sg. Auerbach aus Fürth; Herr Rabbinatsassessor Josaphat; der Schwager des Verblichenen: Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer von Berlin; ein Neffe: Herr Henoch Nathansohn; Herr Oberlehrer Lasch; der älteste Sohn des Verewigten: Herr Benjamin Hirsch; die Vorstandsmitglieder der israel. Gememde: Herr Herz Frank und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.