Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1871)
- Date
- 1871-10-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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798 „ „Ach mein Herr, es ist das Elend, die Krankheit meiner armen Mutter, was mich hinaustrieb! Fremd in der großen Stadt, aller Mittel entblößt, konnte ich meine arme Mutter nicht länger des Allernothwendigsten entbehren sehen. Da klopfte ich an die Thüren der Reichen und wurde nicht vorgelassen. Da ging ich auf die Sttaße und hatte den Muth nicht. Jemanden anzusprechen, bis Sie mir, unaufgefordert, die erste Gabe reichten, und diese hätte mich ohne Ihre Dazwischenkunft in die Hände der Polizei geführt!"" „Sie sind fremd in Berlind ' „„Mein Vater war ein ehemals wohlhabender und später verarmter Kaufmann und lebte in Stt., m der Provinz Posen. Er wurde krank, und man rieth ihm, die hiesigen großen Aerzte zu consultiren. Wir kamen hierher, und er starb. Wir blieben hier, meine Mutter und ich, um uns hier von unserer Hände Arbeit zu ernähren, wozu die große Stadt uns mehr Aussicht bot als die Heimath. Da wurde auch die Mutter krank. Tag und Nacht muß ich sie pflegen, kann deßhalb nicht arbeiten. Nun ist unsere geringe Habe aufgezehtt. Es fehlt uns an Allem, an Feuerung, an Licht, an Arzenei, an Lebensmitteln." „Ach," sagte Alfred, „wie gern möchte ich Ihnen helfen, wenn ich könnte; aber ich selbst bin nur ein armer Commis mit geringem Salair. Aber ich werde mir Mühe geben, für Sie und Ihre arme Mutter Etwas zu thun. Zwar bin auch ich noch ziemlich fremd in der großen Stadt, allein ich habe doch schon einige Bekannte, die ich in Anspruch nehmen kann. Das Wenige , was ich Ihnen gegeben, wird für die nächsten Stunden ausreichen. Wie ist Ihr Name?" „„Ich heiße Agnes Bärwald. Möge der Allgüttge Sie reichlich belohnen, Herr...." „Ich heiße Alfred Dannenberg und bin im Geschäfte des Herrn I. auf der S—sttaße. Doch hier ist Ihre Wohnung; leben Sie wohl! Morgen werden Sie, so Gott will, von mir hören." Alfted hatte während der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Berlin die Bekanntschaft der Familie Honigmann gemacht, von der ein junger Sohn in dem Geschäfte seine Lehrjahre zubrachte, in welchem Alfted servrrte. Frau Honigmann war ein edles jüdisches Weib, an das kein Hilfsbedürftiger sich vergebens wandte. Wo sie nicht selber helfen konnte, da wußte sie im Kreise ihrer Bekannten Rath zu schaffen. Zu dieser Frau ging Alfted und erzählte das eben Erlebte. Er fand sie, zu helfen bereit. Schon am folgenden Tage nahm sie eine Droschke und fuhr zu einigen Bekannten. Das edle Weib verstand es, das unverdiente Elend ihrer Schützlinge so eindringlich zu schildern, daß sie alle Herzen rührte; bald hatte sie eine ganz anständige Summe loeisamen und nun fuhr sie nach der Commandantenstraße. Es war wie wenn ein guter Engel in die Wohnung der Noch und des Elends kam und mit einen: Zauberftabe Alles ringsum umwandelte. Nahrungsmittel, Feuerung, Arzenei, Kleidung, Wäsche wurde aufs Schleunigste beschafft. Frau Bärwald erholte sich sichtlich, und ihre Dankbarkeit gegen die gute Frau Honigmann kannte keine Grenzen. Aber diese lehnte d^n Dank ab. „Nicht mir müssen Sie danken, —" sagte sie, „sondern dem edlen jungen Manne, der gestern Ihrer Tochter beigestanden. Er hat mich zu dem Allem veranlaßt." „Möge Gott ihn segnen!" sagte die kranke Frau. „Da sage ich gerne Amen," entgegnete Frau Honigmaun, „er verdient Gottes Segen; er ist treu der Religion der Väter, hat einen edlen Character und ein gutes Herz." Von nun an hatte die Noth der Familie Bärwald ein Ende. Frau Honigmann that nie Etwas halb; das gute Werk, das sic so schön begonnen hatte, setzte sie mit großem Eifer fort, und die arme Wittwe erhielt genug, um alle ihre Bedürfniffe zu bestreiten. Auch Agnes brauchte nicht zu arbeiten, sondern durste sich ausschließlich der Pflege ihrer kranken Mutter widmen. Aber diese sollte sich des befferen Zustandes nicht lange erfteuen; sie wurde kränker und kränker und ging sichtlich ihrem Ende entgegen. „Agnes, mein Kind," sagte sie eines Tages, „ich fühle, daß ich Dich bald verlaffen muß." „„Ach, liebe Mutter...."" „Laß mich ausreden, mein Kind. Du bist mir stets eine gute Tochter gewesen, und wenn ich nicht mehr da bin, so sei weiter brav und ftomm, und vergiß nie, daß Du die Tochter von Rabbi Boruch Bärwald bist. Gott, der Vater der Waisen, wird mit Dir sein und Dich nicht verlassen. Sei dankbar gegen die guten Leute, die sich unserer angenommen haben!" „Mutter, Mutter, Du zerreißest mir das Herzt Was soll ich unglückliche Waise beginnen, wenn ich allein und verlassen in der Welt stehe?"" „Du wirst nicht verlaffen sein! Gott, der Allbarmherzige, wird Dir gute Menschen senden, die sich Deiner annehmen werden." „„Das wird Er,"" sagte Frau Honigmann, „„die in diesem Augenblicke ins Zimmer trat und die letzten Worte der Kranken gehört hatte. „„Wenn Gott mir beisteht, so werde ich mich Ihrer Tochter annehmen und sie nicht sich selbst überlasten."" (Fortsetzung folgt.) Hier»« eine Vellage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehma nn. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlima. A. Gottsleden's Buchdrucker ei in Mainz.