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Der Israelit · 1871-10-25 · Heft 43 (25.10.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 43 (25.10.1871)
Date
1871-10-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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797 der Juden in einigen südlichen Districten des Czarenthums macht. Besonders in Mohilew hat nach dieser Richtung hül die Regierung mannigfache Erfolge auf- " zuweisen. Daselbst nänilich ist ein Rabbiner, welcher e am Beginn eines jeden Semesters alle jüdischen Lehrer 11 seines Bezirks zu einer Conferenz beruft und darüber 1 wacht, daß in ihren Schulen die russische Sprache ge- 1 lehrt wird; auch revidirt er allmonatlich dre jüdischen r Schulen lind eraminirt in der russischen Sprache. Ost e predigt er überdies in russischer Sprache. So kommt 1 cs, daß die Juden Mohilews zu denjenigen gehören, " welche am besten russisch reden. [ Australien. Aucklattd. (Neu-Seeland) Herr P. A. Phillips wurde zunk Mayor von Auckland gewählt. (Jew. Chron.) Feuilleton. Agnes. i. Die untergehende Novembersonne sendet ihre letzten Strahlen einer wogenden Menschenmenge, die sich „unter den Linden" in Berlin dahinwälzt. Es ist Sonntag, und die ganze Bevölkerung der Hauptstadt scheint den schönen, heitern Spätherbsttag genießen zu wollen. Unter den zahlreichen Spaziergängern ist es ein junger Manrl, der unser Interesse erregt. An der Ausmersamkeit, mit der er Alles betrachtet, erkennen wir, daß er noch nicht lange in Berlin weilt. Alfred Dannenberg ist in der That erst vor kurzer Zeit aus -er Provinz nach der Hauptstadt gekommen, wo er in einem Modewarengeschäft als Commis scroirt. Es macht ihm Freude, der: freien Nachnrittag in den Straßen umherzuschlendern und das großstädtische Leben urrd Treiben zu beobachten. Es ist in der That der Mühe werth, in Berlin einen Spaziergang vom Lustgarten nach dem Brandenburger Thor zu machen. Haben doch wenige Städte der Welt etwas Aehnliches auszuweisen! Die herrlichen Gebäude, die den Lustgarten begrenzen: das Schloß, die neue Börse, das Museum, das Zeughaus rmd dann die breite, schöne Schloßbrücke, die prachtvollen Marmorsäulen, auf denen allegorische Figuren den Vor» übergehenden zum Betrachten einladen, das wundervolle Universitätsgebäude, das großartige Opernhaus, die Bibliothek, die Paläste des Königs und des Kronprinzen, das Rauch'sche Denkmal Friedrichs des Großen und nun die Linden, die weltberühmten Linden, die Paläste, die Conditoreien und Kaffeehäuser und das Gewoge der Menschen und Wagen — das Alles ist namentlich dem Kleinstädter ein so großartiger Anblick, es gibt da so Vieles zu sehen, zu betrachten und zu bewundern, daß man nichts Anderes braucht, um sich königlich zu amüsiren. Ein solches Vergnügen hat auch noch oen Vorzug, daß es nichts kostet, und Alfred Dannenberg hat wohl Ursache, seine geringen Mittel zu Rathe zu halten; er ist eine arme Waise und besitzt kein anderes Einkommen als seinen geringen Gehalt. Ja, sein Gehalt ist nur klein; sein Prinzipal zahlt nur wenig; denn da er anr Sabbat das Geschäft geschlossen hält, so kann er junge Leute genug haben. An der Ecke, wo die große Friedrichsstraße in die Linden münden, ist em gewaltiges Gedränge. In dem Schaufenster eines Uhrenladeus ist eine große Uhr von ganz neuer Construction ausgestellt, die zu betrachten das Pnblikunr sich drängt: auch Alfred tritt hinzu: da sieht er an der Straßenecke ein junges Mädchen stehen, auf dessen jugendlichem Gesichte der tiefste Kummer ausgeprägt ist. Es ist ärmlich gekleidet unb blickt Alfred so flehentlich an, daß es ihm tief ins Herz schneidet. Rasch greift er in seine Tasche, nimmt einen Thaler aus' seinem Portemonnaie und drückt ihn dem Mädchen in die Hand. Dieses sagt nichts, aber eine Thräne perlt in seinem Auge — für Alfred, der sich still entfernt, der schönste Dank. Allein, nur wenige Schritte ist er weitergegangen , da hört er lärmende Stimmen. Ein Schutzmann hat den Vorgang gesehen und will „die Bettlerin" verhaften. Rasch kehrt Alfred zu dem wei- - nendcn Mädchen zurück. „Was wollen Sic von meiner Schwester?" herrscht er den Schutzmann an. „Ah," sagt dieser, „das Mädchen ist Ihre Schwester? So entschuldigen Sie den Jrrthum." Schnett führt Alfred das Mädchen aus dem Gedränge. „Ertauben Sie," sagt er zu der still vor sich hinweinenden, „daß ich Sie nach Hause begleite. Wo wohnen Sie?" „„In der Commandantcnstraße 18, im Hinterhause,"" sagt kaum vernehmbar das Mädchen. Während sie die Richtung nach der Commandantenstraße einschlagen, fängt die Unglückliche an, schluchzend ihren Dank zu stanimeln. „Ach, mein Herr," sagt sie, „wie kann ick Ihnen danken! Erst gewähren Sie mir eine reiche Gabe und dann nehmen Sie mich so edelmüthig in Schutz, nennen sich den Bruder einer Bettlerin!" Und aufs Neue beginnen ihre Thränen heftig zu fließen. „Beruhigen Sie Sich," sagte Alfred, „Sie sehen , nicht aus wie eine Bettlerin. Es müssen ganz besondere Umstände gewesen sein, die Sie zu diesem Schritte veranlaßt haben."

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