Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1871)
- Date
- 1871-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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782 Aber Mirel hatte sich bei den ersten Worten ihres Bruders heimlich entfernt. Die Mutter ging, sie aufzusuchen, und brachte bald die Botschaft von der Einwilligung der Tochter. Nun fing man aufs Neue an, den Eltern und dem in ganz unerwarteter Weise beglückten, neuen Bräutigam zu gratuliren. Dieser aber lag in den Armen fernes Freundes und weinte laut' er konnte sein Glück gar nicht fassen. „Und Du, mein Sohn," ftagte Rabbi Samuel, richtiger Nathan, „sollst Du allein leer ausgehend Ich werde mich glücklich schätzen, wenn auch Du Dir bald ein braves Mädchen erwählen und mir eine gute Schwiegertochter ins Haus führen würdest." „Ich brauche nicht lange zu wählen, mein Nater, ich habe schon ein solches Mädchen gefunden. Nur auf den Befehl des Rabbi nahm ich Deinen Vorschlag an; denn eine mir unerklärliche, innere Stimme wollte mich zurückhalten, Mirel heimzusühren. Ich verstand diese Stimme nicht ganz und glaubte, daß es die Neigung zu des Rabbi Sara war, die mich von Mirel fernhielt." „Ihr willigt ein, Rabbi," fragte der Vater Merrafche's, „daß wir Mechuttonim*) werdend" „Von ganzem Herzen," entgegnete der Rabbi, ,und auch der Zustimmung meiner Tochter bin ich ge- Der Rabbi eilte nach Haufe, um seiner Tochter die Freudenbotschaft zu bringen; Menascheh begleitete ihn und führte die hochbeglückte Sara seinen Eltern zu. Und wieder fingen die Gäste an, ihre Glückwünsche den Betheiligten darzubringen. Dann setzte man sich zu Tische und war heiter und guter Dinge. Auch Fürst Ferdinand verschmähte es nicht, an dem Freudenmahle Theil zu nehmen. Zum ersten Male seit vielen Jahren war er wieder fröhlich unter den Fröhlichen. Nathan hatte sich zu Hans Gericke gesetzt, der ihm das schreckliche, aber wohlverdiente Ende der Fürstin und des Junkers erzählte. Inmitten des freudigen Mahles erhob der Fürst fein Glas und sprach „Ich will ein Hoch auf die beiden Brautpaare ausbringen. Zuvor will ich aber eine alte Schuld ab- Iragen; ich erstatte das Vermögen meines ehemaligen tofagenten, das er redlich erworben und das meine ammer konfiscirt hat, nicht allein bei Heller und Pfennig, sondern mit Zinsen und Zinseszinsen zurück; das Alles mag sich wohl auf hunderttausend Gulden belaufen; ich hebe ferner in meinem Fürstenthume alle Be- *) Verschwägert. schränkungen und Ausnahmsgesetze, insofern fie die Juden betreffen, auf. Mögen nur recht viele Israeliten nach Hohenburg kommen; sie sollen mir willkommen sein. Und um die Leiden zu sühnen, die ich dem Nathan und seiner Familie bereitet habe, verpflichte ich mich, meinen ganzen Einfluß bei Ihrer Majestät der Kaiserin aufzubieten, damit sie die schweren, die Juden betreffenden Verordnungen mildere. Und nun trinken Sie mit mir auf das Wohl der beiden Brautpaare!" Unendlicher Jubel folgte dieser Rede, und erst spat trennten sich die Gäste in fröhlichster Stimmung. Fürst Ferdinand hielt Wort. Rabbi Samuel Sulzbach — er behielt den letzteren Namen bei — erhielt von der fürstlich Hohenburgischen Kammer einmalhunderttausend Gulden, die er zwischen seinem Sohne Menascheh — auch dieser behielt diesen Namen — und seiner Tochter Mirel theilte. Bei der Kaiserin erlangte der Fürst in der That manche Milderung. * Fürst Ferdinand vermählte sich später zum zweiten Male und wurde der Stammvater eines Heldengeschlechtes, das erst vor wenigen Jahren ausgestorben ist. Fürs Erste aber blieb er noch in Prag und wohnte den beiden Hochzeiten bei, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen unter der Theilnahme und dem Jubel der ganzen Prager Judenstadt aufs Fröhlichste gefeiert wurden. Namentlich waren es die Armen, die, reich bedacht, noch lange sich dieser Feste erinnerten. Welch ein Genuß war es in späteren Jahren für Nathan (Samuel) und Mirjam, im Kreise ihrer Enkel von jener furchtbaren Nacht zu erzählen, in welcher sie, dem Tode geweiht, von der eisernen Jungftau zermalmt werden sollten. Dann gedachten sie segnend des braven Hans Gericke, der, nachdem er ein hohes Alter erreicht, eines ruhigen und sanften Todes gestorben war; die Enkel und Urenkel des ehemaligen Hofagenten gewöhnten sich, am Purimfefte außer dem Andenken Harbona's auch das Hans Gericke's zu segnen. „Großvater," sagte dann wohl, wenn der Hofagent seine Erzählung schloß, der Eine oder der Andere der Enkel oder Enkelinnen, „das Wunderbarste von Allem, was Du erzählt hast, ist die besondere Fügung Gottes, daß Du den Hans Gericke noch zur rechten Zeit angetroffen hast." „Du hast Recht, mein Kind," sagte daun der Großvater, „ich mag gar nicht daran denken, wie schrecklich es gewesen wäre, wenn Bruder und Schwester sich geheirathet hätten! Vertraut nur immer auf Gott, meme lieben Kinder; Er hilft stets „Zur rechten Zeit''. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Sei)mann. — Verlag der Le Rourächen Hosbuchhandlung. I. Gottsleben's BuchdruSerei in Mainz.