Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1871)
- Date
- 1871-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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766 „Wartet noch, Hans," sagte Nathan, „nur ein Wort zuvor: was ist aus meinem Kinde geworden, lebt eß «och?" „„Das habe ich dem Juden Abraham in Nußdorf ubergeben. Der hat es nach Frankfurt am Main zu einem reichen, kinderlosen, jüdischen Ehepaare gebracht, die es als Kindesstatt großgezogen."" „Nach Frankfurt am Main, zu einem kinderlosen Ehepaares Um Gott- Hans, wre hieß der Jude in Frankfurt?" „„Er hieß Paltivl und wohnte im Hause zur Kanne in der Frankfurter Judenstaot; so hat mir mein Tochtermann, der Rentmeister, geschrieben. Aber, was ist Euch, Freund'?"" Nathan mußte sich setzen, um nicht umzufallen. Seine Knie drohten zu brechen, und alles Blut wich aus seinem Angesicht. Dann sprang er auf und rief: „Ich muß eilig fort. Ihr seid gerade zur rechten Zeit gekommen, Gericke, um namenloses Unglück zu verhüten: in dieser Stunde sollte mein Sohn meine Tochter heirathen." Bei dem Lärme der Stimmen war Fürst Ferdinand aus den innern Gemächern hervorgetreten. Fragend blickte er den Haushofmeister an. „Es ist Nathan, gnädigster Herr," sagte dieser, „Nathan Anspach, Euer ehemaliger Hofagent." Da eilte der Fürst -ans den Juden zu und umarmte ihn und küßte ihn und sprach: „Kannst Du mir verzeihen, Nathan?" „„Durchlaucht sind zu gnädig,"" sagte dieser, „„aber lassen Sie mich jetzt fort — ich will später wiederkommen „Was hat das zu bedeuten, Hans?" fragte der Fürst. „„Sein Sohn, von dem ich Eurer Durchlaucht erzählt, ist der Bräutigam seiner eigenen Schwester, die er nicht kannte, geworden, und jetzt eben soll die Hochzeit sein."" „Da sind wir ja gerade zur rechten Zeit gekommen' Hans, laß den Wagen des Wirthes anspannen, wir fahren mit Nathan nach seiner Behausung." Während diese Dinge im „goldenen Engel" vor sich gingen, hatten sich im Haufe Nathans dieHochzeitsgäfte versammelt. Auch der Rabbiner kam und die Dajanim und der Bräutigam. Aller Welt fiel es auf, wie verstört Menascheh aussah, wie angelegentlich er mit dem Rabbiner sprach. Dieser war in der größten Verlegenheit. Wie wird Rabbi Samuel feinen Vorschlag aufnehmen, die Gäste nach Hause zu schicken, das Hochzeitsesien zu verschenken und die Hochzeit aufzuschieben? Aber wo blieb denn der Hausherr? Schon war die zur Trauung bestimmte Stunde vorüber, schon hatte die Braut das Minchah-Gebet von Erew Jom Kippur Z gesprochen — aber der Bräutigam noch nicht. „Willst Du nicht jetzt beten?" fragte ihn David Wiener. „„Ich habe noch Zeit!"" antwortete Menascheh. „Sollder Choßen2) nicht dawenen^) jetzt?" fragte^ der Schammeß den Rabbiner. „„Er hat noch Zeit!"" antwortete der Rabbi. Die Gäste sahen sich einander an. Was ging da vor, und wo blieb der Hausherr? Endlich hörte man einen Wagen rollen; vor dem Hause Rabbi Samuels hielt er. Die Thüre wurde geöffnet, und ein vornehmer Herr trat ein; ihm folgten Samuel und ein noch rüstiger Greis. Jetzt aber konnte Samuel nicht länger an sich halten; er eilte auf Menascheh zu uno schloß ihn stürmisch in seine Arme. „Mein Sohn," rief er lautweinend, „mein verlorener, mein wredergefundener Sohn, mein Naphtali Herz! Mirjam, es ist unser He^, unser verlorenes Kind!" „„Was sagst Du, Nah hau?" "fragte Mirjam. „Cs ist unser Kind; er heiß nicht Menascheh, er heißt Herz! Er ist Dein Bruder, Mirel! Er ist Eurer Bruder, Abraham und Simon! Sieh Dich um, Mirjam , hier ist der Fürst, hier ist Hans Gericke, nnser Lebensretter!" Und Mirjam fiel ihrem Sohne um den Hals und umarmte und küßte ihn. Dieser stand da wie erstarrt, bis sein Vater zu ihm sagte: „Du bist mein Kind, mein verlorener Sohn, von dem ich Dir erzählt habe. Rabbi Pattivl und sein Weib hatten Dich als Kindesstatt angenommrn." „Gelobt sei Gott," sagte der Wiedergefundene jetzt, „der mich vor einem großen Verbrechen bewahrt hat. Hajitoche schejißo Jsch eß Achaußau?" „Gelobt sei Gott," rief der Rabbiner, „der Weisheit gegeben Seinen Frommen nach dem Ausspruche der Weisen: Chochom godaul minowi: „der Weife ist mehr denn ein Prophet."" (Schluß folgt.) 1) Das Vesper-Gebet für den Rüsttag des Verföhnungstages mit dem Sündenbekenntnisse. Braut und Bräutigam beten dieses Gebet vor der Trauung. 2) Bräutigam. 3) beten. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. - Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. I. Goltsleben's Buchdruckern ut Mainz.