Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1871)
- Date
- 1871-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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760 ließen sie nichts in die Oeffentlichkeit dringen; sie verstellten sich vielmehr und suchten die Menge an sich zu locken, indem sie Vorgaben, daß ihr ganzes Auftreten lediglich gegen eingeschlichene Mißbräuche oder gegen allzugroße Erschwerungen gerichtet sei; man müsse, sagten sie, um den Baum gesund zu erhalten, die Auswüchse beschneiden. Und die Menge glaubte ihnen und erkannte die schwere Krankheit nicht, die diese Männer verbreiteten — eine ansteckende Krankheit, die um so verderblicher wüthete, da man sie nicht als solche erkannte und sich nicht vor Ansteckung schützte. Allmählich aber vermochten jene Männer ihre innersten Gedanken nicht mehr zu verbergen; sie warfen nach und nach die Fesseln der Religion ab, verspotteten den Talmud und vernachlässigten öffentlich die Gebote unseres Gottes. Jetzt wurden Vielen die Augen geöffnet und man erkannte, daß es eine Krankheit war, welche diese Männer erfaßt hatte. Allein trotzdem behielt diese Krankheit ihren ansteckenden Charakter; denn . viele Andere ließen sich noch täuschen, ließen sich verlocken und überreden, daß durch historische und kritische Forschung das schwere Joch der Gottesgebote könne von ihnen genommen werden. Immer weiter verbreitete . sich die Krankheit, das Meer der bösen Begierde brauste - stürmend auf und das Schiff des Glaubens drohte zu zerschellen; die Gottesfürchtigen wollten es auf festen : Boden zurücklenken: aber sie vermochten es nicht. Diese böse Zeit liegt, G. s. D., schon hinter uns; die böse Begierde hat die Forschung vollständig verdrängt; es sind nicht philosophische, nicht historische, nicht kritische Gründe, die oen Ladenjungen, den Börsenjobber oder den eommis royageur alle Gebote unseres Got- . tes übertteten lasten — und dadurch hat die Krankheit ihren ansteckenden Charatter verloren. Wo sind heutzutage die Leute, die vorgeben, nur gegen die Erschwerungen der späteren Gesetzeslehrer anrukämpfenT Prüfe sie doch, die Uebertreter, und frage sie, ob sie einen Unterschred wissen zwischen einem p und dem andern, zwischen einem biblischen oder traditionelen Verbot, zwischen einem und einem pmn'? Frage sie doch, ob die Forschung sie zur Leugnung gebracht, ob sie etwas wissen von den philosophischen Kategorien, von Substanzen und Accidenzen, von Forr - und Materie, von der natura naturans und der nattr . naturata? Nein, von allem Dem wissen sie n'^s, aber Gottes Gebote wagen sie auf allen Wea-u zu übertreten, und dazu gibt ihnen nicht der ai»f Abwege gerathene Verstand, sondern die krasse Unw'^nheit den traurigen Muth. Wenn wir nunmehr die Entwickel' der religiösen Zustände in's Auge fassen, so erg'' sich uns, daß die Gegenwart bereits die Elemente bec Besserung in sich trägt. Freilich einen größeren /Umfang, eine größere Verbreitung hat die Irreligiosität jetzt erhalten; aber das Schlimme des Zustandes ist uicht mehr io intensiv. Diejenigen, welche bis heute noch der Gotteslehre und ihren heiligen Geboten treu geblieben sind, werden sich nicht mehr verführen lassen und eine weitere Verbreitung der Religionslosigkeit ist nicht zu befürchten. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Bericht. Rabh. Ein Lebensbild zur Geschickte des Talmud von vr. M. I. Mühlfelder. Leipzig, Oscar Leiner. Unsere Leser mögen uns entschuldigen, daß wir ihnen ein Büchlein vorführen, das in keiner Beziehung die Ehre verdient hat, in diesen Blättern besprochen zu werden. Wir würden dies auch nicht gethan haben, wenn wir nicht zugleich einen kleinen Beitrag zur Charakteristik einer gewissen Schule liefern wollten. — Als wir neulich das Merkchen zugeschickt erhielten und in einer Mußestunde die Lectüre desselben unternahmen, fingen wir in gutem Glauben, eine wissenschaftliche Arbeit vor uns zu haben, damit an, die nach unserer Ansicht un- . richtigen Behauptungen zu. unterstreichen und mit Randbemerkungen zu versehen. Als wir jedoch werter lasen, .begegneten wir solchen Schnitzern, daß wir mit gutem Grunde vermuthen, ein Machwerk vor. uns zu haben von einem, der entweder nie etwas gelernte oder das> Gelerrtte in einer kritischen Schule ganz vergessen hat. Da wir uns mr r.’it einem (Boltyen nicht gerne in wissenschaftlich«' Discussionen einlaffen, so müssen wir unser» Von^tz, die Widerlegung mehrerer in vorliegender' Brok<üre befindlichen Ansichten zu veröffentlichen, aufgebeo und uns auf eine kurze Besprechung beschränken. "Im Ganzen schwört der Vers, immer auf die W :' Grätz's. Es findet sich darum nur wenig Neues v oer Abhandlung; Gutes aber ist noch weniger darin zu finden. Dagegen ist der Vers, so kühn, Erzählungen des Talmud „ungereimte Fabeln" zu nennen, und gefällt sich überhaupt darin, unsere Weisen zu verdächtigen und zu schmähen. Der Patriarch R. Juda ha- Nasi, der Redatteur der Mischnah, auf den ganz Israel mit Stolz blickt, und ebenso dessen Vater R. Simon ben Gamliel werden hier, so wie einst im he - Chaluz, mit Schmähungen überhäuft. Sie hätten eine geistige Bevormundung des Volkes angeftrebt, sich eine hierarchische Gewalt angemaßt und aus persönlichen Rücksichten gesetzliche Anordnungen verhindert. Daß alle diese Verdächtigungen durch Nichts begründet sind und daß nur eine Gesellschaft, die selbst solche Gesinnungen hegt, in den über diese Männer vorhandenen Berichten solche Bestrebungen finden kann, haben wir unfern Lesern