Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1871)
- Date
- 1871-09-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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744 setzen, und darum mutz auch der hebr. Lehrer in materieller Hinsicht gut gestellt sein, daß er ohne Nahrungssorgen und Entbehrungen neben seinem Berufsmühen ausschließlich seinem schönen und wichtiger! Amte leben könnte. Zu bedauern ist nur, daß die Wiener Großen, die reichen Männer de la haute finance so wenig Sinn für die geistigen Interessen des Judenthums besitzen und dieser schönen Anstalt so wenig Thcilnahrne schenken. Während sie sich bei Sammlungen Hervorthun, wo die Spender in den Zeitungen nguriren und die Namen der Spender als Aushängeschild öffentlich genannt werden, um möglicher Weise dadurch geadelt zu werden, wenn man auch nicht den ordentlichen Adel in der Brust hat. wenn man nur den erkauften auf derselben tragen kann — so glänzen sie da durch ihre Abwesenheit und machen sich bemerklich durch ihre Gleichgiltigkeit gegen die jüd. Wissenschaft, welche sie fördern sollten durch woblthätige Subvention derartiger Vereine. Ich möchte mir auch erlauben, noch einen schon vor drei Jahren an dieser Stelle ausgesprochenen Wunsch zu erneuern, daß der löbl. Vorstand, falls die pecuniären Mittel es erlauben, auch einen oder zwei Lehrer zum Privatunterricht in Real- und Gymuasialsachern anstellen möchte, damit die Schüler der 6. Classe nicht genöthigt wären, diese Schule so frühzeitig zu verlassen, wo sie dann sehr bald bei der leichten Sinnesart der Jugend, deren religiöse Grundlage noch nicht allzufest, durch Umgang mit anderen Schülern (jüd. irreligiöse Studenten verderben mehr dnrch böses Beispiel, als Studirendc einer anderen Confession) jede Spur des genossenen religiösen Unterrichts abstreiscn. das Gelernte bald vergessen und ihrer ersten Schule wenig Ehre im Leben machen. Dieser Uebelstand wäre meines Erachtens durch obigen wohlgemeinten Vorschlag zu beseitigen, wobei auch,die Schüler in hebr. Wissen nicht so zurückbleiben müßten, wie beim Besuche öffentlicher Staatsschulen, wo ihnen zum Hebräischen nur sehr rvenig Zeit gelassen wird. Es könnte diese Abtheilung als Muster eines Proseminars betrachtet werden, ohne daß sie die Gebrechen und Fehler der Seminare an sich haben müßte. Bis der Schüler ins Ober-Gymnasium erutrrtt, ist er älter und reifer, kann schon zuweilen allein im Hebräischen sortarbeiten, und ist die Gefahr für jeden religiösen Lebenswandel nicht mehr so groß. Bei dorn Umstande, daß in Oesterreich wahrscheinlich doch einmal eine jüd. theol. Facultät oder ein Seminar von der' Regierung gegründet wird, erscheint die Creirnng eines Proseminars als ein unabweisliches Bedürsniß, denn nach Ablegung der Maturitätsprüfung wird sich kaum Jemand finden, der erst dann ansangerr würde, dem Talmudstudiunr mit ausschließlichen! Eifer obzulegen, wenn er überhaupt dazu befähigt ist, ohne schon von Jugend aus mit diesen! umfassenden Gebiete sich beschäftigt und vertraut gemacht zu haben. Ich halte es daher für meine Pflicht, umsomehr als die Schwierigkeiten des Privatunterrichts für Unter-Gymnasiasten in einer großen Stadt, wo zur Anschauung (Y) viele Gelegenheit sich darbietet, leicht zu beheben'find, meine unmaßgebliche Meinung der Berücksichtigung maßgebendcrseits aus das Wärmste zu empfehlen. Ein nicht minder wichtiges Zeichen des wachsenden Sinnes für jüd. Interessen ist, daß Sc. Ehrw. Herr Rabbiner S. Spitzer an vier auseinander folgenden Sabbaten Gelegenhcltsreden zu hatten in die Lage kam. So richtete er gediegene Ansprachen an seine Zuhörer bei mehreren rnin nso "pyn in den Vorstädten von Wien, Margarethen- und Bergstraße, außer dem üblichen Vorträge 'd, an dem man tüo ttnn war. Vorige Woche weihte er in W. Baden die im alten Style neu erbaute Synagoge der o’Yin “vipu man, die mit Bewilligung der Statthalter«! zu einem Cuttusvereine sich constituirtc, unabhängig von der Wiener Gemeinde, dnrch Vortrag eines schönen hebr. Gedichtes bei Ton -u npinn und einer gelungenen, allgemein mit großem Beifall anfgenommenen Rede, in Gegenwart der städtischen Honorationcn, der Civil-und Justiz- Behörden, feierlich ein. Viele Verdienste um den Bau dieses schönen Bcthauscs erwarb sich besonders Herr Pollak aus Mattcrsdorf, der auch einen prachtvollen, kostbaren Vorhang zur heil. Lade und andere werthvollc Ornamente, außer dem zugesagten Beilage zum Synagogeubau. spendete. 8tm Tage, da die Synagoge ihrer hohen Bestimmung gewidmet und eröffnet wurde, liefen zahlreiche Gaben an Geld und Utensilien ein, so von Herrn Strauß aus Wien ein schöner seht? Becher, ebenso auch von den anwesenden Curgästen. In dieser zwar kleinen Gemeinde herrscht im Großen und Ganzen der alte echt jüdische Geist der Frömmigkeit, und geben wir uns der Erwartnng hin. daß sie den Frieden im Innern erhalten und nach Außen bewahren, wie auch mit der Zeit, sobald die pecuniäre Lage es gestattet, eincu Rabbiner ausnehinen, eine Schule gründen und überhaupt alle rituellen Einrichtungen, die einer Gemeinde nothwendig sind, bald ins Leben ruwn werde. Lange Zeit, nachdem die Juden von Baden vertrieben worden, dursten sic sich hier nicht ansäßig »lachen, und die Herrmann- Todesco'sche Anstalt, die vor ungefähr 30 Jahren errichtet wurde, konnte nur aus den Namen des Gründers mit Umgehung des Gesetzes mittelst eines Nicht- Israel iteu und unter der Bedingung gebaut werden, daß auch 25 nicht jüd. Kranke (so viel als Juden) Aufnahme daselbst finden mußten, und ebenso mußten in dem gleichzeitig erbauten Ferdinandsbade Arme ohne Unterschied der Confession Heilbäder erhalten. Diese Anstalt inspicirtc mit besonderem Eifer und gewissenhafter Umsicht Herr Dr. Landesmann zweimal des Tages, und verabreichte Herr Gastwirth Jacob Eichncr gute und nahrhafte Kost für die Kranken des Spitals, von denen 25 aus Kosten der Wiener Genrcinde verpflegt wurden.