Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1871)
- Date
- 1871-09-27
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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742 Dürft Ferdinand zog seine Brieftasche hervor. Er trug jene Briefe, die ihm einst der Junker von Schwarzenstein übergeben hatte und die dieser dem Boten Nathans abgenommen haben wollte, stets bei sich. Sie boten ihm Trost, wenn ihn die Gewissensbisse folterten; dann pflegte er in finstern Stunden sich zu überreden, daß Nathan ein Verräther gewesen und den Tod verdient habe. Jetzt nahm er die vergilbten und abgegriffenen Briefe hervor und reichte sie dem Fürsten von Kattenheim. Dieser las sie aufmerksam durch, dann sagte er: „Ihr seid das Opfer eines infamen Betruges geworden, Hohenburg. Niemals habe ich einen Juden, Namens Nathan Anspach, gekannt, niemals habe ich an einen solchen geschrieben oder Briefe von ihm empfangen; ja, noch mehr, ich schwöre Euch den heiligsten Eid, daß ich niemals Böses gegen Euch im Schilde geführt habe. Wohl habe ich davon gehört, daß Ihr Euren Hofagenten habt ermorden lassen; doch habe ich den Grund davon erst eben erfahren. Ich fürchte, Fürst Ferdinand, Ihr habt einen Unschuldigen ermordet!" Fürst Ferdinand war bleich geworden, als sein Vetter so sprach; alles Blut war aus seinem Gesichte gewichen. Jetzt sprang er in die Höhe und rief: „ „Ja, ich bin ein Mörder, ein verruchter Mörder! Aber Jene, die die Schandthat angezettelt haben, werde ich bestrafen! Ich werde dich rächen, unglücklicher Nathan!" " „„Verzeiht,"" sagte er dann zum Fürsten Kattenbeim, „wenn ich Euch jetzt verlasse. Mich treibt mein Rächeramt von hinnen. Besucht mich in Hohenburg!" Er stürmte fort durch Luzern hindurch, über die Brücke, die Höhe hinauf — Hans Gericke konnte ihm kaum folgen. Es war schon spät, als die Beiden auf dem Gütsch ankamen. „Wo ist die Fürstin'?" fragte Ferdinand. „Ihre Durchlaucht haben sich schon zur Ruhe begeben," antwortete der Kammerdiener. Ferdinand eilte nach den Gemächern seiner Gemahlin. Im Vorzimmer suchte ihn die erschreckte Kammerfrau zurückzuhalten; er schob sie bei Seite und eilte auf das Schlafzimmer zu, es war verschlossen. Aber ein kräftiger Druck, die Thüre flog auf — und was erblickte Ferdinand? Was aller Welt, bloß ihm nicht, seil Jahrzehnten kein Geheimniß gewesen. Wüthend zog er sein Schwert und schrie: „Verräther, Mörder, Ehebrecher!" Der Junker sprang ans, aber Ferdinand stürzte auf ihn los, stieß ihm sein Schwert in die Brust, tief, tief ins Herz hinein. Als er das Schwert wieder herauszog, spritzte hoch das Blut empor, die Fürstin von oben bis unten bedeckend, dann siel der Junker röcheld zurück. Die Fürstin lag regungslos, mit verglasten Augen ihren wüthenden Gatten anstarrend. „Concubine," rief dieser, „Verrätherin, Mörderin!" Er erhob sein Schwert, um auch das falsche Weib zu durchbohren. Da fiel ihm Hans, der seinem Herrn gefolgt war, in den Arm und hielt ihn zurück. Als aber die Fürstin das Racheschwert ihres Gemahls über ihrem Haupte schweben sah, da löste sich ihre Erstarrung; in der furchtbarsten Angst, in dem grauenhaftsten Entsetzen verzerrten sich ihre Züge; sie schrie laut auf; aber dem Schreie folgte ein Blutstrom — ein Herzschlag hatte auch sie getödtet. Da ließ Ferdinand sein Schwert sinken und fing an, bitterlich zu weinen „Ich habe dich gerächt, Nathan," schluchzte er, „dich und dein Weib und dein Kind, an diesen Elenden, die den Tod auch dann verdient hätten, wenn sie nicht die Schuld getragen an deiner Ermordung. Aber, welche Strafe verdiene ich, der ich mich von diesen Schändlichen habe bethören lassen! „Herr, beruhigt Euch," sagte Hans Gericke, „jetzt da die Fürstin und der Junker todt sind, darf ich es wohl sagen: der Hofagent, sein Weib und sein Kind, sind nicht ermordert worden — ich habe sie gerettet!" Als der Fürst das hörte, jubelte er laut auf und umarmte seinen treuen Diener. „Gnädigster Herr," sagte Hans, „wir müssen schleunigst entfliehen. Ihr wäret wohl im Rechte, als Ihr den schuftigen Junker tödtetet, allein wir sind hier im fremden Lande, und die hochmögenden Herren von Luzern, dulden keinen Eingriff in ihre Hohheitsrechte. Wenn sie Euch fangen, so könnt Ihr viele Tage im Gefängnisse zubringen, bis der Proceß entschieden ist. Deßhalb laßt uns fliehen, und damit wir die Leute von der rechten Spur abbringen, wollen wir nach Italien zurückkehren und uns dann über Triest durch Oesterreich und Böhnren nach der Heimath begeben. „Ich bin mit Allem zufrieden," entgegnete der Fürst, „mit Allem, was du mir rächst; denn ich weiß, du meinst es gut mit mir. Laß die Leichen einscharren, und dann eilig entfliehen." Als der Schooß der Erde die Fürstin und den Junker ausgenommen, reiste Fürst Ferdinand eilig von dannen. Am anderen Tage gab es ob des Voraefallenen großes Geschrei in Luzern. Der hochmögende Rath ließ die Leichen wieder ausgraben und ordnete eine Untersuchung an. Ein Verhaftsbefehl wurde gegen den Fürsten erlassen und Häscher gingen nach Basel ab, um ihn gefangen zu nehmen. Unterdessen hatte jedoch Fürst Ferdinand bereits die Höhen überstiegen, welche die Grenzscheide zwischen der Schweiz und Italien bilden. (Fons, folgt.) Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le R » ux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdrucke.ei in Main).