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Der Israelit · 1871-09-27 · Heft 39-40 (27.9.1871) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 39-40 (27.9.1871)
Date
1871-09-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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737 Während die bedürftigen Personen oder Familien in EuerenGemeinden ohne übermäßige Anstrengungen unterstützt werden könnten, weil sie über viel Orte vertheilt sind, sammeln sie sich hier zu einem Strom, der unsere Gemeinden überschwemmt, und deren in Lumpen gehüllte Masse den Judenhaß herausfordert, an welcher der Straßen-Pöbel sein Müthchen kühlt und nach welcher ein großer Theil der Bevölke-, rung die Juden überhaupt beurtheilt und daraus noch' immer neue Nahrung zu Haß und Verachtung gegen uns zieht. Diese Uebelstände werden gefördert durch die so vielfach.pnd vollständig diScreitirten Em pfehlungs- und Bettelb ri e fe von Rabbinern und Vorständen in Rußland und Polen, gegen deren Inhalt man mit Recht bereits so mißtrauisch geworden ist, daß man sie mehr für Schutzbriefe der Faulheit als für Dokumente des Elends zu halten geneigt ist. Die Befürwortung der Unterstützung von Kranken zur Reise in Bäder würde wohl oft zu Herzen sprechen; aber man weiß/ daß dir meisten dieser Kranken eben durch die Wanderschaft auf Bettelei, durch die Entbehrungen und Unbill der wechselnden Witterung . ihre Gesundheit eingebüßt, : haben und einbüßen mußten; so daß nach einigen Jahren anfänglich gesunde Arme als Kranke wiederkehren. Diesem Uebel wurde nur Vorschub geleistet durch den guten Glauben der deutschen Gemeinden, mit diesen Unterstützungen eine Wohlhat zu üben; nachdem aber der Irrt hum erkannt ist, werden Maßregeln dem Gemeindekünd vorgeschlagen werden, um in Deutschland gleichmäßig ein anderes Verfahren eintretenzu lassen. Bevor wir jedoch diese Vorlage an den Gemeindebund bringen, wollen wir an Euch, liebe GlaubenSbrüder ln Rußland und Polen, den Aufruf richten: „Erbarmt Euch der Unglücklichen und macht sie nicht noch unglücklicher durch Ausstellung Euerer Bettelkriesel Stoßt Euere unglücklichen Mitbrüder nicht hinaus ms sichere moralische und physische Elend! — Greift ihnen unter die Arme, um sie einer nützlichen bürgerlichen Existenz zuzuführen!. Wir unsererseits wellen der Scheinwohlthätigkeit, dieser Verlockung zum Vagabondiren entsagen. Wohl wissen wir, daß die Wohlhabenden unter Euch viele Opfer bringen und die Armen unterstützen; wohl wissen wir, daß von Seiten Euerer Gemeinden viele Anstalten für Unterstützung der Armen getroffen sind; aber Ihr werdet uns geftatterr, Euch an das Beispiel der deutschen Gemeinden zrr erinnern, die seit mehreren Jahrzehnten den Kamps mit dem socialen Uebel, der. Verarmung, dadurch geführt, daß sie die Quellen des Nebels zu verstopfen bemüht waren und glücklich diese Aufgabe, die Wanderbettelei aus der eigenen Mitte zu bannen, gelöst haben. Die Wohtthätigkeit wurde planmäßig organisirt. Vor allem wurde dafür gesorgt, daß keine unwissende, müssige Jugend heranwachse; Handwerker- und Gewerbe- Vereine wurden gebildet, um die Kinder der Armuth zu nützlicher Existenz zu erziehen; den arbeitsfähigen Erwachsenen wurde nach Möglichkeit Arbeit verschafft. — Es wurden DarlehenSkassen errichtet, auS welchen zur rechten Zeit mit Wenigem Anfängern in ihrem Geschäfte Zurückgebenden in würdiger Weise durch nicht beschämende Vorschüsse unter die Arme gegriffen wurde. Volksküchen wurden errichtet, Waisenhäuser öffneten sich den Elternlosen, und edle Frauen beeiferten sich, Wittwen und armen Mädchen lohnende Arbeit, nützliche Beschäftigung und Unterstützung zu Unternehmungen zu gewahren. Gern werden wir dagegen, wenn wir sehen, daß dieser unser Mahnruf Beherzigung findet, bei dem Gemeindebund befürworten, nachdem die deutschen Thüren der Wanderdettelei geschlossen worden, erneu entsprechenden Theil dieser Ersparniß Euern Institutionen als regelmäßige Beiträge zuzuwenden, um auf diese Weife den jüdischen Herzen, die mit Euerm Nothstande Mitgefühl haben, die Genugthuung zu gewähren, daß die Hilfe mit Erfolg geleistet werde. Auch gedenken wir Eure Anstrengungen zur Uebersiedelung von Familien nach dem Innern Rußlands, wenn solche mit erneuter Energie wieder , urffgenommen werden, der Beachtung des Gemerndebundes ebenso zu empfehlen, wie die Wiederaufnahme der Unterstützung zur Auswanderung nach Amerika von solchen Individuen, welche durch ihre geistigen und physischen Kräfte zur Hoffnung berechtigen, daß sie aus fremdem Boden zu nützlichem Schaffen fähig und ihren heimathlichen Angehörigen eine Stütze sein werden. So hoffen wir das brüderliche Band, welches uns sowohl als Juden, wie als staatliche Nachbarn verbindet, fester und zweckmäßiger zu erhalten, als es bisher geschehen. Auch hoffen wir zuversichtlich, daß nicht nur Ihr die hohe Bedeutung unserer gemeinsamen Aufgabe einsehen, sondern daß auch Eure erleuchtete Regierung diesen unseren Bestrebungen, in gerechter Würdigung der in nationalökonomischer Beziehung für das ganze Reich so hochwichtigen Frage, nicht nur keine Hindernisse in den Weg legen, sondern zu deren Verwirklichung, auf ehrerbietige Vorstellungen hin, selbst Unterstützung angedeihen lassen werde, da auch sie der Ueberzeugung sich nicht verschließen wird, daß die materielle Hebung eines mit hohen Talenten begabten, auch der Zahl nach bedeutenden Theiles der Bevölkerung aus Handel, Gewerbe, Ackerbau und die gesammte Cutturentwicklung des an Hilfsmitteln so reichen Landes einen nur segensreichen Einfluß üben kann und muß.

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