Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1871)
- Date
- 1871-09-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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736 langen in Ungarn und der jüngste Beschluß des höchsten Handelsgerichts in Leipzig, bei dein ja bekanntlich auch ein Glaubensgenosse angestellt ist, ist wahrlich nicht im Stande, eine derartige Befürchtung zu verscheuchen. — Sollen wir nicht durch das verhängnisvolle „zu spät!" ereilt werden, so müssen wir unverzüglich handeln, ja rasch, handeln. Es müssen, wie schon öfters ausgesprochen wurde, tüchtige Männer zu einem Co mit« zusammentreten und alle gesetzestreuen Gemeinden anffordern, eine Separat-Union unter sich zu bilden, die sich gegenseitig. solidarisch verpflichten, nur unter folgenden Voraussetzungen dem allgemeinen Gemeindebund beizutreten, welche diesem vom Co mite oder besonders hierzu gewählten Delegirten in deren Auftrag mitzuthcilen wären: 1) Darf der Gemeindedund keinerlei Thätigkeit entwickeln, die gegen die Vorschriften des Schulchan- Aruch verstößt, oder von seinen Agenten dulden, in Ausübung einer Mission desselben ein derartiges Verbot zu verletzen. 2) Sollen darüber, was unter ß. 1 fällt, nur anerkannt ftomme Talmudgclehrte entscheiden können, die vom den Gemeinden der Separat-Union auf eine bestimmte Zeit hiezu ernannt werden. - 3) Sind die jeweiligen Verwaltungsbeamte und resp. der Gemeindebund verantwortlich, wenn gegen §. 1 gehandelt wird, so daß die von der Separat-Union geleisteten Beiträge, so weit solche noch nicht nachweislich LU einem von ihr gebilligten Zwecke verwendet worden sind, herausgezahlt werden müssen, und von diesem Tage an auch ohne besondere Erklärung der Austritt sämmtlicher Separat-Unions-Gemernden als rite erfolgt zu betrachten ist. Es versteht sich von selbst, daß das Comitö auch den Fall des Nichteingehens aus ihre Eonditionen ins Auge fassen muß. Hoffen wir zu rp"wn, daß er die Herzen der Bethörten erleuchte und den großen Riß in Israel heilen möge! II. Der Vorstand des Jsr. Genrcindebundes zu Leipzig hat das nachstehende Rundschreiben erlassen: An die Herren Rabbiner, Vorsteher, Vertreter der Wohlthätigkeits-Veceine und Notabeln der isr. Gemeinden in Rußland und Polen. Liebe Glaubcnsbrüdcr! Eine ernste und heilige Angelegenheit veranlaßt den Unterzeichneten Ausschuß, welcher mit Vorbereitung des deutsch-israelitischen Gemeindebundes beauftragt ist, sich unmittelbar an Euch zu wenden. In kurzer Zeit steht die Gründung deö Gemeinde-Bundes in Aussicht. Derselbe hat neben anderen, unsere Gemeinde-Angelegenheiten betreffenden Aufgaben auch den Zweck, einem großen Uedel abzuhelfen, das zum größten Theil aus Euerer Mitte zu uns kommt. Es iit das zwar ein altes Nebel; aber eS hat in neuerer Zeit eine so große Ausdehnung erlangt und droht sich immer noch zu vergrößern, daß endlich die Abhilfe auf jede Weise gesucht werden maß. Wir meinen die W an der bettelet, die jährlich Tausende von Männern, Frauen, Kindern, jungen Leuten auS Euern Gemeinden nach Deutschland führt, um da von Gemeinde zu Gemeinde, von Haus zu Haus milde Gaben in Anspruch zu nehmen, um in kurzen Zeiträumen desselben Weges zu demselben Zwecke wieder zu kommen. Wir wollen nicht sprechen von der Last, welche den Gemeinden dadurch erwächst und von der Belästigung, welche persönlich die Zudringlichkeit sowohl, wie der Anblick so vielen Elends verursacht. Man würde in dem Bewußtsein, Gutes zu üben, jede Last oder Belästigung überwinden. Aber eS geschieht nichts Gutes damit, man befördert nur und vermehrt das llebel, dem man abhelien will. ”? Das häufige und regelmäßige Wiederkommen ein und demselben Persönlichkeit beweist/ daß man den schon so oft Unterftsitzten durch die Gaden zur Begründung einer Lebeüs-Existenz nicht verhelfen; sondern?S werden durch , die milden Gabe .nur die Einnahmen der Eisenbahnen und der Niederen Wirthhänser vermehrt, den Empfängern bleibt nichts. Das immerwährende Umherwandern ohne Beschäftigung und ohne andere Thätigkeit als das unablässige Speculiren, wie mqn am .ein.drrygljchsten das Mitleid erregt, erzeugt eine Heuchelei, eine Lügenhaftigke'ch welche nur die Anfänge einer weiter greifenden Demoralisation, sind. Allmählich werden die Menschen mit dem Lister in jeder Gestalt vertraut. Das nicht zu vermeidende Zusammenleben der verschiedenen Geschlechter, das Zusammenleben der Kinder mit den Erwachsenen in allen Verhältnissen — bildet eine Entsittlichung heraus, der man durch die bisherige Art der Wohlthätigkeit nur Vorschub leistet. Neben der Entartung gegen die Sittlichkeit geht die Ausschreitung gegen die Vorschriften der Religion augenscheinlich einher. Es kann daher nicht befremden, daß diese Menschen so vielfach dem Iudenthume Schande bereiten und mit den Polizei- und Criminalbehördcn in Konflikt kommen, wodurch sich auch die Thatfache leicht erklärt, wie unter den wenigen israelitischen Insassen der deutschen Straf- und Zuchthäuser verhältnißmäßig so Viele polnisches oder russischen Ursprungs sind. f t