Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1871)
- Date
- 1871-09-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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( 733 Bei diesem allgemeinen Elende hatte Rabbi Samuel Sulzbach nur wenig gelitten; er hatte, unterstützt und empfohlen von dem englischen Gesandten, seinen Iuwelenhandel in Wien mit großem Erfolge betrieben, und Menascheh war ihm dabei ein fleißiger und gewandter Gehilfe gewesen. Jetzt kehrte Rabbi Samuel nüt all den Seinen, Menascheh miteingeschlossen, nach Prag zurück. Lange hatte Menascheh nichts von seinen vermeintlichen Eltern gehört; die Briefe waren in Folge des Krieges nicht angekommen. Jetzt sollte der bcdauernswerthe Jüngling eine betrübende Nachricht erhalten. Rabbi Paltiel und seine Gattin, so erzählte ein Durchreisender, waren beide, und zwar in Armuth gestorben. Der Schmerz Menascheh's war grenzenlos; er zerriß seine Kleider, zog seine Schuhe aus und warf sich lautweinend zur Erde nieder. Rabbi Samuel und die Seinen suchten ihn zu trösten. Als der erste Schmerz sich gelegt hatte, sagte Rabbi Samuel zu ihm: „Du sollst nicht allein stehen in der Welt. Schon lange liebe ich Dich wie meinen Sohn. Werde mein Schwiegersohn! Ich gebe Dir meine Mirel zur Frau!" Menascheh war ans einen solchen Antrag vorbereitet; denn oft schon hatte Rabbi Samuel ihm derartiges angedeutet. Er dankte für die unendliche Güte, die ihm durch dieses Anerbieten erwiesen würde; allein er bat, seines Schmerz zu ehren und ihn: noch Zeit zu gönnen. Nach wenigen Wochen kehrte auch der Oberrab-' t'iner nach Prag zurück, nüt i()m David Wiener, der ryn in die Verbannung begleitet hatte. Menascheh suchte sofort seinen ehrwürdigen Lehrer auf und erzählte ihm von dem ihm gemachten Anträge. „Da kann ich Dir," sagte der Rabbi, „von Herzen Glück wünschen. Rabbi Samuel ist der ehrenwerteste Mann in Prag, und seine Tochter soll ein sehr edles, frommes Mädchen sein." „„Rabbi,"" sagte Menascheh, „„ich habe Mirel gern wie eine Schwester, nicht mehr."" „Du wirft sie lieben, lueuit sie erst Dein Weib 'ein wird." Rabbi,"" sagte Menascheh, während seine Äugen sich mit Thränen füllten, „„ich wäre gar zu gern Euer Schwiegersohn geworden."" „Auch ich wünschte mir keinen besseren Eidam! Allein, wenn Du Rabbi Samuels Tochter hciratheft, o wirst Du ein wohlhabender Mann werden — und "us könnte ich Dir bieten? Außerdem darfst Du schon 'er Dankbarkeit halber den Antrag nicht ableynen. lkabbi Samuel hat Dich in sein Hans genommen, als Lu krank und arm und verlassen hier ankamst." „„Wenn der Rabbi meint, daß es meine Pflicht Ü, mich dadurch dankbar zu beweisen, so werde ich des! uabbi's Gebote gehorchen."" j Menascheh verabschiedete sich. Als der Rabbi in das Nebenzimmer ging, fand er seine Tochter, die füll vor sich hin weinte. „Was ist Dir, Sarah?" fragte der Rabbi erschreckt. Die Angeredete antwortete nicht. „Ah," sagte der Rabbi, „ich errathe: Du hast unsere Unterredung mitangehört. Du liebst Menascheh." Das Mädchen weinte ^heftiger. „Tröste Dich, meine Tochter. Nicht jeder unserer Wünsche wird erfüllt. Gott wird auch Dir einen braven, frommen Mann zuführen." „„Aber nicht Menascheh! Und Du selbst, mein Vater, Haft ihm zugeredet, Mirel Sulzbach zu heirathen!"" „Ich habe gethan, wie meine Pflicht ist." Noch lange suchte der Vater sein Kind zu trösten; endlich beruhigte er sie insoweit, daß sie in Ergebung ertrug, was Gott über sie verhängt hatte. Als Menascheh den Rabbi verließ, begegnete ihm David Wiener. Die Freunde begrüßten sich aufs Herzlichste; sie hatten sich nach so langer Abwesenheit gar viel zu erzählen. Endlich berichtete Menascheh dem Freunde von dem wichtigen Schritte, den zu thun er im Begriffe stand. „Rabbi Samuel," sagte Menascheh, „hat mir die Hand seiner Tochter Mirel angeboten. Der Rabbi meint, ich dürfe dresen Antrag nicht zurückwcisen." „„Zurückweisen?"" fragte David erstaunt. „„Und Du fühlst Dich nicht glücklich in dem Gedanken, daß Mirel, die herrliche Mirel, die Deine soll werden? Ah, Menascheh, wie wäre ich froh, wenn ich an Deiner Stelle wäre!"" „Du liebst Mirel?" fragte Menascheh. David wurde schneeweiß und dann feuerroth. Endlich faßte er sich und sagte. „Und wenn es der Fall wäre, würde Rabbi Samuel seine Tochter m i r geben?" Menascheh schwieg; er verabschiedete sich von dem Freunde; dann ging er zu Rabbi Samuel und theilte ihm init, daß er den ihm gemachten Antrag dankbar annehme, daß er bereit sei, sein Schwiegersohn und Mirels Gatte zu werden. Unendlicher Jubel herrschte nach dieser Erklärung im Hause Rabbi Samuels. Frau Snlzbach eilte herbei und beglückwünschte den Schwiegersohn, Abraham und Simon, die Söhne des Hauses, umarmten den neuen Schwager; nur Mirel war nirgendwo zu finden; sie hatte sich versteckt und cingeschlossen; endlich gelang es der Mutter, die mädchenhafte Schell der Jungfrau zu überwinden und sie ihrem Bräutigaul zuzuführen. Am Abende deffelben Tages noch wurde das Berlobungsfest in einem kleinen Kreise befreundeter Familien gefeiert.