Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1871)
- Date
- 1871-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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718 «Wonnen, nm ihr beijeder Gelegenheit das Schreckliche und ungerechte ihres grausamen EdicteS zn Herzen zu fuhren. „Warum bist so betrübt heut, Kathi V fragte die Königin eines Morgens die böhmische Kammeftrau, die ihr beim Ankleiden half. „Du weißt doch, Kathi, i kann holt kei so betrübte Gesichter leiden." „Ach, Majestät," antwortete die Zofe schluchzend, „i muß holt immer an den armen Juden Moses von Kojetein gedenken; is holt a so gueter Moan, hat io Hüne Bänder un Tücher zu verkaufen, un jetzo muoh'r fort mit Woab un Kind un woaß nit wohin!" „Schweig, Kathi, die Juden hoben es mit de Preiße geholten!" „Der Moses von Kojetein gewiss nit. Majestät! Er is holt a so guater Moan. Kathi, sogt er. als i fortging hierher. Kathi, kommst 511 unserer gebenschten Kaiserin „gebenscht" sogen die Juden, wenn sie Anen recht lieb hon — Kathi, sogt er. kommst zu unserer «benschten Kaiserin .... Moses, sog i. zu unserer Königin, wollt Ihr sogen. — Ah was. sogt er. Kaiserin, sog i, wenn sie's noch nit is, wird's schon holt Werren; sei ihr nur treu und dien ihr guot; die Fürschte hoben nit immer treue Diener. Un i hob's ihm versprochen, m nun muoß'r fort mit Woab un Kind un woaß nit wohin!" Die Königin schwieg. Als ihr Anzug vollendet war, kam der Friseur, hängte ihr den Pudermantel um und begann das schöne Haar seiner Gebieterin zu ordnen. Bei den vornehmen Damen des vorigen Jahrhunderts war der Friseur eine noch viel wichtigere Persönlichkeit als bei denen der Gegenwart. Das thurmartige Gebäude, das er auszurichten hatte, nahm stets eine geraume Zeit in Anspruch; damit den Damen die Zeit dabei nicht zu lange wahrte, nmßte der Friseur eine gute Unterhaltungsgabc besitzen; er erzählte stets die pikantesten Anccdoren, die interessantesten Neuigkeiten. „Er ist ja so schweigsam heut, Huber," sagte Maria Theresia. „Was gibt es Neues?" „„Gor nix, Majestät; aber neigieri bin i, wo die Böhmische und Mansche Jude hinziehen? Sind doch recht zu bedauern, die arme Deibel."" „Schon wieder die Juden! Hot er heut die Gräfin Kinsky schon frisirt? Was hot's dort Neues gebe?" „„Holt wenig, Majestät. Die Gräfin hot gesogt. daß sie holt groß Erbarmen hätt mit dene Juden. Sie wor in Prog gewese — die Stodt is wie ausgesiorbe, rfeit die Jude fort sind."" „Schweig' Er mir von den Juden, ich will nichts j Don ihnen hören, bei meiner Ungnade!"; Der Friseur schwieg und vollendete schweigend den! Haarpiltz seiner hohen Herrin. i Maria Theresia war in der übelsten Laune, als | ihr Gemahl, der- Herzog Franz von Lothringen, der spätere deutsche Kaiser, ihr seine Aufwartung machte. „Wie haben meine erlauchte Gemahlin geruht?" fragte er. ihr höflich die Hand küssend. „„Schlecht."" sagte sie barsch. Plötzlich einen Entschluß fastend. fragte sie: „Franz, wie denkst Du über das Judendecret t Du hast mir Deine Meinung darüber noch gar nicht rnitgetheikt." Der Herzog mißbilligte das harte und ungerechte Decret: allein er wußte, daß die aus ihre Selbstständigkeit eifersüchtige Fürstin stets das that, was mit den. Anschauungen ihres Gemahls in Widerspruch stand. Deßhalb sagte er kühl: „Nun? Du mußt wohl Deine guten Gründe gehabt haben, da Du es erlast'en hast." „„Man dringt von allen Seiten in mich, es wieder auftuheben."" „Da das Decret einmal erlafien »vorden, so muß es auch ausgeführt werden." „„So,"" entgegnete Maria Theresia gereizt, „und ich soll mir die Feindschaft meiner Bundesgenossen, den Hohn und den Spott meiner Feinde zuzichen? Nein, die Welt soll sehen, daß Maria Theresia nicht eigensinnig darauf besteht, das anszufuhren, was sie zwar für Recht erfunden, was aber die übrigen Menschen anders beurtheilen. Sich selbst zu überwinden. das ist die höchste Tugend!"" Der Hosmarschall ttat ein und erbät eine Audienz für die Gesandten von England. Holland, Schweden, Dänemark und Polen. Die Königin begab sich mit ihr ein Gftolge in den Audienzsaal. nm die Gesandten zu empfangen. Der Baron von Burmania ergriff das Wort und da! im Rainen der hier vertretenen Akächtc die Königin aufs Eindringlichste, Gnade walten zu lassen imd das gegen die Juden von Böhmen und Mähren gerichtete Berdannungsurtheil zurückznnchmen. „Meine Herren Gesandten," entgegnete die Königin, „melden Sie Ihren hohen Suveränen, daß ich aus angeborener Milde und auf die Fürbitte Ihrer hohen Herren hin Gnade üben und die Juden in ihren Wohnsitzen belassen werde." Die Gesandten verneigten sich, und Sir Thomas Robinson sprach im Namen der Uebrigen den heißesten Dank aus, indem er die Güte und Milde der hohen Herrscherin pries. Dann beeilte er sich, seinen Schützlingen, Rabbi Samuel und Menascheh, die Freudenbotschatt zu Überbringern. (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbnchhandlung. Z. Gottsleben'-Buchdruckerei tn Mat»-.