Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1871)
- Date
- 1871-09-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447499-2447536--09703-2465411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
694 i und setzten, im Uebrigen aber sich brav ruhig und still verhielten; da und dort erblickten wir, gleichsam zur Erinnerung, daß wir uns in einem jüdischen Tempel befanden, einen mit wirklicher Andacht betenden Mann, der, unbeirrt von dem Rauschen der Orgel und dem Gleichklang des Chorgesangs, stehend und mit jenem spezifisch jüdischen „Schütteln" — nnttttn vmosy bi *1D3 'v — seine Tephillah verrichtete. Nach dem Einheben und dem Absingen eines „Chorals" bestieg Kirchenrath Dr. Mayer die Kanzel und hielt eine Rede, in welcher er anknüpfend an den inneren Zusammenhang der 3 ersten Abschnitte der miD den Ausspruch des nvm nisoff mayn-p mai r6p p ron 'di nwo als Text benützte und ihn durch mannigfache Beispiele schön exemplificirte. Uns war nur leid, daß nicht die jüdische Trinacher Badegesellschaft, die größtentheils aus Stuttgartern besteht, zugegen war; sie hätten sich vielleicht sonst ihres Geoahrens im Bade Trinach, einem christlichen Dorfe, erinnert und wären nachdenklich geworden wegen des großen sittlichen Zerfalls, der begonnen hat mit kleinen Übertretungen der Gebote Gottes, dann fortgeschritten ist in der völligen Mißachtung des jüdischen Gesetzes und bereits so sehr jedes religiöse Gefühl ausgemerzt hat, daß diese Stuttgarter Juden bereits aufgehört haoen, ihre Glaubensgenossen als Mitmenschen zu betrachten; denn wo in aller Welt hat man schon gehört, daß ein Jude, der zu einem Sterbenden gerufen wird, sich weigert, diese Liebespflicht zu erfüllend Und dies ist geschehen im Bade Trinach. Diese Erfahrung mußte ein Elternpaar aus Freudenthal machen, deren Tochter im Bade Trinach ihrem Leiden erlegen ist. Beim Verscheiden derselben sahen sich die unglücklichen Eltern nach den im Bade anwesenden Juden um und ließen sie rufen, damit diese mit ihnen gemeinschaftlich die Sterbegebete verrichteten; es waren Juden da aus Stuttgart, Frankfurt, Mannheimrc. — aber, mögen ste nun ihre Nerven haben schonen wollen oder aus irgend welchem andern Grunde, es erschien keiner, und so waren die Eltern allein mit ihrer sterbenden Tochter, die in einem christlichen Hause krank gelegen hatte. Eigenthümlich ist es, daß der Vater des verstorbenen Mädchens selbst zu den Reformjuden zählt; möge er und alle, die sich einen Ruhm daraus machen, diesen Namen zu tragen, an diesem Falle erkennen, wohin diese Reformsucht führt — zur vollständigen Apathie gegen alles Göttliche und Menschliche; wo die Juden bisher zusammenwohnten, getreu dem alten Gesetz und der alten Sitte, bildeten sie gewissermaßen eine Familie, deren Glieder Freud' und Leid miteinander theilten und in Unglücksfällen sich hilfreich gegenseitig unterstützten und dies thaten sie nicht aus menschlichen Nebenrücksichten, sondern weil onon ein göttliches Gebot ist; erst wenn diese Familienbande sich lösen würden, würden wir in Wahrheit im rnb) leben, dann erst würde die Diaspora unerträglich werden und den Bestand des Judenthums wesentlich in Frage stellen. Hoffen wir, daß dieser Fall vereinzelt blerben möge; denn sonst müßte der fromme Jude, ehe er in's Bad reift, neben den Rücksichten auf den Erfolg der Kur, auch darauf sehen, ob er dort Glaubensgenoffen trifft, die öintretenden Falls zu Liebesdiensten bereit sind, und es gäbe dann eine neue Kategorie von Bädern, „orthodoxe" und „Reformbäder"; oder man müßte jüdische Feldbadgeistliche aufstellen, die dem alljährlichen Heereszuge der badelustigen Judcnheit mit in den Kampf folgen und den Kranken und Sterbenden erforderlichenfalls zur Seite stehen. Frankfurt a. M., i. Setzt. Bekanntlich hat das Provinzial-Schulcollegium in Kassel die christlichen Schüler der hiesigen israel. Realschule (Philantropin) von der Berechtigung, durch den Besuch dieser Anstalt das Qualificationszeugniß für den einjährigen Militärdienst zu erhalten, ausgenommen. Auf eine deßfallfige Interpellation des Abg. Sonnemann desavouirte der Staatsminister v. Delbrück jedoch das Provinzial-Schulcollegium und erklärte ausdrücklich, daß das Bundeskanzleramt es als seine Aufgabe erkennen müffe, die auf Grund der Gesetze erlassenen Anordnungen zur Durchführung zu bringen. Ein früherer christlicher Zögling der Anstalt hat sich nun beschwerend an das ReichSkanzleramt gewendet, Ind erhielt sofort die erbetene Berechttgung. Wrr hoffen, daß damit'der Widerstreit des Provmzial-Schulcollegiums gebrochen ist und den jungen Leuten m Zukunft, auch ohne daß sie sich nach Berlin wenden, ihr Recht zu Theil wird. (Fr. I.) Aus der Provinz Posen, 25. August. Vor etwa drei Wochen wurden 30 jüdische Sträflinge in das Zuchthaus zu Rawitsch gebracht, man sagte, daß es in der Absicht liege, sämmtliche jüdische Sträflinge dort zu concentriren und dann fiir ihre religiöse Belehrung einen gemeinsamen Gottesdienst einzurichten und einen besonderen Seelsorger anzustellen. Da nun die „Nat.-Z." soeben meldet, daß die jüd. Sträflinge aus der Provinz Preußen in Insterburg concentrirt werden, so ist die vorliegende Absicht erkennbar und die Ausführung gewiß vortheilhaft. Ob man aber auch wirklich für den jüd. Gottesdienst, Predigt u. s. w. von Staatswegen Sorge tragen wird? Man wird es bald erfahren. Der Unteroffizier Caspar Levy aus Nakel, z. Z. Buchhalter in Berlin, hat das eiserne Kreuz erhalten. Er hat den Feldzug bei dem Kaiser Alexander-Garde- Regiment mitgemacht. (Jsr. Wochschr.) Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Pefth. Vor einigen Jahren haben einige Israeliten aus Senitz das dem Baron Pungratzi gehörige