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Der Israelit · 1871-09-06 · Heft 36 (6.9.1871) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 36 (6.9.1871)
Date
1871-09-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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storben; es war ein schöner, liebenswürdiger Knabe und würdejetzt ungefähr in Deinem Alter sein, Menascheh!" " Nach so vielen Jahren noch füllte die Erinnerung an das verlorene Kind die Augen des Mannes mit Thränen. Auch Menascheh war ergriffen. „Und wie ist es Euch weiter erlangend" fragteer. „„Lange Zeit irrte ich mit meinem Weibe in der Welt umher, bis ich endlich mein altes Handwerk wieder hervorsuchte und in Sulzbach in der jiidischen Druckerei als Schriftsetzer arbeitete. Hier ersparte ich mir einige Gulden und zog dann mit meinem Weibe und den nachgeborenen Kindern nach Prag, wo man mich nach meinem früheren Wohnorte „Sulzbach" nannte. Ich fing dort einen kleinen Handel an; Gott segnete meine Geschäfte und ich ward in kurzer Zeit ein wohlhabender Mann; meine Frau und ich, wir waren gesund, unsere Kinder wuchsen zu unserer Freude heran, und nichts fehlte an unserm Glücke, wenn uns nicht manchmal die Erinnerung an den verlorenen Sohn betrübt hätte. Wenn er gestorben, nun, so ist er bei Gott; aber der Gedanke, daß er vielleicht lebt, versunken in Elend und Laster, daß er wohl gar unter Nichtjuden aufgewachsen, abttünnig geworden dem Glauben der Väter — dieser Gedanke quälte uns zu häufig. Und als Du, Menascheh, krank und abgezehrt in unser Haus kamst, da dachte ich: Hilf ihm; vielleicht ist Dein Sohn in ähnlicher Lage."" „Und Ihr habt nie eine Spur von Eurem Kinde entdecken könnend" „ „Nie! Der Mann, der mir das Leben gerettet nnd mein Kind zurückbehalten hat, ist fortgereist ohne Jemandem eine Kunde zu geben. Wahrscheinlich ist der Knabe gestorben."" Schweigsam fuhren die Beiden dahin, Rabbi Samuel, — in welchem unsere Lesere wohl schon den ehemaligen Hofagenten des Fürsten von Hohenburg, Nathan Anspach, erkannt haben, — vergangener Zeiten gedenkend, und Menascheh, in Gedanken bei seinen vermeintlichen Eltern weilend, die wohl recht besorgt um ihn sein würden, wenn sie von den jüngsten Ereignissen irr Prag Kunde erhielten. Er hatte zwar geschrieben, aber war in diesen Kriegszeilen sein Brief angekommend So fuhren sie schweigsam dahin, nebeneinanderfitzend, Vater und Sohn, ohne eine Ahnung davon zu haben, welch' innige Bande des Bluts sie verbinden. Rabbi Samuel trocknet die Thränen, die ihm über die Wangen rinnen, da er des verlorenen Sohnes gedentt und all der Schicksale, denen derselbe möglicher Weise ausgesetzt sein kann; und neben ihm sitzt dieser Sohn, gesund und kräftig, ausgezeichnet durch hohe Gaben des Geistes wie des Körpers, und Samuel hat keine Ahnung davon, daß dieser von ihm so geliebte Jüngling, den er sich zum Schwiegersöhne ausersehen hat, sein eigenes, leibliches Kind ist und daß der von ihm so sehnlichst gewünschte Ehebund ein schreckliches Verbrechen sein würde! Und auch Menascheh weiß von allem Dem nichts; er hält sich für den Sohn des Rabbi Paltiel Kann von Frankfurt am Main; warum soll er die liebliche Mirel, die Tochter des Rabbi Samuel Sulzbach von Prag, nicht heirathen dürfend Aber sür's Erste ist es überhaupt nicht an der Zeit, an's Heirathen zu denken; erst muß vor Allem die allgemeine Calamität beseitigt, zuerst müssen die schrecklichen Verbannungsdecrete aufgehoben werden, ehe irgend ein Mensch an seine eigenen Angelegenheiten denken darf. „Was werden wir in Wien zunächst beginnend" ftagte Menascheh. „„Wir werden,"" antwortete Samuel, „„uns zunächst mit unfern dortigen Glaubensgenossen berathen und dann hören, was zu thun ist. Da ist vor Allen der Baron de Aguilar; wir werden hören, welchen Rath er uns ertheilt."" „Ist dieser Baron ein Jude?" „„Ja, und ein edler, braver Jude, immer bereit, für seine Glaubensgenossen einzustehcn."" „Wie so kömmt es, daß ein Jude hat Baron werden könnend Auch se'n Name klingt so ausländisch!" „„Dieser Baron Diego de Aguilar ist von Abkunft ein Porülgiese; seine Großeltern waren Onßim^); sie waren die Ersten mit, welche nach Amsterdam auswandetten, um dort zunr Judenthume, das sie im Geheimen niemals aufgegeben, anch öffentlich zurückzukehren. Diego ließ sich in Wien nieder, pachtete die Tabaksregie und leistete dem Staate große Dienste; da hat ihn Kaiser Karl VI., der Vater der Maria Theresia, in den Freihen'enstand erhoben. Er ist auch bei der Tochter feines Gönners hochangesehen; vielleicht kann uns sein Einfluß von Nutzen sein.' Auch der Rabbiner von Wien, Rabbi Berusch Eskeles, ist ein ebenso gelehrter wie reicher und hochangeschener Mann; auch er hat großen Einfluß bei vornehmen Hofbedienten der Königin. — Unsere Hilfe ist bei Gott, dem Schöpfer von Himmel und Erde; Er aber, gelobt sei Sein heiliger Name, sucht Sich Seine Boten aus, die das vollbringen müssen, was Er zu thun beschlossen hat. Möge Er uns Seine Engel senden, damit es uns gelinge, das Herz der Monarchin zu erweichen und unfern bedrängten Brüdern Rettung zu bringen." " _ (Fortsetzung folgt.) •) Richtiger Anußim, das heißt, Juden, welche gezwungen worden waren, das Christentum anzunehmen. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'schen Hofbuchhandluna. I. Gottsleben'S Buchdruckerei in Mainz.

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