Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1871)
- Date
- 1871-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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679 \ f) Aus Ostfriesland, im August. Das erledigte Landrabbinat unserer Provinz harrt seiner Besetzung. Das Ausschreiben zur Aufforderung der Meldung von Bewerbern ist bereits erfolgt, und schon haben dem Vernehmen nach etwa 50 (Kandidaten ihre Bewerbung anaezeigt. Der Vorstand der Emdener Synagogengemeinde soll berufen sein, aus dieser Zahl drei zu bezeichnen, aus welchen die übrigen Gemeindevorstände sodann den Mann zu erwählen haben, welchem die oberste Leitung unserer religiösen Angelegenheiten zu übertragen ist. Einem Jeden, der für dieselben ein reges Interesse hegt, mutz die Bedeutsamkeit der Situation in ihrem ganzen Umfange klar sein. Zu keiner Zeit erheischte es eine größere Umsicht, eine genarrere Kenntnitz der Personen,^ ein tieferes Verständnitz der Verhältnisse, eine umfassendere Bekanntschaft mit den Zeitströmungen. um das wichtige Wahlgeschäft zum Heile und Segen zu vollbringen, als heute. Ist doch das einheitliche Israel in der Gegenwart durch Parteiungen der übelsten Art zerklüftet; gehen doch die Ansichten und Meinungen über das, was uns frommt, llm Himmelssphären auseinander, und selbst die redlichsten Bestrebungen, den rechten Mann zu finden, müssen scheitern, wo jenes tiefere Verständlich, jene umfassende Bekanntschaft mit Personen, Verhältniffen und den Strömungen der Zeit fehlen. Die gegenwärügen Zeilen sind von dem Wunsche dictirt. einen, wenn auch nur schwachen, Beitrag zur Klärung der hier in Betracht kommenden Momente zu gewähren. Drei Richtungen — wie man das nennt — treten in der heutigen Judenheit des deutschen Reiches hervor, und vermuthlich haben sie alle drei ihre Vettreter entsendet, um unfern Rabbinatssitz zu erwerben. Die erste Richtung ist unter denr Namen der „gesetzestreuen," der „orthodoxen" bekannt. Wie diese heute in Deutschland ihre Blüthe und Vollendung in der Bewahrheitung der großen Lehre sucht und findet: daß das von der glorreichen Vergangenheit unserer Zeit überlieferte Jakob's-Erbe hoch und heilig und unantastbar ist, und Alles, was die Menschheit an wirklich Wahrem, Schönem und Edlem ihr eigen llennt, nicht Feind diesem alteil, väterlichen Heiligthume, vielmchr „Fleisch von seinem Fleische" und „Blut von seinem Blute" sei, — mit anderen Worten, daß wir das ganze Judenthum, wie es uns in Thora, Talmud und Schulchan-Aruch überkommen ist, als gebildete Juden unverbrüchlich zu erfüllen haben, — das ist durch deren hervorragendste Männer in Wort und Schrift und That aller Welt bis zur überzeugendsten Evidenz documentirt worden. Und namentlich uns Oftsriesen kann hierüber kein Zweifel fein, wie Keiner unter uns. der auch nur einigermaßen im Stande ist, sich eine auf gewiffenhaste Prüfung basirende Ansicht zu bilden, darüber im Ungewissen sein wird, daß, wenn unsere Angelegenheiten in diesem Sinne von einem thatkräftigeu, verständigen, redlichen Manne geleitet werden, sie zu unserem und unserer Kinder Heil verwaltet werden. Wer kennt bei uns nicht den Namell Samson Hirfch's, der von 1841 bis 1847 unser Landrabbiner war"? Wie lebt nicht noch heute nach drei Dezennien die Erinnerung an ihn, an seine segensreiche Wirksamkeit auf dem Gebiete der allgemeinen Gemeinde-, wie der specielleu Schul- und Cultus-Angelegenheiten lebendig in den ostftiesischen Herzens Und ist doch dieser Mann eine der glänzendsterl Zierden des jüdischen Namens und einer der Hauptvertreter dieser Richtung! Die zweite Richtung nennt sich fälschlich die. „historisch-wissenschaftliche". Theils ausgesprochen, theils aus diplomatischer Klugheit unausgesprochen, leugnen ihre Angehörigen die Göttlichkeit der „mündlichen Lehre". Ohne feste Principien, ohne wahrhafte Ueberzeugung, will diese „Richtung" mit dem Judenthume nicht gänzlich brechen, aber einzelne Theile, einzelne Grundsätze werden von ihr als unverbindlich bezeichnet, und je nach dem Wunsche der Gemeinden glauben die aus dieser „Schule" hervorgegangenen Rabbiner einen Handel mit der Religion traben zu können, und maßen sich damit eine hierarchische Gewalt an, welche in Israel unerhört ist. da dieses in seinen Rabbinen keine über denk Ge? setze stehenden und davon nach Gutdünken drspensirendeu „Geistlichen", sondern „Gesetzeskundige" versteht, welche die Verwirklichung des A l l e n gegebenen Gesetzes zu fördern haben und weiter keine Machtbefugnisse besitzen. Wenn Geradheit und Biederkeit die sprüchwörtlich gewordenen charakteristischen Eigenschaften des oftfriefischen Stammes sind, um wie viel mehr sind die ostfriesischen Juden „die Söhne Jakob's", welchen Gott den Namen „Jeschurun", den Graden, Offenen, Redlichen ertheilte, geneigt, alle und jede Unwahrheit, jegliche Heuchelei aus tief innerstem Herzensgründe zu perhorresciren. Wo wäre aber die Lüge und die Heuchelei mehr zu verabscheuen, als auf dem Gebiete der Religion? Lüge und Heuchelei ist es aber, den Zweifel über die Verbindlichkeit des Gesetzes im Busen bergend, sich als Wächter dieses Gesetzes bestellen zu lassen, Lüge und Heuchelei ist es ferner, Phrasen auf den Lippen zu führen und im Gedanken ganz andere Begriffe mit diesen Phrasen zu verbinden, als man beim Hörer glaubeu machen will; Lüge und Heuchelei ist es, seine „religiöse Ueberzeugung" nach den jeweiligen Umständen zu modisiciren, in einer „frommen" Gemeinde den Gesetzestreuen, in einer reformfreundlichen den „Mann des Fortschrittes" spielen zu wollen. Einen Man», der, um eine gute Stelle zu erlangen, den Mantel nach dem.