Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1871)
- Date
- 1871-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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662 ) Die Israeliten von Prag hatten vor Allem einen neuen Primator zu wählen für nothwendig gehalten, damit dieser amtlich berufen sei, mit Nachdruck sich für die Aufhebung der Edicte zu verwenden. Ihre Wahl fiel auf Rabbi Samnel Sulzbach, der auch nicht zögerte, in diesen Zeiten der Noch seinen Glaubensgenossen seine Kräfte zu widmen. Aber der 31. Januar kam heran, und ein Erfolg war noch nicht erhielt. Die Prager Juden mutzten die Stadt verlassen, in der sie geboren waren, in der die Ueberreste ihrer Eltern ruhten, wo diese länger als ein Jahrtausend gelebt und gelitten hatten. Es war ein endliches Wetter, als der Tag anbrach, an welchem die Juden Prags die Stadt ihrer Väter verlassen mutzten Ein kalter, eisiger Ostwind fuhr schneidend vom Gebirge herunter, die Schneewolken vor sich hertreibend. Dian setzte die Kranken und die beim jüngsten Ueberfall der Panduren Verwundeten, sowie die Wöchnerinnen und kleinen Kinder auf Wagen. Ach, diese Elenden hatten kaum das nächste Dorf erreicht, als Biele von ihnen dein schrecklichen Wetter erlagen und starben. Rabbi Samuel Sulzbach, der für Alles sorgte, an Alles dachte, kaufte sogleich einen Acker in jenem Dorfe und lictz dort die Todten bestatten. Dieses Stück Feld wurde später der Friedhof der Prager Israeliten, als Kaiser Joseph II. den alten Friedhof schließen ließ und die Beerdigung der Todten außerhalb der Stadt anordnete. Als man die Kranken und Schwachen Hinweggehracht hatte. kehrten die Wagen zurück, um die Habe der Unglücklichen fortzutragen. Als auch dieses geschehen war, blieb noch das Letzte zu vollbringen übrig: die Ausräumung der Synagogen. Unter he^zerreitzendem Jammern wurden die heiligen Thorarollen aus den heiligen Laden genommen und auf die Wagen gebracht; dann wurden die Thora- Mäntel, die Vorhänge, Decken und Silbergeräthe hinzugetegt; aus der Alt - Neu - Synagoge wurde diegroße Fahne genommen, welche einst Kaiser Karl IV. vor mehr als 500 Jahren den Prager Juden in Anerkennung ihrer Verdienste um das Vaterland verliehen hatte. Nachdem all die heiligen Gerüche aus die Wagen gebracht waren und die Synagogen verschlossen werden sollten, da erhob sich ein Schluchzen und ein Weinen, das nimmer enden wollte. Noch einnlal drängte sich Alt und Jung in die geliebten Räume, wo sie so oft in Freud und Leid ihr Herz vor dem Allvater ausgegossen.- man warf sich zur Erde nieder und küßte die kalten Steinplatten; man küßte die heiligen Schreine, die in die Mauern gemauert waren, und die jetzt nackt und leer standen; man bedeckte den seines Schmuckes beraubten Tisch (Schulchan) mit Küssen und Thränen, ebenso die Säule (Amud), an welcher der Vorbeter betete. Mit Schmerz hatte nran sich von den eigenen Häusern getrennt — aber diese uralten Stätten der Andacht verlassen und sie der Verödung preisgcben zu müssen, das war ein namenloser, herzzerreißender Kummer. Namentlich war es die Altneuschul', von der man sich nicht zu trennen verniochte. Endlich ergriff der Rabbiner das Wort. „Meine geliebten Kinder," sagte er, „verzweifelt nicht. Der Gott, der uns heute von dannen ziehen heißt, gelobt sei Sein heiliger Name, Er wird uns auch wieder zurücksührcn, damit wir zu Ihm beten an diesen heiligen Orten. Jetzt aber wollen wir, wie am Schluffe des Versöhn« ngstages die heiligen Gottesnamen verkünden, damit Gottes Majestät uns geleite auf unserm traurigen Wege." Und mit lauter Stimme Hub er an zu rufen: „Schma Jisroel, höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Und Taufende und aber Tausende wiederholten den Rust weinend, jammernd, klagend, in heißer Andacht, bereit, das Leben hinzngeben für die Heiligung des göttlichen Namens. Und als der Ruf verhallt war, da Hub der Rabbiner auf's Neue an und sprach weinend: „Gepriesen sei der Name der Herrlichkeit Seines- Reiches immer und ewig!" Und wieder erscholl die tausendstimmige Wiederholung dreimal nach einander, und wunderbar erklang es, wie die so Hartgeprüftcn Gottes Regierung priesen, die doch Solches über sie verhängt hatte. Und als auch dieser Ruf verhallt war, da rief dev Rabbiner mit lauter Stimme: „Der Ewige ist Gott!" Und die Menge wiederholte den Ruf wie ihre Väter ihn einst dem Elijahu auf dem Berge Karmel nachgerufen hatten. Siebenmal erklang es wie Jubelton, und es war wie wenn es durch die Lüfte drang: „Was willst Du. grausame Kaiserin? Willst Du Gottes Volk vernichtend Gott rft mächtiger als Du — der Ewige, der Gott Israels, ist Gott, ist allein mächtig, und stark." Und dann tönte es wie Geflüster: „Der Ewige war König, der Ewige ist König, dev Ewige wird König sein immer und ewig." Darauf wurden die Synagogen geschlossen und die Menge zog von der geliebten Heimath hinweg in stummer Ergebung. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lebmann. — Verlag der Ue Roux'schcn Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdmäerei in Mainz.