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Der Israelit · 1871-08-30 · Heft 35 (30.8.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 35 (30.8.1871)
Date
1871-08-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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661 V was aus seinen Freunden geworden war. Das Haus Rabbi Samuels war sehr fest gebaut; da er einen Handel mit Juwelen trieb, so hatte er sich ein feuerfestes Gewölbe bauen lassen, das auch in gewöhnlichen Zeiten die kostbaren Steine, Gold- und Silbergeräthe, aus denen sein Waarenlager bestand, in sich aufnahm. Rabbi Samuel und die Seinen, zu denen sich noch der Freund Menascheh's, David Wiener, gesellt hatte, suchten beim Ausbruche der Plünderung Schutz in diesem Gewölbe; allein, es hätte dessen nicht bedurft; die schwere eiserne yausthüre hatte den Plünderern Widerstand geleistet, die sich damit begnügten, durch die eisenvergitterten Fenster in das Haus zu schießen. So war also die schreckliche Gefahr auch an dieser Familie glücklich vorübergegangen. Nur der Schmerz um das allgemeine Elend verdüsterte die Gemüther, und, wie es leider so häufig ist, wandte sich die Erbitterung der beraubten und mißhandelten Juden weniger gegen die Panduren als gegen einen Mann aus ihrer eigenen Mitte, der all dieses Unglück verschuldet haben sollte. Rabbi Simon Wols Fränkel oder Frankl, aus der hochberühmten Familie Spiro, war um diese Zeit Primator, das ist Bürgermeister, der Prager Judenstadt. Er war ein ebenso reicher, wie hochangesehener und wohlthätiger Mann; er war der Gründer des jüd. Waisenhauses und des Frankel'schen Beth Hamidrasch (Lehrhauses). in welchem noch kurz vor den erzählten Ereignissen der berühmte Rabbi Jonathan Eibeschütz gelehrt hatte. Aber er hatte einen großen Fehler; er war sehr prunksüchtig und ehrgeizig, und nicht opferfähig genug, um für das Allgemeine mit allen seinen Kräften einzutteten. Im Jahre 1741 hatte er zu Ehren der Geburt des Erzherzogs Joseph, des nachmaligen Kaisers Joseph H., m der Prager Judenstadt die glänzendsten Volksfeste veranstaltet. Aufzüge, bei denen die Teilhaber in den prächtigsten Kostümen, der Primator selbst im sechsspännigen Wagen, umgeben von uniformirten Reitern und Fußgängern, erschienen, Musikchöre, Feuerwerke, Illuminationen und Festessen hatte er auf eigene Kosten veranstaltet und dazu die Kaiserlichen Beamten sowie die Elite der Prager Bürgerschaft einladen lassen; jetzt gab man ihm Schuld, daß er durch jene verschwenderische Pracht die Augen des habgierigen Pöbels auf die Juden gezogen und so indirect zu den Plünderungen Anlaß gegeben, da man bei den Juden in Folge jener Schaustellungen fabelhafte Schätze vermuthete. Ja, noch mehr, beim Ueberfalle der Panduren war fein Haus aus dem Dreibrunnenplatze verschont geblieben, es war gar nicht angegriffen worden. Man vermuthete, daß er von der beabsichtlgten Plünderung Kunde gehabt, 'daß es ihm möglich gewesen, sie durch große Geldopfer abzuwenden, daß er aber nur an sich gedacht und durch Aufwendung einer kleinen Summe für sein Haus sich Sicherheit erkauft habe. Durch all diese Umstände war der einst so hochgeehrte Primator zum Gegenstände des Hasses und der Verachtung bei seinen Glaubensgenossen geworden; da kam ein neues Unglück hinzu, das diesen Haß noch steigette. Am 22. December 1744 wurde in Prag ein Edict der Königin (spater Kaiserin) Maria Theresia publicirt, welches alle Juden aus Böhmen verbannte; bis zum letzten Januar dürfe kein Jude, wollte er sich nicht den schwersten Strafen aussetzen, in der Stadt Prag angetroffen werden; bis zum 30. Juni mußten sie alle Böhmen verlassen haben. Ein ähnliches Edict ordnete die Vertteibunz der Juden aus Mähren an. Den Vertriebenen sollte es nicht gestattet sein, sich an irgend einem Orte der österreichischen Monarchie niederzulaffen. Welche Verzweiflung, welches Entsetzen dieses grausame Edict hervorrief, läßt sich nicht beschreiben. Mehr als hunderttausend Juden sollten mit ihren Frauen und Kindern, mit ihren Greisen und Kranken die Heimath verlassen, sollten beimathlos umherirren, sollten dem Hunger, der Noth und dem Elende preisgegeben werden! Und das Alles, so sagte man, hat der Primator Fränkel verschuldet! Er hat die Verfolgungen durch seine Prunksucht verursacht; er hätte später das Unglück abwenden können und hat es nicht gethan! Der unglückliche Mann konnte den allgemeinen Haß nicht ertragen. Am 7. Januar starb er plötzlich, nachdem er noch Abends zuvor in der Synagoge gewesen war; man wollte behaupten, daß fein Tod kein natürlicher gewesen. Unterdeß wurden Fasttage angeordnet, Gebete abgehalten. Man zog schaarenweis auf die Gräber der Frommen und betete dort um Abwendung des Unheils zu dem allmächtigen Gott. Stets um Mitternacht versammelte man sich in den Synagogen, und die Thränen flössen in Sttömen, die Stätten netzend, wo gar häufig das Blut heiliger Märtyrer geflossen und von der Erde ansgesogen war. Auch andere Mittel blieben nicht unversucht. Man erinnerte sich, daß die Israeliten aus dem weiten Erdemunde stets Einer für den Andern eingetteten seien. Man schrieb an alle Gemeinden der zerstreuten Lämmerheerde Israels und forderte sie auf, für ihre bedrängten Brüder thätig zu sein. Es gelang auch den israel. Gemeinden von Amsterdam, Rotterdam und dem Haag, die holländische Regierung für die bedrohten Israeliten Böhmens zu interessiren. Diese beauftragte ihren Gesandten, den Baron von Burmania, sich bei der Königin um Aufhebung jener grausamen Edrcte zu verwenden — allein diese blieb unerbittlich.

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