Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1871)
- Date
- 1871-08-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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642 Menaschch gehorchte der Mahnung des Freundes; in diesem Augenblicke drangen die Panduren ein, den Weg sich bahnend durch die Kasten und Kisten, mit denen man die Hausthüre verbarricadirt hatte. Noch wenige Minuten und sie kommen herein und stürzen nach in den Keller und ergreifen die Unglücklichen, die so rasch nicht entfliehen können. Da faßt Gabriel einen heroischen Entschluß. Kaum ist Menaschch einige Stufen hinuntergegangen, so wirst Gabriel die Kellerthüre zu und stellt sich darauf, seine schwere Eisenftange schwingend. In diesem Augenblicke dringen die Panduren ein, der Offizier voran. „Wo ist des Rabbi Tochter, Jude?" rust dieser dem heldeumuthigen Jüngling zu. Aber Gabriel schwingt mit Macht die Eisenstange und läßt sie mit solcher Wucht auf das Haupt des Offiziers fallen, daß dieser betäubt zu Boden sinkt. Ehe er seine Waffe wieder erheben kann, hat ein Pandur nrit seinem Säbel ihm den Kopf gespalten, röchelnd sinkt der edle Jüngling nieder; sterbend ruft er: „Schma Jisroel, Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" und mit dem Worte „einzig" haucht er die reine Seele aus. Hinweg über die Leiche des edlen Opfers stürmen die Panduren, voran der Offizier, der sich wieder erholt hat, denn solch ein harter PandurenschM'l kann viel ertragen. Sie stürmen die Treppe hinauf, sie finden Niemanden. Sie reißen die Schränke auf und nehmen manch kostbares Silbergeräth. Aber der Offizier läßt ihnen nicht Zeit. „Sucht mir erst das Mädel," rust er, „hernach ist ja doch Alles Euer!" Endlich kommen sie in den Keller. Gleich vorn steht ein großes Faß; sie öffnen das Spundloch und kosten. Hei, das ist edler Tockaierwein; es ist das ein Geschenk, das der Rabbi aus Ungarn von einem seiner Schüler erhallen hatte Jetzt hilft das Mahnen des Offiziers nicht mehr. Die Bande sängt an zu trinken und trinkt solange, bis sie berauscht am Boden liegt. Die Flüchtlinge waren glücklich durch die geheime Thüre in das Nachbarhaus entkommen; es war dies ein festgebautes Haus, in dem viele Familien wohnten, unter Andern der berühmte Talmudgelehrte Rabbi Nathaniel Weil, 2) der damals als Privatmann in Prag lebte. Auch dieses Haus wollten die Panduren erstürmen. Aber die starke, eiserne, durch mächtige Eisenstangen von 2) Cs ist dies der Verfasser des gelehrten talmudischen Werkes „Korban Neßanel"; er wurde später Oberrabbiner von Carlsruhe und Baden-Durlach. In dem Nachworte zu seinem Werke erzählt er von dem Ueberfalle der Panduren in Prag. Innen gehaltene Hausthüre war zu fest und konnte nicht erbrochen werden. Während die Panduren die Thüre einzuschlagen sich abmühten, warfen die Bewohner des Hauses mit Steinen aus den Fenstern und tödteten und verwundeten Viele ihrer Feinde. Dagegen schossen die Panduren durch die Fenster. Rabbi Nathaniel, der die Vertheidigung leitete, war oft in der größten Gefahr. Wie er selbst in seinem Werke „Korban Neßanel" erzählt, flogen nacheinander neun Kugeln an seinem Kopfe vorbei. Endlich gaben die Räuber es auf, im dieses Haus zu dringen und entfernten sich mn anderswo Beute zu suchen. Unterdeß harrten der Rabbi und die Seinen sowie Menaschch in Todesangst unten im Keller; sie konnten nicht hrnaus in das Haus, denn die Kellerthüre mar verschlossen; sie hörten die Panduren im Hause des Rabbi toben und wüthen; sie wälzten Fässer und Gerüche vor die Thiire, durch die siehereingekommen waren, und sandten heiße Gebete zun: Vater im Himmel um Rettung empor. Nach einigen, in fürchterlichster Angst verbrachte!: Stunden wurde es still. Menaschch wagte es, an die Kellerthüre zu klopfen; man öffnete und die dem Tode Entronnenen stiegen ans Licht empor. Um Mittag wurde zum Rückzuge geblasen; die Plünderung hatte ein Ende. Aber ach, wie Viele waren den Panduren zum Opfer gefallen! Nahe an hundert Todte wurden noch denselben Nachmittag bestattet, über fünfhundert Bewohner der Judenstadt lagen an den erhaltenen Wunden schwer darnieder. Als der Rabbi und die Seinen in das Rabbinerhaus zurückkehrten, fanden sie die Leiche des edlen Gabriel, der sich für sie geopfert hätte. Laut jammernd stürzte sich der Rabbi auf den todten Körper und bedeckte ihn mit Küssen und Thränen. „Gabriel, mein Sohn," rief er, „o, wäre ich statt Deiner gestorben! Wie wird Dein greiser Vater diese Trauerkunde ertragen!" Noch an demselben Tage wurde auch Gabriels Leiche, kurz vor dem Beginne des Sabbats, zur Erde bestattet. Kein Denkstein schmückt des heldenmüthigen Jünglings Grab; nur das Memorial-Buch der Mainzer Gemeinde gibt Kunde von dem Ende des edlen Jünglings, „der da starb, den Namen Gottes heiligend." Das war ein trauriger Sabbat, der nun anbrach, und doch sollte der nächste noch Traurigeres bringen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schcn Hofbuchtzandlung. I. G o t t s l e b en's Buchdruckerei in Mainz.