Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1871)
- Date
- 1871-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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den hatten die Festung verrathen und die Preußen nach Prag gebracht. Was half es, daß der preußische Commandant, oer bald darauf Prag zu räumen gezwungen war, die Vertreter der Stadt zu sich entbot und ihnen aufs Feierlichste betheuerte, daß zwischen den Preußen und den Juden niemals ein Einverständniß bestanden' habe, was half es, daß der Commandant den Bürgern ihre Waffen zurückgab, damit sie bei der Rückkehr der Panduren die Juden schützen könnten? Im November des ^Jahres 1744 muhten di^ Preußen sich von Prag zurückziehen, und die österreichischen Heere, unter ihnen die Panduren, besetzten die Hauptstadt Böhmens. Es war an einem Donnerstage, am 21. Tage des Monats Kislew des Jahres 5505 (am 26. November 1744), als sich das Gerücht verbreitete, die Panduren hätten die Erlaubniß erhalten, die Prager Judenstadt zu plündern. Augenblicklich schloß man die Thore des Ghetto, Alles zog sich in die Häuser zurück; man verschloß und verbarricadirte die Thüren und Häuser, und jeoer Mann und jedes Weib, Greise und Kinder, bewaffneten sich so gut sie konnten, um ihr Leben und ihr Eigenthum so gut als möglich zu vertheidigen. Allein, es fehlte an Waffen, und die friedlichen Söhne Jacobs Hüttenrauch nicht damit umzugehen verstanden. Unter furchtbarem' Geschrei drangen die Panduren vom Altstädter Ring herein, zerstörten die Thore der Judenstadt und überschwemmten die Straßen derselben. Hier war Alles todtenstill, alle Häuser waren verschlossen, und jedes Haus schien sich in' eine Festung verwandelt zu haben. Da fingen die wilden Kriegsgesellen an, die Thüren zu erbrechen; aber aus den Fenstern der Häuser fiel ein Steinregen herab und verwundete und tödtete Viele. Doch die Panduren schossen in die Fenster hinein, und wehe den Unglücklichen in demjenigen Hause, dessen Hausthüre die Panduren erbrochen hatten und hineindrangen. Da wurden die Männer niedergemacht, die Frauen, die Töchter, die Knaben geschändet, verstümmelt und getödtet; alles Werthvolle wurde geraubt und die Möbel wurden zerschlagen; alle Thüren und Schränken wurden erbrochen, die Sachen, die den Panduren nicht gefielen, umhergestreut; sie drangen in die Keller und wühlten den Boden aus, nach verborgenen Schätzen suchend; sie bemächtigten sich der Getränke, des Weines, des Bieres oder des Branntweins und tranken solange, bis sie wie todt niederfielen. Menascheh und sein Freund Gabriel Brandeis waren gerade beim Oberrabbinen, als die Schreckenskunde der bevorstehenden Plünderung kam; sie beschlossen da zu bleiben, um, womöglich, den Rabbi und seine Tochter, die liebliche Sarah, zu schützen. Sie verrammelten die Thüre so gut als möglich; Gabriel nahm eine große. starke Eisenstange, Menascheh hatte ein „Chalef" *) gesunden, der Rabbi besaß zufällig ein altes, halbverrostetes Schwert, und Sarah sowie die alte Magd hatte jede eine Feuerzange ergriffen. So warteten sie der Dinge, die da kommen sollten, entschlossen, ihr Lebe« so theuer als möglich zu verkaufen. Allein am Donnerstage blieb Alles still in der etwas entlegenen Rabbinergasse. Die Panduren zogen es vor, die Häuser der Reichen in der breiten Gasse, in der goldenen Gaffe, in der Pinchasgasfe zu plündern. Welche Schätze durfsie auch bei dem Rabbiner erwarten? Es war ein schrecklicher Tag. Von der Feme hörte nran das Fluchen und Wüthen der Panduren, das Wehegeschrei der Mißhandelten, der Verwundeten, der Sterbenden. Mus den schrecklichen Tag folgte eine traurige Nacht. Zwar hatte bei Einbruch der Nacht das Morden und Plündern nachgelassen; allein die Panduren hatten sich in der Judenstadt gelagert, um die Flucht der Juden zu verhindern und bei Anbruch des Tages den entsetzlichen Tanz aufs Neue zu beginnen. Während dieser furchtbaren Nacht wagte Niemand im Ghetto der Ruhe zu pflegen; konnte man doch nicht wissen, ob nicht die Panduren in der Mitte der Nacht das Morden und Plündern wieder aufangen würden. Endlich brach der Morgen des 22. Kislew an — ei« blutiger Morgen. Der Rabbi und die zwei Jünglinge hatten das Morgengebet unter Thränen und Wehklagen gebetet. Da nahten sich lärnxende Stimmen dem Rabbinerhause. Es war ein Offizier, der eine Truppe Panduren führte. „Kinder," hörte man ihn rufen, „ich habe Euch gestern geholfen, Geld und Geldeswerth zu erbeuten; heute müßt Ihr mir helfen. Der Judenrebbe soll eine schöne Tochter haben, das schönste Mädchen von Prag. Ich schenke Euch meinen Antheil an der Beute, wenn Ihr mir helft, die schöne Maid zu erringen." Mit Entsetzen hörten die droben die furchtbaren Worte. Gerade auf das Rabbinerhaus zog die schreckliche Rotte; bald hörte man Axtschläge gegen die Thüre fallen. Wie lange noch, und die Gräßlichen werden oben sein und das Grauenhafte vollbringen! „Wir müssen fliehen!" ruft der Rabbi, „im Keller ist eine verborgene Thüre, die ins Nachbarhaus führt. Vielleicht sind wir dort sicherer." Die zu Tode Geängstigten eilen die Treppe hinunter; sie heben die schwere Kellerthüre, eine sogenannte Zusallthüre auf, und hinuntereilen der Rabbi, seine Tochter und die Magd. „Schnell, schnell hinab, Menascheh," ruft Gabriel, „schon ist die Hausthüre eingeschmgen." 1) von chaleba, Schlachtmessex.