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Der Israelit · 1871-08-23 · Heft 34 (23.8.1871) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 34 (23.8.1871)
Date
1871-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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636 seiner Vernunft, und die Fürsorge, daß sein Wissen und Erkennen nichts Todtes in ihm sei, sondern daß dasselbe lebendig und kräftig auf seinen Willen einwirke. Diese zwei Seiten der menschlichen Natur hat der Psalmist im 49. Psalm in zwei fast gleichlautenden Versen uns vorgeftetlt. Der Wille ist's, der den Menschen groß macht Was Alles hat doch der Mensch durch seinen festen, starken Willen möglich gemacht! Er baut sich Häuser und Paläste, er zähmt die Thiere und macht sie sich dienstbar und nutzbar; er bahnt Wege über den Länder-. trennenden Ocean hinweg; er lauscht der Natur ihre Gesetze ab und nützt sic zu seinen Zwecken; er schreibt mit dem Blitze, matt mit dem Sonnenstrahl, fährt mit dem Dampfe; Raum und Zeit hat er überwunden; leblosen Dingen hat er gleichsam Leben eingehaucht und zwingt sie, seine Kleider zu weben und zu nähen, Zeinen Acker zu pflügen, sein Korn zu dreschen und zu mahlen. Wie groß ist doch die Würde, ip", des Herrn der Schöpfung! Den Löwen, den Elephanten, das Kameel kann er zähmen, das stolze Roß und der Stier tragen willig fein Joch, der heimtückischen Schlange nimmt er ihren Giftzahn, über reißende Flüsse schlägt er Brücken, die Berge durchbohrt er, um durch ihr Eingeweide sein Dampfroß zu lenken, durch die Meere zieht er feinen Draht, um durch die unendlichen Wassermafsen hindurch den von ihm künstlich erzeugten Blitz zu senden, der in unvorstellbarer Geschwindigkeit Nachrichten, oftmals geringfügige Nachrichten von einer Seite der Erde zur andern bringe! Und die leblosen und doch so mächtig und emsig ätbeitenden Diener, die er sich geschaffen, die gewaltigen Maschinen, welche m kurzer Zeit Hervorbringen, was tausend Hände nicht zu erwirken vermöchten! Wahrlich -ipo cnx, die Würde des Erdensohns ist groß. Aber was hilft sie ihm? Wie rasch verfließt des Lebens kurze Spanne Zeit, wie bald naht die Nacht des Todes, und dann, und dann? O, höret mich, ihr Mächtigen und Geringen, ihr Reichen und Armen; icm mnras pn -ip'O disi Und der Mensch in seiner Herrlichkeit liberdauert die Nacht des Todes nicht; dann gleicht er den Thieren, die spurlos vergehen. Aber nur der Mensch gleicht den Thieren, die spurlos vergehen, welcher kein anderes Ziel kennt als diese irdische Herrlichkeit, dessen Wille nur darauf gerichtet ist, zu schaffen, zu erraffen, zu besitzen, um genießen zu können. Diesem nimmt der Tod Alles, und wenn er stirbt, hat er Alles, Alles verloren, und vorbei ist es mit seiner Herrlichkeit auf immer. Aber der denkende Mensch, welcher die Einsicht hat, daß die irdische Herrlichkeit nur eine vergängliche ist, daß sein Wille nach den edlen, unvergänglichen Gütern des Geistes und des Herzens zu streben hat, der gleicht auch im Tode nicht den Dhieren, die spurlos vergehen; ihm leuchtet die Hoffnung durch des Todes Nacht in das Jenseits, ihn führt Gott über das Grab hinaus in die ewige Wohnung der Frommen. 5ÖT> DTK Nur der Mensch, dem in feiner irdischen Herrlichkeit die höhere Einsicht mangelt, gleicht den Thieren, die spurlos vergehen. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Bericht. Wissen und Glauben, oder: Der Mensch und der Israelit. Von Siegmund Krauß aus Körös Ladäny. Pest. Der rühmlichst bekannte Verfasser hat an den jüngsten jüdisch-religiösen Kämpfen in Ungarn den lebhaftesten Antheil genommen; derselbe war Mitglied der Conferenz, des Cvngreffes, Redacteur des Magyar zsido, Präsident der constituirendcn Versammlung der orthodoxen Juden Ungarns und Siebenbürgens "und ist noch heute Mitglied der Durchführungscommission. In der Einleitung werden die isr.-ungarischen Verhältnisse besprochen. Die Haltung des von ihm redigirteu Magyar zsido entschuldigt Herr Krauß mit der Haltung der Gegner, dem Sprichworte, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehöre, entsprechend; es ist nur zu bedauern, daß Gewohnheit gar bald zur zweiten Natur wird, und daß der grobe Keil nicht nur den groben Klotz trifft, sondern sich nur zu bald gegen Alles wendet, was irgendwie ihn reizt. Wir richten diese Worte nicht an die Adresse des Herrn Krauß, sondern an die keiner Nachfolger im „groben Keilen", an die Redacteure des „Trad. Judth." und des „Scheweß Achim". Doch dies beiläuftg. In einer Anmerkung kömmt der Verfasser auf diejenigen Orthodoxen zu sprechen, welche ein Rabbinerseminar als solches nicht perhorresciren, welche im Gegentheil der Ansicht sind, daß es gerathen sei, auch die profane Bildung der künftigen Rabbinen derart zu leiten, daß dies.lbe nicht zum Abfall und zur Jrreligiösität führe, wie das leider in den jüngst verflossenen Jahrzehnten so häufig geschehen. Man kann über die Zulässigkeit orthodoxer Rabbinerschulen, in denen ein gewisser Bildungsgrad in den profanen Wissenschaften erstrebt wird, verschiedener Ansicht sein. Daß aber die Organe der jüdischen Orthodoxie in Ungarn Jeden mit Hohn, Spott und Schimpf überschütten, ja, als Heuchler brandmarken, der einer solchen Rabbinerschule das Wort redet, das ist tief zu beklagen. Wir haben zu all den tödtlichen Beleidigungen der sogenannten Organe in dem Bewußtsein

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