Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 12 (1871)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1871)
- Date
- 1871-08-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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626 f . Vorlesungen des Oberrabbinen und machte sich bald unter den Schülern desselben durch seine Belesenheit im Talmud wie durch seinen Scharfsinn einen großen Namen. Auch mit den Söhnen seines Wirthes studirte er eifrig nnd bereitete diese noch sehr jungen Leute so sorgfältig vor, daß auch sie mit Nutzen die Vorlesungen des Oberrabbiners besuchen konnten. Rabbi Samuel und lein Weib chatten davon nicht geringe Freude, täglich gewannen sie den fremden Jüngling lieber, dessen offenes, herzliches, liebevolles Wesen, dessen sprühender Geist, dessen chrlicher, biederer Character, dessen aufrichtige Frömmigkeit und eiserner Fleiß ihm ohnehin alle Herzen gewannen. Abraham nnd Simon, die Söhne Rabbi -Samuels, hingen an ihrem jugendlichen Lehrer mit schwärmerischer Liebe und Verehrung; was Wunder, daß Mirel, die älteste Tochter des Hauses, eine tiefe Zunei- ' gung für den edlen Jüngling faßte! Die Eltern sahen mit Vergnügen diese Zuneigung keimen und wachsen; sie wünschten sich keinen bessern Schwiegersohn, und nur die große Jugend der beiden jungen Leute — Menascheh zählte siebenzehn und Mirel erst fünfzehn Jahre hielt sie zurück, die Verlobung derselben schon jetzt - herbem,führen. Unter den vielen Jünglingen, welche zu jener Zeit Ät Prag dem Talmudstudium oblagen, waren es namentlich zwei, die mit Menascheh einen innigen Freundschaftsbund schloffen, David Wiener aus Postelberg in Böhmen und Gabriel Brandeis aus Mainz. Beide waren gleich ausgezeichnet durch die edelsten Eigenschaften des Geistes und Herzens; beide waren hochbegabt .und bereits ttef eingedrungen in die talmudische Wissenschaft; sie waren bis vor kurzer Zeit Schüler des berühmten Rabbi Jonathan Eibeschütz gewesen, der in Prag in oem von Rabbi Simon Wosi Frankel gegründeten Lehrhause (Beth Hamidrasch) gelehrt hatte. Vor einigen Monaten erst war dieser große Lehrer in Israel alsObenabbiner nach Metz in Frankreich berufen worden. David Wiener war der Sohn sehr achtbarer, einst wohlhabender Eltern, Re aber in ihren Vermögensumftänden znrückgekonnnen '««kren; die Wohlthätigkeit der Prager Israeliten ermöglÄhte ihm, dort seinen Studien zu leben. Gabriel Brandeis war der Sohn des großen Mainzer RabbiNen, Moses Brandeis, den man allgemein Rabbi Moscheh Charis, das ist „der Scharffinnige", nannte. Gabriel Hiev den Scharfsinn seines Vaters geerbt zu haben; b,s zur Ankunft Menascheh's war er der erste Schüler der Prager Hochschule gewesen; aber trotzdem er durch Menascheh's herrliche Gaben verdunkelt wurde, blieb sein -Herz doch frei von Neid und er sah mit Wohlgefallen den Freund all das Lob ernten, das sonst wohl chm .wäre gespendet worden. Durch Menascheh kamen auch Iiese beiden Jünglinge häufig m das Haus Rabbi S.a- Nluel Eulzbachs, und David Wiener faßte eine heftige Neigung zu Mirel; aber er verschloß sie mit Macht in seine Brust; er sah, daß das edle Mädchen für den Freund bestimmt war und ergab sich in den Gedanken, daß seine gehein,en Wunsche niemals von Erfolg würden gekrönt werden. So verging ein Jahr. Der österreichische Erbfolgekrieg, auch der erste schlesische Krieg genannt, fand seinen Abschluß durch den Frieden von Breslau am 11. Juni 1742. Jetzt konnte Menascheh seinen vermeintlichen Eltern Nachricht von sich geben; diese hatten ihn bereits todt geglaubt und empfingen mit Entzücken den ersten Brief, den sie sofort beantwotteten; die Antwott war voller Segenswünsche für Rabbi Samuel Sulzbach und die Seinen ob all des Guten, das sie Menascheh erwiesen hatten. Noch zwei Jahre, schrieb Rabbi Paltiel solle Menascheh in Prag bleiben, und dann als tüchtiger Talmudgelehrlcr nach Frankfurt zurückkehren. Dggegen proteftrrte nun Rabbi Samuel Sulzbach; niemals verlangte er, solle Menascheh auf die Dauer nach Frankfurt zurückkehren; er solle in Prag bleiben, schrieb er an Rabbi Paltiel, und seine Mirel heirathen. Wäre dieser Vorschlag früher gemacht worden, so hätten ihn Rabbi Paltiel und seine Gattin mit aller Energie zurückgewiesen.' Allein Rabbi Paltiel hatte durch die jüngsten Kriegsereignisse einen großen Theil seines Vermögens verloren, und so glaubte er, sich einem Vorschläge nicht entschieden widersetzen zu dürfen, der das materielle Wohl des geliebten Pflegesobns zu begründen geeignet war; zudem boten die Verhältnisse in Frankfurt der Niederlassung Menaschehs daselbst nicht geringe Schwierigkeiten; selbst die eingeborenen Söhne det Frankfurter Israeliten konnten nur schwer die Erlaubniß zur Gründung eines Hausstandes (Jronitz, vollständig Hattoraß Jroniß) erlangen; welche Schwierigkeiten mußten sich erst einem Adopttvsohne entgegerfftellen! Die Paruaßim (Vorsteher) verfuhren dabei nach Willkür und oft konnte ein Jüngling nur dann die gewünschte Erlaubniß bekommen, wenn er das Mädchen zum Weibe nahm, das ihm der autokratische Parneß bestimmte, gleichviel, ob solch ein Ehebund den Wünschen des Jünglings und der Seinigen entsprach! Alle diese Erwägungen veranlaßten Rabbt Paltiel ausweichend zu antworten. „Die Kinder find noch zu jung," schrieb er nach frag, „kömmt Zeit, kömmt Rath, und dann auch H-cheit und Hei-Rath." Ja, die Zeit verging: aber sie sollte Schreckliches iu ihrem Schooße bergen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. PrrautWOttUche Redaction: Dr. L cd mann. — Verlag der Le R o u r'schtN Hojduchhandtnug. Z.G.ttSlcben'r Vuchdruck-rel in Maiuz.