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Der Israelit · 1871-08-16 · Heft 33 (16.8.1871) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 33 (16.8.1871)
Date
1871-08-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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625 der Synagoge trat. Rabbi Samuel Sulzbach, der eine aridere Synagoge — es gibt deren in Prag neun große und und sehr viele kleine — besucht hatte als Menascheh, war schon zu Hause und hatte bereits den den Juden am Sabbat begleitenden Engeln seinen Willkommensgruß gesungen; er trat auf den schüchtern an der Tyüre stehenbleibenden Menascheh zu, und reichte ihm tritt herzlichem Gruße die Hand. Dann setzten sich Alle, der Hausherr, die Hausfrau, die Söhne und die Töchter an deir Tischt an welchem auch Menascheh Platz nahm, und man sprach beim gefMen Weinglase das Kiddusch, die Heiligung des Sabbats. Nachher wusch man sich die Hände, und der Hausherr brach das eine der beiden Sabbatbrode und vertheilte cs. Sodann wurden „blaue" Karpfen aufgetragen, wie man sie nur in Prag zu bereiten versteht, ein Nationalessen, das viel besser schmeckt als die berühmten böhmischen Dalken oder Dollen, denen der Fremde selten Geschmack abzügewinnen weiß. „Woher seid Ihr?" fragte, als die Fische verzchrt waren, der Hausherr seinen Gast. „„Aus Frankfurt am Main."" „Aus Frankfurts Mutter, hörst Du, der Bochur ist aus Frankfurt." „„Seid Ihr vielleicht bekannt in^Franksurt Rabbi Schmust?" " „Ein wenig; ich habe lange draußen im Reiche gelebt. Wem gehört Ihr an?" „„Mein Vater heißt Rabbi Paltisl Kann."" „Wie, Euer Vater ist einer von den reichen Kannischett, und Ihr kommt in einem solche Zustande nach Prch'?" „„Die Panduren haben mich unterwegs ausgeplündert."" „Ihr seid den Panduren in die Hände gefallen und seid lebend: davon gekommen? O, erzählet doch, wie sich das. erreignet hat." Und Menascheh fing an zu erzählen von seiner glücklichen Kindheit, von seinen geliebten Ettern, von seinem schönen Frankfurt und dessen gelehrtem Rabbinen, von dem Streite der Kannischen uyd Kulpischen, durch den alle Berhältnisfie, namentlich das Thorastudium nothlitten, von seiner Reise, dem Ueberfall und all deck Elende, das er bisher erduldet; die Thränen kamen ihm unwillkürlich, und auch seine Zuhörer waren gerührt. „Weinet nicht," sagte der Hausherr, sich Wer die Thränen. trocknend, ift- Sabbat heute; laßt uns. lieber „etwas Thora" 2) hören." Gern willfahrte Menascheh der Aufforderung; er trug eine scharffinnige Abhandlung aus dem Tractate Peßachim vor und fand an Rabbi Samuel und dessen jungen SöhNen aufmerksame Zuhörer. ' Als er geendet hatte, sagte der Hausherr: „Ich sehe, Ihr seid ein tüchtiger Talmudist; ich wünsche mir schon lange einen solchen, der halb ein Chaver (Genosse), halb als Rabbi (Lehrer) mit meinen Söhnen zusammen lerne. Bleibt' bei mir in meinem Hause; ich gebe Euch Alles, was Ihr braucht und noch einen mäßigen Gehalt. Ihr sollt schon heute^ Abend hier bleiben, damit Ihr nicht in das schmutzige Wirthsyaus zurückz^kehren braucht." Trotz des Sabbats weinte Menascheh aufs Neue, aber diesmal vor Freude; so hatte ihn denn Gott schon so bald über alle Fährlichkeiten hinweggeholfen. Aber die Freude sollte nicht lange währen; die Angst, die Aufregung, der Kummer und der Mangel hatten Menascheh aufs Tiefste erschüttert und als mit dem Ende der Noch auch die Spannkraft, die ihn bis jetzt aufrecht gehakten, nachließ, verfiel er in eine hitzige Krankheit. Welch ein Glück war es, daß et sich schon im Hause Rabbi Samuels befand! In der elenden Herberge oder im Hekdefch 3) wäre er sicher erlegen. Allein hier fand er die sorgsamste Pflege. Namentlich war es Mirel, die junge Tochter des Hauses , die den Fremden mit wahrhafter Aufopferung pflegte. Neun Tage lang schwebte Meitascheh zwischen Leben und Tod; dann aber schritt er rasch der Genesung entgegen. Seine Dankbarkeit gegen seine edlen Wirthe kannte keine Grenzen, und er gelobte sich, mit allen seinen Kräften danach zu ftteben, einen Theil seiner Schuld womöglich abzutragen. Als Menascheh genesen, war, beeilte er sich dem Oberrabbiner von Prag, einen Besuch zu machen. Hier fand er einen. Brief. von feinen Ettern vor, die seinetwegen in der größten Angst waren. Ein Geschäftsreisender, der aber schon wieder abgereist warj, hatte den Brief mitgebracht. Es machte Menascheh nicht wenig; Kummer, daß. er. zu antworten außer Stande war, da. die Post keine Briefe nach Frankfurt, beförderte; denn diese Stadt, wurde um. diese Zeit von den mit den Preußen. veMndeten Franzosen besetzt, gehalten. Er mußte sich in. Gedull» fassen, bis die kriegerischen Ereignisse durch den Frieden ihren. Abschluß finden würden. Nicht genug konnte, er. die Vorsehung, preisen, die ihn bei dem gänzlichen Abgeschuittensein von der Verbindung mit der Heimath ein Asyl im Hanse, seines Wohlthäters hatte finde», lassen. Als Menascheh vollständig genesen war, nahm er mit sW. Studien wieder, auf. Er vefuchte ^e 3) Spital. 2) Eine talmudisch-religiöse Abhandlung.

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