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Der Israelit · 1871-08-16 · Heft 33 (16.8.1871) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
12 (1871)
Issue
Heft 33 (16.8.1871)
Date
1871-08-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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«23 Rede am Fasttage der Gemiluth-Chassadim-Ehebra ausdrücklich deshalb nicht zuerkannt wurde, weil er in Privatkreifen sich gegen die völlige Gesetzmäßigkeit der Neuerungen ausgesprochen haben soll. Inzwischen hat der reformirte Gottesdienst noch keinen der hiesigen Gemeindemitglieder dazu vermocht, das bisher geöffnete Geschäft am Sabbat zu schließen, wenn auch zugeftanden werden kann, daß die herrliche Synagoge und die vorzügliche Stimme des Cantors ihre Anziehungskraft dergestalt ausüben, daß hin und wieder Mancher, der sonst nur an dem Jomim Noraim in die Synagoge .u kommen Pflegt, auch am Sabbat erscheint Der Gottesdienst hat vielfach den Charakter einer Theater¬ oder Concertvorftellung angenommen. — Um eine besonders schwierige neue Piece mit künstlerischer Vollendung zu executiren, werden Nichtjuden zum Chore herangezogen und so hörte man z. B. vergangenen Schabuoth die Soli im Ma Towu von einem Nichtjuden vorgetragen, zufällig war als Soloparthie: Weani berow chasdecho u. s. w. gesetzt! — Diese zeitweise Mitwirkung wird natürlich von unserm Rabbiner diplomatisch ignorirt- Die musikalische Aufführung ist überhaupt dasjenige Moment, auf welches die maaßgebenden Persönlichkeiten das Hauptgewicht legen; alles Andere erscheint als Nebensache. Vor und nach der Predigt wird ein deutscher Choral gesungen. Um diesen vorzüglich vortragen zu können, sah man kürzlich den Chor während des „Leinens" sich in corpore entfernen, um noch einmal Generalprobe der deutschen Choräle abzuhalten. Kurz, es ließen sich die Beispiele in großem Maaße vermehren, um zu erkennen, daß »ran hier zu glauben scheint: das Judenthum feiere seine größte Verherrlichung in einer vollendet ästhetisch musikalischen Form des Gottesdienstes. Wer anderer Ansicht ist, wird als fanatisch, finster, streitsüchtig anathematifitt! Denn die Kanzel erscheint allerdings als der bequemste Ort, um gegen die „Orthodoxen" zu Felde zu ziehen; man befindet sich im Ornate unter dem Schutze des Gesetzes, welche eine Erwiderung an Ort und Stelle unmöglich macht, indem es als gottesdienstliche Störung eine derartige ahndet. Es gehört daher eben kein besonderer Muth und Scharfsinn dazu, aus der völlig gedeckten Position mit Verdächtigungen, Anschuldigungen und Schmähungeir vorzugehen. — So wurde u. A. die Schabbß-Nachmn-Predigt dazu benützt, gegen die Augsburger Synode zu sprechen und anderntheils gegen die Orthodoxen, Denen der Bameh-Madlikin der Leuchtthurm des Glaubens sei! — Als Kuriosum sei hier der allerneuesten oberhirtlichen Weisheit unseres Landravbiners gedacht. Derselbe hat mittelst Circular sämmtliche Lehrer seines Bezirkes unter Ander« angein dem Schere HMychen Theschua das Wort roiorn auszulassen. — Als ob wir nicht mit allen Deutschen zusammen Sott anzuflehen hätten. daß Er de« Kaiser einen «eichet miven Vin» gaoühren möge! — Es hat aber dem Landrabbiner ohne Zweifel Sfer Gedanke vorgeschwebt: in dem geeinigten Deutschland, unter dem Schutze des Reichstages, in welchem auch Juden ihren Platz finden, sei es unwürdig für uns Juden, um noom zu bitten; wir verlangen nur unser Recht! — Eine auch nur oberflächliche Anschauung der Stellung dieses Wortes in dem betreffenden Gebete laßt aber die grenzenlose Gedankenlosigkeit jener landrabbinatlichen Verfügung erkennen. Während man seine Zeit mit dergleichen Allotria verbringt, wird das Schulwesen in strafbarem Leichtst«« vernachlässigt. Schon vor fast zwei Jahren hat. das Repräsentanten-Collegium einstimmig eine Commission zur Verbesserung der als total ungenügend erklärten Religionsschule ernannt. An der Spitze dieser Commision sieht natürlich der Landrabbiner; aber dieser, anstatt eine so einmüthige, weise Entschließung der Gemeindevertretung mit Freuden zu begrüßen, läßt die Sache am liebste« im Sande verlaufen. Wir haben hier auch bereits ein in die Register der jüdischen Gemeinde eingetragenes unbeschnitdenes Kind. — Zu energischen Schritten hat aber der Landrabbiner in dieser Angelegenheit sich nicht entschließe» können. So treibt unser Gemeindeschiff aus dem Stwme des „vernünftigen, gemäßigten Fortschritts", „ohne Überstürzung" - dem Hafen des Jndifferentismus, der krassesten Unwissenheit und endlich der „radikalen" Reologie entgegen, — wenn sich nicht noch in fast'letzter Stuude unsere „Frommen" zu einem mannhaften Handeln erheben. — Aus Breslau erhalten wir die traurige Nachricht von dem frühen und plötzlichen Tode des Kaufmanns, Herrn Mordechai Hausdorff. Der verstorbene ein Bruder des weitbekannten Rabbi Selig Hausdorf '"2 in Jerusalem, war in der heiligen Thora sehr bewandert, wandelte einen streng religiösen Wandel uud that den Armen viel Gutes. Groß ist der Wehruf der Armen und der Jammer der Hinterbliebenen.. Möge« die Letzteren Trost finden in dem Bewußtsein, daß der theure Verstorbene in jener bessern Welt reichliche Belohnung für sein auf Erden so wohtthätiges Wirken erhält. "s* j"a T arnopol. Wie der Jb. An. mittheilt, wurde einem armen Glaubensgenossen die Aufnahme in das jüdische Spital verweigert, obgleich er angab, daß er sich schwer krank fühle. Ein christlicher Bürger vermittelte deffen Ueberführnng ins christliche Spital, wosevst er auch nach mehreren Tagen, während deren er sich aufs Aeußerste weigerte, verbotene Speisen zu genießen, starb, ohne daß irgend ein Glaubensgenosse zugegen gewesen. Eine solche Handlungswerse, die gewiß in iSr. Gemeinden höOt selten fortkommen, verdiente ei« öffenttiche Rüge.

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